Tag der Trinkhallen Mensch, komma Kiosk kuckn!

Wenn man die Seele des Ruhrgebiets in ein Wort fassen sollte, dann müsste das "Bude" sein: Der Kiosk versorgt den Pott seit über 100 Jahren. Am Samstag wird das gefeiert. Dat düafte Spässken gebn.

Ruhr Tourismus/ Reinaldo Coddou

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Veysel Yavavli freut sich, Besuch von der Presse zu bekommen. Der Jungunternehmer ist Chef des nach ihm benannten Kiosk. "Komm rein!", sagt er, er sprüht vor Energie. "Wir können doch Duzen, oder?"

Klar können wir: Yavavlis Kiosk liegt in Altenessen, an einer belebten Ausfallstraße am nördlichen Rand des mittleren Ruhrgebiets. Also außerhalb der Siez-Zone.

"Tut mir leid", sagt er nun, "dass so ein Chaos ist, aber ich muss das Zeug für Samstag unterbringen!" Denn der wird ein großer Tag, wenn alles gut geht: Die Ruhr Tourismus GmbH, die Tourismusförderung der Region, hat für den 20. August den "1. Tag der Trinkhallen" ausgerufen. An 50 ausgewählten "Buden" im ganzen Ruhrgebiet gibt es bis in den Abend ein Kulturprogramm von Comedy und Sportquiz über Musik bis Theater und Literatur. Eintritt frei, versteht sich.

17 Kuratoren haben dafür regional umrissene Touren zusammengestellt, die man zu Fuß oder per Fahrrad absolvieren kann, um an verschiedenen Buden ein variantenreiches Programm mitzunehmen. Eine pfiffige Idee, fanden über 120 Kioskbesitzer, die sich als Veranstaltungsorte bewarben. Veysel Yavavli hat sich in diesem Feld durchgesetzt, und deshalb ist nun Chaos im Lager.

Es gibt verschiedene Arten "Bude" im Ruhrgebiet. Bekannt sind die Kioskgebäude, gemauert oder aus Holz, aber viel üblicher sind solche wie Yavavlis: Viele waren einmal Wohnungen oder Geschäfte anderer Art. Dann gab man ihnen eine große Glasfront zur Straße, die man mit Süßigkeitentöpfen vollstellte, und ein offenes Fenster oder eine Klappe, durch die man die Kundschaft bedient: Fertig ist die Bude.

Yavavlis besteht aus zwei Räumen. Im Lager steht ein PC, ein Fernseher neben Kisten und Kühlschrank. Kühlungen gibt es auch im Verkaufsraum mehrere, daneben Regalaufbauten für alles, was man so haben muss.

"Krieg ich bei dir auch eine Zahnbürste?" frage ich.
"Ja klar", sagt er und zeigt auf ein kleines Regal: "Und Duschgel, Shampoo oder Deo, wenn du das brauchst."

Logisch: Die Bude ist keine Stehkneipe mit Süßigkeitenverkauf, sondern das, was vom Tante-Emma-Konzept übrig blieb. Ein Universalladen für jede Bedürfnislage. Ein Treffpunkt und der Ort, wo man noch etwas bekommt, wenn alles andere längst geschlossen hat.

Keine Hektik, aber man braucht Stehvermögen

Das ist ein hartes Geschäft. Der Job mag ruhig scheinen, aber die Arbeitszeiten "sind brutal", sagt Yavavli: "Einfach ist das nicht, wenn du zum Beispiel eine Freundin hast." Seine, sagt er, "hat sich gut damit arrangiert".

Was er sich geschaffen hat, ist ja auch eine Perspektive, wo sonst vielleicht keine wäre. Er ist 25 Jahre jung, aber eine reguläre berufliche Laufbahn hat er für sich nie gesehen. Im Norden des Ruhrgebiets "ist doch nichts mehr", sagt er, "und wenn du einen Job kriegst, dann meistens Leiharbeit. Nicht mit mir".

Er entschied sich, lieber sein eigener Herr zu sein. Selbstständig, von niemandem abhängig. Dafür steht er sechs Tage pro Woche 17 Stunden nonstop im Laden. Für jede Stunde, die er Vertretung braucht, sowie für den einen freien Tag, den er sich gönnt, kommt jemand aus der Familie. Jemanden anzustellen, dafür reicht der Umsatz nicht: "Über Stundenlohn denkste nich nach. Da wirsse nur bekloppt."

Aber er macht das gern, er hat sein Auskommen und ist stolz darauf. Bald will er ausbauen, den Laden begehbar machen. Richtig chic, so wie ein richtiger Laden früher. Und am Samstag, hofft er, wird richtig was los sein: Da gibt es bei ihm Lesungen über "Sex and Drugs and Rock'n'Roll", natürlich von Ruhrgebiets-Autoren. Und bestimmt hat auch Veysel was zu erzählen.

