Tweed Day in Berlin: Dandys auf dem Retro-Rad
Die Idee ist very british und stammt aus London. Doch auch in Berlin sorgt das Fahrrad-Kostümspektakel Tweed Run für Aufsehen. Nicht nur wegen der herrlichen Outfits der Teilnehmer - sondern auch weil einige der Drahtesel echte Museumsstücke sind.
Sonntagmittag auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Immer mehr Radfahrer in traditionellem schottischen Tweed sammeln sich neben dem Schauspielhaus. Neugierig verfolgen Touristen das Geschehen, vielleicht glauben sie, dass hier ein Film gedreht wird, der vor 80 oder 100 Jahren spielt.
Doch die Radler sind keine Statisten, sondern Teilnehmer am Tweed Day Berlin, der erstmals vor zwei Jahren stattfand. Die Idee dazu stammt aus London, wo sich 2009 erstmals Fahrradenthusiasten zu einer Spritztour durch die Stadt trafen - Tea Time im Park und Pub-Besuch inklusive. Die Idee des Tweed Run hat sich längst weltweit verbreitet: Es gibt Rundfahrten in New York, Tokio, Sydney und Toronto.
"Ich hatte darauf gehofft, dass jemand den Tweed Run nach Berlin holt", sagt Dirk de Günther, Organisator des Events in Berlin. Weil das nicht geschah, ergriff der Betreiber eines kleinen Fahrradladens in Charlottenburg selbst die Initiative. De Günther geht es dabei nicht um Politik: "Wir wollen einfach nur zusammen Rad fahren - möglichst abseits der großen Straßen." Entscheidend sei das gute Gefühl dabei, gemeinsam in Tweed auf möglichst schönen Rädern unterwegs zu sein.
Die Motive der Teilnehmer am Berliner Tweed Day sind verschieden: Es gibt ältere Herren, die in einem Verein historische Fahrräder restaurieren. Andere begeistern sich für Mode aus den Zwanzigern. Es gibt Teilnehmer wie Merlin Noack, die sich für den Tweed Day nicht mal verkleiden müssen: "Ich bin immer so angezogen und fahre auch immer alte Räder. Ich bin leidenschaftlich anachronistisch", sagt der Berliner. "Über den Swing bin ich zu meinem jetzigen Stil gekommen." Sein leicht rostiges Rad der Marke "Vaterland" stammt aus den fünfziger Jahren.
Noch deutlich älter ist das Gefährt von Thomas Schobel: Baujahr 1897. "Ich habe es von einem Sammler gekauft", erzählt der Berliner, "fast alle Teile sind original". Zum Beispiel die gefederte Lampe vorn, in der eine Kerze steckt. "Die Kerzenlampe war um 1900 aktuell, sie war die billige Alternative zur Öllampe." Zwölf alte Räder besitzt Schobel mittlerweile, in seinem Hobbykeller restauriert er sie selbst. Die Sammelleidenschaft geht auf seinen Opa zurück. "Als er nicht mehr radeln konnte, habe ich sein Rad aus den Vierzigern bekommen, um damit in die Schule und zum Fußball zu fahren."
Retro liegt im Trend
Dass sich Menschen im 21. Jahrhundert plötzlich für alte Räder begeistern, mag zunächst überraschen. Doch in unserer schnelllebigen Zeit, in der Alu-Fahrradrahmen in Taiwan von Robotern zusammengeschweißt werden, wirkt ein mit Muffen zusammengefügter Stahlrahmen fast schon wie ein Kunstwerk. Aber natürlich geht es bei den Ausfahrten in Berlin, London oder New York auch um Eitelkeiten und Stil: Tweed statt Goretex lautet die Devise, Leder statt Plastik.
Peter Georgallou, der extra aus London zum Berliner Tweed Day gekommen ist, geht sogar als typischer Fahrrad-Dandy durch. Er trägt Nerd-Bart, gelbe Schiebermütze und eine bunte Sonnenbrille. Der Stoff seines roten Sakkos stammt von einem alten Sessel. Die gelbe Weste ist aus Tweedstoff genäht, in den reflektierende Fasern eingewebt sind - für Fahrten im Dunkeln. Georgallous Bike hingegen ist ein modernes Rennrad mit Klickpedalen. Das klassische Lycra der Rennradler lehnt Georgallou ab: "Ich laufe eigentlich immer so herum wie jetzt."
Das Tempo bei der sonntäglichen Tour durch Berlin passt zur nostalgischen Kleidung: Die knapp 80 Tweed-Radler rollen mit kaum 15 km/h über die Straße Unter den Linden zum Brandenburger Tor. Nach einem kurzen Fotostopp geht es weiter in den Tiergarten zum Picknick im Grünen. Der Abend endet in einem Restaurant in Charlottenburg.
Geduld der Autofahrer gefragt
"Ich hoffe, dass wir in Berlin immer unter 100 Leuten bleiben", sagt Organisator de Günther. Dann brauche man keine Polizei und müsse das Ganze auch nicht etwa als Demonstration anmelden. Beim deutlich größeren Original in London, dem Tweed Run, ist die Teilnehmerzahl auf 500 Teilnehmer begrenzt. Logistisch ist das eine große Herausforderung: Auch die Londoner Radler verzichten auf Begleitung und Absperrung durch die Polizei. Stattdessen kümmern sich freiwillige Marshalls um die Sicherheit an Kreuzungen und halten die Autos auf.
Während der Tweed Day Berlin einer gemütlichen Ausfahrt gleicht, bei der man mit fast allen Teilnehmern ins Gespräch kommt, ist der Tweed Run in London ein großes, lautes Schaulaufen. Es gibt ein großes Hallo, wenn die Meute an den jubelnden Touristen am Buckingham Palast vorbeifährt oder den Piccadilly Circus klingelnd, hupend und Mützen schwenkend lahmlegt.
So groß der Spaß beim Radeln in schottischem Wollstoff auch ist - beim Motto ihrer Ausfahrten bevorzugen die Tweed Runner typisch britisches Understatement. Es lautet "Cycling with a little bit of style" - Radeln mit ein bisschen Stil. Für Berlins Straßen, auf denen mitunter ein rauer Umgangston herrscht, war der Anblick der entspannten Nostalgieradler auf jeden Fall ein Gewinn.
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