Surfer-Initiative in Westfalen Eine Dauerwelle für Lippstadt

Eine Welle wie am Münchner Eisbach - das wäre es! Vier Surffreunde kämpfen für mehr Action im brandungslosen Westfalen. Selbst die Behörden sind schon begeistert von einem Surfspot in der Lippe.

WALDEN/ Henrik Frensch

Von Malte Brenneisen


Die Sonne steht hoch über den Lippstädter Auen. In der Mitte einer Wiese, auf einem Strohballen, wippt ein junger Mann mit Sonnenbrille und Shorts auf seinem Surfbrett. Er kaut auf einem Grashalm, den Blick Richtung Fluss gerichtet. Dann springt er vom Ballen, klemmt sich das Brett unter seinen Arm und läuft aus dem Bild - Schnitt.

Alexander Lempke, 34 Jahre, gebürtiger Westfale, Architekt, leidenschaftlicher Surfer. Genau wie seine Freunde Max Kersting, Stefan Schulte-Beerbühl und Henrik Frensch. Vier, die sich schon seit Schul- und Skateboardzeiten kennen und die die Wellen der Welt gesehen und geritten haben.

Gemeinsam haben sie den Kurzfilm "Lippstädter Welle - The Search" gedreht. Darin rollt Alexander auf einem Surfboard, unter dessen Unterseite er ein Longboard mit Rollen geschraubt hat, durch die Stadt und wirbt für eine ebenso absurd klingende wie ernst gemeinte Idee. Denn warum sollte ihre Stadt nicht haben, was Surfspots in Australien, Kalifornien oder Hawaii besitzen? Auch Lippstadt braucht eine waschechte Welle!

Surfen im Venedig Westfalens

Lippstadt? Ausgerechnet Lippstadt, könnte man jetzt sagen. Dieser meerferne, strandarme, brandungslose Ort im Herzen Westfalens. Wie soll man hier surfen zwischen Römerradweg und rückgezüchteten Auerochsen?

Aber genau darum geht's. Dazu muss man wissen, dass der 70.000-Einwohner-Ort dank seiner Lage an der Lippe mehr Wasser besitzt als vielleicht vermutet. Lokalpatrioten nennen ihn wegen seiner vielen Brücken ganz unbescheiden "Venedig Westfalens".

Die Grundvoraussetzungen sind jedenfalls nicht schlecht. Es gibt die Lippe mit ihrer nördlichen und südlichen Umflut, einen alten Handelsschiffkanal sowie einige Wehre, die den Wasserstand regulieren - Höhenunterschiede von bis zu zweieinhalb Metern.

Mit Schmelz- und Hochwasser schwellen die Arme der Lippe deutlich an. Ideale Bedingungen vor allem für Wildwassersportler. Olympia-Kanuten und sogar Weltmeister hat die Stadt schon hervorgebracht. Und eben auch leidenschaftliche Surfer wie die vier Wellenfreunde.

Gefunden in

Zusammen stehen sie an diesem Tag dort, wo sie früher an heißen Tagen Abkühlung gesucht haben. "Damals hingen wir hier zum Surfen am Seil", erinnert sich Alexander am Wehr vor der alten Burgmühle. "Betrunken!", ruft Designer Max mit erhobenem Zeigefinger, und alle müssen lachen.

Das Wasser stürzt hier über zwei Meter tief und beruhigt sich dann in einem größeren Flussbecken, ehe sich der Kanal wieder verjüngt und einen Bogen macht.

Wenn der Plan der Freunde aufgeht, könnte an dieser Stelle eine Welle entstehen, die an einigen Tagen im Jahr höher läuft als ihr großes Vorbild: die legendäre stehende Eisbachwelle in München. Sonderpädagoge Stefan erinnert sich noch gut an ihre gemeinsamen Ausflüge in die bayerische Hauptstadt: "600 Kilometer im Fiat Uno, die Bretter lose auf dem Dach."

Dort sprangen sie dann mit einem Satz in die Fluten, kein Warten auf die Dünung, den Swell, kein ermüdendes Paddeln. Warum soll das nicht auch in Lippstadt funktionieren?

Erfindergeist hatten die Lippstädter vier schon immer. "Wir mussten die Dinge hier schon früh selbst in die Hand nehmen, damit etwas entsteht. Wir haben Partys organisiert oder ein paar Hindernisse zum Skaten zusammengeschoben."