Geschätzt drei Viertel aller Buden im Ruhrgebiet, sagt Axel Biermann, Geschäftsführer von Ruhr Tourismus, würden heute von Leuten mit Migrationshintergrund betrieben. Im Grunde war das immer so: Früher waren es die Schlesier und Masuren, die Bergarbeiter-Witwen oder Frührentner, denen der Berg Knochen oder Lunge kaputt gemacht hatte. Es war und ist typisch für den Pott, Teil der Ruhr-Kultur.

Heute sind es eben Menschen mit kurdischen, italienischen, türkischen Wurzeln, die hinter dem Fenster stehen. Aber was heißt das schon? Veysel Yavavli ist hier geboren, er spricht breitestes Ruhr-Idiom, und er führt hiesige Traditionen fort.

Tief im Ruhrgebiets-Osten: Bochum

Das ist es auch, was Harald Biller antreibt. Seine Bude, der "Ehrenfelder Feierabendladen" liegt anders, in einem ruhigen Wohngebiet. Einen Lebensunterhalt "verdiense damit nich", sagt er: "Meine Frau und ich aabeiten auch noch Vollzeit."

Den Feierabendladen betreiben sie, nomen est omen, nach Feierabend. Aber mit jeder Menge Liebe: Der Kiosk ist halb Tante-Emma-Laden, halb VfL-Bochum-Fanshop. Biller mag es bunt, solange die Farbe Blau heißt. Selbst die Not-Zahnbürste, nach der ich auch ihn frage, ist blau: "Dat liegt halt im Blut", sagt er.

Täglich von 15 bis 22 Uhr ist der Shop geöffnet, damit halten die Billers eine geliebte Tradition hoch: Sie beschäftigen noch mehrere andere Nebentätige, "allet Personen im sagen wir mal gesetztem Alter". Man teilt sich die Schichten. Biller mag das, er klönt und lacht gern, und am Budenfenster wird nicht nur gehandelt, sondern auch gequatscht. Halb Hobby, halb Zuverdienst. Der Kiosk als Nebenerwerb, auch das ist ein Traditionsmodell.

Der Feierabendladen ist dabei etwas ganz Besonderes. Von Second-Hand-Blusen über VfL-Andenken, Hygieneartikel und Zeitschriften bis zum Bier reicht das Angebot. Lokale Sorten, versteht sich. Und am Samstag?

"Da bieten wir richtig was", sagt Biller mit glänzenden Augen: An der einen Seite werde er seinen Tapeziertisch mit den Fanartikeln aufbauen. "Da kommt vieles aus meine eigene Sammlung. Dat kriecht abba auch nur eina, der dat zu schätzen weiß!"

Und sonst? "Is doch klar. Bei uns gehtet rund ummen Fußball!" Mit Spielen und Quiz samt Moderator und Musik, "von sonnen Fußball-Liedermacher. Hab gehört, der singt auch Dortmund-Lieder".

Harald Biller grinst kurz: "Abba wir sind ja tolerant."


1. Tag der Trinkhallen
Veranstaltungsorte: 17 Städte des Ruhrgebiets, 50 Kioske.
Programm: 300 Künstler aus zehn Nationen.
Zeit: 20.8.2016, von 16-22 Uhr.
Überblick: www.tagdertrinkhallen.ruhr

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insgesamt 17 Beiträge
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newline 19.08.2016
1. Wie Hans-Dieter Hüsch sagte:
"Kiosk ist griechisch, Trinkhalle ist Ruhrgebiet." Bin als Kind oft am Büdchen gewesen, Süßkram für mich, Illustrierte für Oma, Handelsgold für Opa. Die ganze Nachbarschaft traf sich da, die Geschäfte schlossen schon um 18.30 Uhr. Bestellt wurde nur bei Neckermann, Otto, Quelle. "Glück auf" allen Buden und "Guat goahn"!
competa1 19.08.2016
2. Tja..
..seit es die 24h "Benzindiscounter"gibt,ist Büdchensterben angesagt.
t.omate 19.08.2016
3. Büdchen
Was im Ruhrpott die Bude ist, ist im Rheinland das Büdchen. In Düsseldorf findet zeitgleich der 1. Düsseldorfer Büdchentag statt: http://duesseldorfer-buedchentag.de
dröhnbüdel 19.08.2016
4. Kioske in Polen
Die Buden im Ruhrpott haben sich wohl länger halten können als die Kioske, die man früher in Polen an fast jeder Straßenecke finden konnte. Schade, denn die fast ausnahmslos von Frauen betribenen Kioske gehörten zur polnischen Alltagskultur, inzwischen sind sie bis auf wenige Ausnahmen verschwunden.
arpad 104 19.08.2016
5. ...gruss aus IRLAND..
..erinnere mich gerne an die zeit...aber all die typen sind fast nicht mehr da..Schimmi wuerde sagen: ......lass die Bude auf!
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