Trabi-Rennen in Sachsen: Acht Stunden Bleifuß

Tollkühne Männer in flitzenden Kisten: 84 Teams treten inzwischen beim Trabi-Rennen im sächsischen Pausa an. Aus der einstigen Stammtischidee ist ein Volkfest mit Tausenden Besuchern geworden. Der Wettbewerb dauert acht Stunden - und fordert regelmäßig seinen Tribut.

Sachsen: Trabi-Rennen in Pausa Fotos
dapd

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Blauer Dunst liegt über dem Gewerbegebiet von Pausa, der Geruch von verbranntem ÖL-Benzin-Gemisch Dutzender Trabis hängt bleiern in der Luft. Die Motoren der Rennpappen heulen auf, als am Samstag Punkt 10 Uhr die Fahrer der 84 Teams den Gasfuß ins Bodenblech ihrer Rennpappen graben. Das achte Pausaer Trabantrennen hat begonnen. Für ein Wochenende ist die vogtländische Kleinstadt im südwestlichsten Zipfel Sachsens an der Grenze zu Thüringen der Mittelpunkt der Erde - zumindest für Zweitaktfreunde.

Was im Jahr 2005 mit 16 Teams aus den Dörfern der Umgebung begann, entwickelte sich rasch zu einem sympathischen Volksfest. Inzwischen lockt die Kultveranstaltung Rennteams aus dem ganzen Bundesgebiet und Tausende Zuschauer an. Mit 84 Teams ist inzwischen die Kapazitätsgrenze erreicht. Dass es mal so dick kommen würde, hätten nicht einmal die Initiatoren geglaubt. "Wir wollten einfach mal was loslassen", erinnert sich Gastwirt Lutz Jacob an den Stammtisch in seiner Dorfkneipe, bei dem die Idee vor acht Jahren geboren wurde.

Startgebühr und Eintrittsgeld gab es nicht, dafür Selbstgegrilltes und ein paar Kästen Bier. Inzwischen kostet die Teilnahme 150 Euro. Die Grünflächen im Gewerbegebiet stellte die Stadt. "Man kam einfach mit seinem Trabi und fuhr los", erklärt Jacob. "Wir hätten nie gedacht, dass die Kisten überhaupt acht Stunden durchhalten."

Erlaubt sind nur Trabis mit Originalmotor. Wer seinem Zweitakter mehr als 26 Pferdestärken unter die Haube zaubert, fliegt aus der Wertung, dafür sorgt nach dem Rennen eine akribische Untersuchung der drei Bestplatzierten. Das Rennen gewinnt das Team, das nach acht Stunden die meisten Runden auf dem Zähler hat. So einfach ist das.

Ehemalige DDR-Rallyepiloten am Start

Eine weiße 59 klebt auf dem orangenen Trabi der "Old Racer" aus Gosen-Neu Zittau in Brandenburg. Der Name des Teams ist Programm: Konrad Henke, Gunther Friedemann und Detlef Lemke bringen es zusammen auf stolze 178 Jahre. Auf der Rechnung hat sie trotzdem jeder, denn die drei sind ehemalige DDR-Rallyepiloten und haben in den achtziger Jahren so einiges Edelmetall nach Hause geholt.

Beim Trabi-Rennen im Vogtland wollen sie es noch einmal wissen. Die Brandenburger sind seit 2008 dabei und "wollen einen Platz besser werden als letztes Jahr". Ein hochgestecktes Ziel, denn 2011 belegten die Altmeister Platz zwei. Ihr Ziel, Platz eins, gehen die erfahrenen Herren mit Routine an, sagt Henke, der beruflich für einen Fahrzeugzulieferer arbeitet. Akkurat verpackt haben sie vom Komplettsatz Räder bis zum Ersatzmotor alles dabei. Alles Original, versteht sich.

"200 Puls" heißen die Titelverteidiger. Teamchef Sascha Lindner setzt alles daran, nach 2010 und 2011 ein drittes Mal den Pott nach Hause zu holen. Damit das klappt, startet seine Mannschaft gleich mit zwei Autos. Er will gewinnen, aber auch der Spaß soll nicht zu kurz kommen. Lindner und seine Kollegen haben nur knapp 20 Kilometer Anfahrt aus dem thüringischen Niederböhmersdorf. Seit dem zweiten Rennen waren sie durchweg vorn mit dabei. Doch Sieg und Niederlage liegen oft dicht beieinander, weiß der 30-jährige Maschinenbauer. "Dir braucht nur mal ungünstig einer reinfahren, die Achse bricht, du musst in die Box, reparieren. Dann war's das."

Ein Überrollkäfig ist Pflicht

Für einen Platz in den Top Ten darf nichts schiefgehen. "Zehn Prozent der Teams fahren aus Spaß mit, zehn Prozent, weil sie gewinnen wollen", sagt Rennleiter Fabian Liesch. Die restlichen 80 Prozent wollen eigentlich auch gewinnen, würden es aber nicht zugeben, fügt Liesch lachend hinzu.

Zur einen oder anderen Berührung kommt es dann doch auf der Strecke. Kreischend verabschieden sich bei den Rangeleien der Trabis Tür- und Kotflügelverkleidungen, Motorhauben und auch mal ein ganzes Rad samt Radmuttern. Dann und wann überschlägt sich eine der Rennpappen, wird von Streckenposten wieder auf die Räder gestellt und fährt weiter. Passieren kann nicht wirklich etwas, ein Überrollkäfig ist Pflicht und mehr als Tempo 50 ist selbst auf Geraden nicht drin.

Nach acht Stunden strahlendem Sonnenschein findet die Rundenhatz, ein Ende. Die Titeljäger aus Brandenburg landen nur im oberen Mittelfeld, nachdem ihnen bei einem Zusammenstoß der Querlenker bricht und 20 kostbare Minuten in der Box verstreichen.

Die Titelverteidiger hingegen können ihren Hattrick perfekt machen. Zwar ist einer ihrer Boliden nach einem Motorenwechsel und einer gebrochenen Lenkstange weit ab vom Top-Ten-Feld. Doch mit "200 Puls II" gelingt den Thüringern ein makelloses Rennen - auch wenn die Pappkiste nach der Zieldurchfahrt nicht mehr viel mit dem makellosen Trabant vom Start gemeinsam hat.

Toni Klemm, dapd

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