Tempelhofer Freiheit: Surfen auf der Landebahn
Früher tosten hier die Turbinen, heute gehört der ehemalige Flughafen Tempelhof den Berlinern. Seit das Areal vor einem Jahr für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, lassen die Städter hier Drachen steigen, spielen Fußball - oder üben sich im Windsurfen.
Berlin - Zäh schiebt sich die Autokolonne über den Tempelhofer Damm, genervtes Hupen, die Lage ist angespannt. Dabei ist man hier auf der Straße nur durch einen Zaun getrennt von dem neuen Lieblingsspielplatz des erholungsbedürftigen Hauptstädters: dem ehemaligen Flugfeld, der heutigen "Tempelhofer Freiheit".
Vor einem Jahr wurde die knapp 300 Hektar große Freifläche der Öffentlichkeit übergeben. Seitdem werden hier möglichst abwegige Arten der Fortbewegung erprobt, die in erster Linie Spaß machen - wie als ironisches Gegenprogramm zum humorlos eng getakteten Flugplan, der hier viele Jahrzehnte lang den Alltag bestimmte.
Erst in der Mitte des Geländes bekommt man ein Gefühl für dessen Größe. Im Norden streckt sich der Fernsehturm in den Himmel, im Süden erahnt man die S-Bahn zwischen gerade erblühten Bäumen. Derweil laufen sich neben der Fahrbahn knöchelhohe Modellrennwagen warm, über die sich drei Männer beugen. "Gleich sind wir startklar", sagt einer von ihnen, Jens. Ob sie ein Rennen fahren wollen? "Nö, nur so im Kreis. Wir spielen nur."
Wassergräben und Kletterfelsen
Das Tolle an der Tempelhofer Freiheit sei diese unbeschränkte Weite, sagt Jens. "Hier kann jeder sein Ding machen und keiner fühlt sich gestört." Dass das Feld bis 2020 nun zu einer kleinteiligeren Parklandschaft umgestaltet werden soll, ärgert ihn. Vor wenigen Wochen wurde der Entwurf zweier britischer Architekturbüros vorgestellt, mit Wassergräben, einem Berg mit Kletterfelsen im Osten, einem Ausstellungspavillon, Veranstaltungsflächen für Konzerte, einem Restaurant und kleinen Wäldchen. Ab 2013 soll gebaggert werden.
Bis dahin aber kann hier jeder seinem Bewegungsdrang gehorchen. Heute gibt es Wind, es flattern besonders viele Drachen. Als wieder eine Bö kommt, ist das Jauchzen einer Gruppe kleiner Jungen auf einer Gänseblümchenwiese zu hören. Daneben gleiten ein paar Langläufer gleichmütig über die einstige Landebahn. Im Winter war hier eine Loipe. Für den Sommer gibt es Ski mit Rollen drunter.
Picknick auf der Landebahn
Die Coolsten auf dem Rollfeld aber sind zweifellos die Surfer. Jason ist einer von ihnen. Der Australier hat sich ein straßentaugliches Surfbrett gebaut, indem er ein altes Segel auf ein Skateboard montiert hat. "Der Wannsee ist mir noch zu kalt, so lange surfe ich hier", sagt Jason. Dann kreuzt eine fünfköpfige schwedische Familie mit Picknickkörben seine Route, die sich das Abendbrot im Grünen auch von vier Windstärken nicht verderben lassen will. Das Schild "Weiterfahrt nur mit Genehmigung" ignoriert sie einfach. Die Regeln wurden sowieso alle aufgehoben, es gilt nur das Gesetz der allgemeinen Rücksichtnahme.
Die ist auch ein Grund, warum Lena regelmäßig hierherkommt. "Die Leute hier sind unheimlich freundlich, ständig wird man angelächelt." Die Mutter einer einjährigen Tochter hat sich gerade eine Wohnung in der Gegend gekauft - auch wegen der "Tempelhofer Freiheit", wie sie sagt. Sie hofft, dass die umliegenden Viertel durch das Stadtentwicklungsprojekt aufgewertet werden. "Wenn dann die Wohnungspreise steigen, war das eine gute Geldanlage."
Trotzdem ist auch sie dafür, so wenig wie möglich in die Landschaft einzugreifen. Am besten gefallen habe es ihr vor einem Jahr, bevor die Grünflächen gemäht wurden. "Die Pampa mitten in der Stadt! Das ist echter Luxus."
Ariane Breyer, dapd
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