Kanuten bangen um ihre Slalomstrecke, Angler um ihre Fänge

Für ihren Traum haben die Freunde den jugendlichen Leichtsinn am Seil gegen solide Vereinsarbeit getauscht. Rund 180 Mitglieder sind der "Lippstädter Welle" bereits beigetreten. Der Verein hat als einen der ersten Schritte ein Gutachten erstellen lassen.

Ergebnis: Das Wildwasser der Lippe bietet optimale Bedingungen.

Der Plan: Die Welle soll mithilfe einer Rampe funktionieren. Wenige Meter hinter dieser bremsen dann eine Gegenrampe und träges Unterwasser das Schnellwasser. Durch den abrupten Fall und Anstieg wird Energie frei; das Wasser bäumt sich auf. Ein beweglicher Spoiler hilft schließlich, der Welle die optimale Form zu geben. Je nach Wassermenge kann sie dann bis zu 50 Zentimeter hoch sein, 120 Zentimeter über Grund.

Und sie kann bei ausreichendem Wasserstand an bis zu 170 Tagen im Jahr gesurft werden, erklärt Lippe-Experte Ulrich Detering von der Bezirksregierung Arnsberg. Denn auch von offizieller Seite wird das Wellen-Projekt keineswegs als Hype abgetan.

Im Gegenteil: Bei den Behörden beschäftigt man sich mit dem Thema mit geradezu leidenschaftlicher Sachlichkeit: "Lippstadt war einige Jahre lang ziemlich - nennen wir es mal - beschaulich", sagt Detering. "Wir nehmen die Idee deshalb positiv auf und prüfen jetzt die Machbarkeit mit Themen wie Sicherheit, Lärm und Organismenwanderung."

Denn es gibt auch Kritiker. Dazu zählen zum Beispiel Angler, die sich um ihre Fänge und die Wanderung der Aale sorgen. Oder Kanuten, die um die Wassermengen an der Slalom-Strecke vor der Burgmühle fürchten. Ihre Sorge: Mittendrin würde die Welle nötiges Gefälle aus der Strecke nehmen.

In Kürze sollen die Gutachten von Stadt und Land für vier mögliche Standorte vorliegen.

Kurz vor dem Abspann von "The Search" rollt Lempke noch einmal am Flussverlauf entlang. Er fährt durch enge Fachwerk-Gassen, vorbei an der Jakobikirche, hinüber zum Sportplatz, dann zum Fluss.

An seiner Wade ist ein ausgeblichenes Blüten-Tattoo zu erkennen, darin stehen die Buchstaben SNC. "Das ist der Name unserer alten Skate-Crew", erklärt Lempke und muss schmunzeln - "Something Never Changes". Schnitt. Ende.

Aus dem Heft "Walden" 2/2017

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 20.05.2017
1.
»Olympia-Kanuten und sogar Weltmeister hat die Stadt schon hervorgebracht.« Nach deren Namen müsste man leider erstmal, nun ja, surfen, das ist die Crux an der Geschichte. Wesentlich bekannter sind da zwei andere Sportler: Karl-Heinz und Michael Rummenigge.
Wasserratte 20.05.2017
2. Au weh...
Zitat von Stäffelesrutscher»Olympia-Kanuten und sogar Weltmeister hat die Stadt schon hervorgebracht.« Nach deren Namen müsste man leider erstmal, nun ja, surfen, das ist die Crux an der Geschichte. Wesentlich bekannter sind da zwei andere Sportler: Karl-Heinz und Michael Rummenigge.
...es gibt Lippstädter, die daran nur ungern erinnert werden... Aber zurück zum Thema: 'ne Superidee, wenn man das realisieren könnte, ohne die Kanustrecke zu ruinieren.
von_nöten 21.05.2017
3. an den Michael
Rummenigge erinnert man sich im (schwarz-gelben) Westfalenland ganz gerne, den Karl-Heinz braucht man hingegen in der Tat eher weniger. Die Welle wäre aber sicherlich eine tolle Attraktion für die ganze Region Südwestfalen! Vielleicht bekommt man die Surfer, Angler und Kanuten unter einen Hut und kann das eine tun, ohne das andere zu lassen.
ancoats 22.05.2017
4.
Sehr schön gemachtes Video, die können offenbar nicht nur surfen... Viel Erfolg mit der Initiative!
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