Survival-Camps Und abends lecker Weinbergschnecke

Wie entfache ich mit einem Tampon ein Feuer? Und wie filtere ich mit Kohle Dreckwasser? In Survival-Camps kann man lernen, in der Wildnis zu überleben - und das mitten in Deutschland.

SRT-Archivbild/www.srt-bild.de

Drei Tage Dauerregen, kühle Temperaturen: Der Wetterbericht weckt angesichts des bevorstehenden Survival-Wochenendes samt Übernachtung ohne Zelt im Wald eher Zweifel als Vorfreude. Ein Blick ins Programmheft bestätigt: "Der Kurs findet bei jedem Wetter statt." In einer Notsituation kann man sich das Wetter schließlich auch nicht aussuchen.

Unser Kursleiter Philipp Davis begrüßt uns am Bahnhof des 1200-Einwohner-Ortes Schemmerberg bei Biberach an der Riß: kurze Haare, sportlicher Typ, eher schmal als wuchtig, Camouflage-Klamotten. Früher war er Ausbilder bei der Bundeswehr. Am Wochenende wird er uns Techniken zeigen, um in der Natur zu überleben. Seine beiden Assistenten Olli und Harry tragen ebenfalls Tarnkleidung.

Die restlichen Teilnehmer - drei Frauen, vier Männer - und ich schauen uns an. Was erwartet uns? Ein Bootcamp mit militärischem Bellton? Das Kursprogramm jedenfalls scheint straff zu sein. Wir müssen uns beeilen, heißt es. Seile und Beile, Sägen und Spaten sowie Päckchen mit Erste-Hilfe-Zeug und Not-Essensrationen sollen in die mitgebrachten Rucksäcke gepackt werden, in denen bereits Schlafsack, Isomatte, Kochgeschirr, Messer, Trinkwasser sowie wetterfeste Kleidung stecken.

Kompasse und laminierte Umgebungskarten kommen direkt zum Einsatz. "Heutzutage verlassen sich ja alle aufs Navi", sagt Philipp Davis, der seine gleichnamige "Philipp Davis Survival-Schule" vor rund einem Jahr gegründet hat. "Kartenlesen kann kaum mehr jemand." Das soll sich nun ändern: Wir sollen uns selbst auf der Karte verorten. Per Marschzahl visieren wir das erste Ziel an, einen Schuppen am Ende des Feldes.

Zwölf Jahre lang brachte Davis mehr als 1200 Soldaten Outdoortechniken bei. Nun sind wir dran. Ständig weist er auf etwas hin: Die Wildtierfurt durch den Bach - "Ein idealer Ort für eine Falle". Weinbergschnecken in den Brennnesseln - "Mit etwas Bärlauch, Öl und Knoblauch schmecken die köstlich." Er reicht uns Löwenzahnblätter und Fichtentriebe zum Kauen.

Als wir im dichten Fichtenwald ankommen, müssen wir mit einem Spaten eine ebene Fläche für unser Notlager schaffen, das wir anschließend mit Planen und Baummaterial überdachen. In der Ferne hören wir Züge, hinter einer Kuppe liegen schon die ersten Häuser von Schemmerberg. Wir wissen, dass die Wildnis nur angedeutet ist. Nach dem Lagerbau und einer Runde Knotenkunde steht das Abendessen an: Es gibt Fisch.

"Vorsicht, Gallenblase nicht verletzen, sonst schmeckt's bitter!"

Olli zeigt, wie es geht. "Forelle aus dem Bottich mit Wasser schnappen und in der Hand beruhigen", erklärt er. "Dann hinknien und den Fisch erschlagen." Das Blut spritzt. Dann kommt Schritt drei: das spitze Messer hinten ansetzen und den Fisch zum Kopf hin aufschlitzen, den Bauch aufklappen und die Innereien per Hand entfernen, aber: "Vorsicht, Gallenblase nicht verletzen, sonst schmeckt's bitter!"

Ich habe so etwas noch nie gemacht. Wenn es gelingt, den eigenen Kopf auszuschalten, während man den Fischkopf malträtiert, ist das Schlimmste geschafft. Bevor der Fisch verzehrt werden kann, müssen allerdings noch Wassertonnen zum Lagerplatz geschleppt, die Sitzkreissteine nivelliert und eine Latrine ausgehoben werden. Dann heißt es, Holz sammeln, sägen, spalten - alles fürs Feuer.

Das müssen wir natürlich ohne Feuerzeug oder ähnliches entfachen. Wir versuchen es mit einem Mischstahl-Magnesium-Stift, dem sogenannten Firestarter. Von ihm werden Funken auf ein entzündliches Gemisch aus Birkenrinde, Trockenholz und harzigem Kienspan geschabt. Noch leichter geht es mit einem aufgebauschten Tampon. Der brennt hervorragend. Als das Feuer entfacht ist, grillen wir die in drei Lagen Küchentücher eingewickelten Forellen, bis die erste Tuchschicht verbrannt ist.

Nach dem Essen ist Schlafenszeit, die Nacht wird frostig. Doch mit guten Schlafsäcken ist es gar nicht so schlimm. Und Schlaf ist wichtig, denn am nächsten Morgen geht es weiter mit dem straffen Programm: Davis zeigt uns Abseiltechniken in steilem Gelände und gibt uns praktische Tipps, etwa wie man mit einem Stück Kohle Dreckwasser filtert, mit einer Plastikflasche und Ästen eine Reuse und mit Brettern und einem Stein eine Rattenfalle baut.

Schemmerberg liegt noch nicht einmal zwei Kilometer entfernt, und doch fühlen wir uns ein Wochenende lang wie Robinson Crusoe. Aber eher auf die angenehme Art: ohne richtigen Schmutz an den Händen, ohne richtigen Hunger, ohne richtiges Leiden. Doch der Entdeckergeist ist geweckt, der Blick für die Besonderheiten der Natur geschärft.

Christian Haas, srt/kry

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insgesamt 20 Beiträge
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eunegin 15.09.2017
1. Tampon und Mischstahl-Magnesium-Stift: immer am Mann
Schade nur, dass ich selbst bei Mehrtagestouren in den Alpen weder Mischstahl-Magnesium-Stift noch Tampon dabei habe. Im Falle unerwarteter Wildnis bliebe die Küche wohl kalt. Als Teenager haben wir sowas aber auch gerne gespielt. Jetzt weckt der Artikel daher eher den jugendlichen Abenteuerinstinkt, das Kind im Manne. Soldat mit Survivalbedarf werden die meisten wohl nicht mehr und beim zweistündigen Spazierengehen in voller bunter Goretex-Montur lockt wohl Kaffee und Kuchen noch mehr als Weinbergschnecke und Regenwasser. Wenn's Freude macht.
Papazaca 15.09.2017
2. Leben in der realen Welt, das ist das wahre Survival
Die Flucht aus der realen Welt der Globalisierung ist nachvollziehbar. Wenn der Kampf so hart ist, mit vielen Verlierern, sind selbst die Gewinner verunsichert. Da kommen Actionfilme, Fantasy, Games, Bundesliga und auch Survivaltraining - eben alles, was ablenkt, gerade recht. Das ändert aber nichts, denn nach selbst zubereiteten Schnecken geht das normale Leben weiter. Und das ist das wahre Survival. Survival-Training: Nur eine weitere Facette einer ratlosen Gesellschaft mit Fluchtsyndromen.
ruhepuls 15.09.2017
3. Eher Sättigungs-Symptom
Zitat von PapazacaDie Flucht aus der realen Welt der Globalisierung ist nachvollziehbar. Wenn der Kampf so hart ist, mit vielen Verlierern, sind selbst die Gewinner verunsichert. Da kommen Actionfilme, Fantasy, Games, Bundesliga und auch Survivaltraining - eben alles, was ablenkt, gerade recht. Das ändert aber nichts, denn nach selbst zubereiteten Schnecken geht das normale Leben weiter. Und das ist das wahre Survival. Survival-Training: Nur eine weitere Facette einer ratlosen Gesellschaft mit Fluchtsyndromen.
Es ist wohl eher ein Symptom der Sättigung. Zum Einen braucht man immer wieder mal was Neues - und zum Zweiten muss man das Geld für die Kurse übrig haben. Ich habe selbst solche Kurse mitgemacht. Ist eben ein wenig wie Indianerspielen als Kinder - nur für Erwachsene. Vielleicht kann man das eine oder andere dann auch mal brauchen. Wären die realen Kämpfe wirklich so hart, dann hätte man am Wochenende sicher keine Lust auf "hartes Leben in der Natur", sondern würde lieber die Beine hochlegen - am heimischen Ofen.
ruhepuls 15.09.2017
4. Nix dabei?
Zitat von euneginSchade nur, dass ich selbst bei Mehrtagestouren in den Alpen weder Mischstahl-Magnesium-Stift noch Tampon dabei habe. Im Falle unerwarteter Wildnis bliebe die Küche wohl kalt. Als Teenager haben wir sowas aber auch gerne gespielt. Jetzt weckt der Artikel daher eher den jugendlichen Abenteuerinstinkt, das Kind im Manne. Soldat mit Survivalbedarf werden die meisten wohl nicht mehr und beim zweistündigen Spazierengehen in voller bunter Goretex-Montur lockt wohl Kaffee und Kuchen noch mehr als Weinbergschnecke und Regenwasser. Wenn's Freude macht.
Naja, Feuerstahl und Tampon tragen nicht gerade viel Gewicht bei. Was spricht dagegen, so etwas einfach bei Touren dabei zu haben? Ich habe auch schon erlebt, dass bei Mehrtagestouren die nächste Hütte nicht mehr erreicht wurde. Da ist dann ein kleines Feuer gar nicht so schlecht. Vorausgesetzt, man findet Holz...
mikropore 15.09.2017
5. Na toll!
Und abends lecker eine vom Aussterben bedrohte Tierart verspeisen. Na toll! Die Weinbergschnecke gehört in Deutschland zu den besonders geschützen Arten. Für die besonders geschützten Arten gelten nach § 44 BNatSchG bestimmte Zugriffsverbote. Unter anderem ist es verboten, sie der Natur zu entnehmen, zu beschädigen, zu töten oder ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten bzw. Standorte zu beschädigen oder zu zerstören.
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