Fotoworkshop in München Symphonie der U-Bahn

Micha Pawlitzki bietet Fotoworkshops in den U-Bahn-Netzen von München und Nürnberg an. Er will den Teilnehmern eine neue Sicht auf das Alltägliche nahebringen. Unterwegs in der Nacht von München.

SPIEGEL ONLINE

Von


Die blau-weiße U-Bahn schießt aus dem dunklen Schlund heraus. Bremsen quietschen, Türen schieben sich auf, Menschen eilen zu den Treppen. Schnell, schnell, hinauf ins Abendlicht. Sekunden später herrscht wieder Ruhe, die Station ist leer - fast leer.

Für 21 Uhr hat Micha Pawlitzki die Teilnehmer seines Foto-Workshops zur U-Bahnstation Messestadt West im Osten Münchens bestellt, Treffpunkt: Mitte des Bahnsteigs. Er könnte seine Schützlinge aber auch so, im größten Getümmel, ausmachen: Alle sieben haben ein Stativ dabei, die drei spinnenartigen Beine schon ausgefahren. Sie tragen dicke Anoraks, Turn- oder Wanderschuhe, Rucksäcke und Fototaschen. Vorkehrungen für eine zugige Nacht unter Tage - angeführt von Pawlitzki.

Der 41-Jährige, Funktionsjacke, Hornbrille, Scheitelfrisur, ist ursprünglich Betriebswirt. Nach der Promotion hat er sich erst als Naturfotograf selbständig gemacht, dann kamen Städte- und Länderporträts dazu. Er gibt zu, dass er nicht nur einmal Angst hatte, als er für seinen Bildband "Unter Grund" nachts U-Bahnstationen in 14 deutschen Städten ablichtete - eine Idee, die bei Recherchen zu dem Auftrag für einen München-Kalender entstand.

"Ich habe drei Kreuze gemacht, als das vorbei war", sagt er. Halbstarke, Betrunkene, Selbstvergessene und Verlorene: Die Gestalten, die eine Nacht erst abgründig machen, flößen ihm Unbehagen ein. Einmal, in Nürnberg, hat ihm ein "Bodybuilder-Typ" die Frage nach dem Preis seiner 30.000 Euro teuren Kamera "in den Nacken gehaucht", sagt er. Von da an hat er zu zentralen Stationen immer Wachpersonal mitgenommen.

Türöffner im doppelten Sinn

Außer dem barschen "Ham Sie a Genehmigung?" eines Zugführers am Candidplatz bleiben Pöbeleien in dieser Nacht in München aus. Wer hier im Untergrund fotografieren möchte, muss das vorher beantragen. Für nicht private Zwecke können wie in anderen Städten auch Kosten anfallen. Blitzlicht ist überall verboten. In Frankfurt hat Pawlitzki seine Workshop-Pläne aufgegeben, dort dürfen Hobby-Fotografen auch ohne Genehmigung fotografieren. "Wenn jeder jederzeit in die U-Bahn kann, hat das keinen Sinn", sagt er.

Fotostrecke

13  Bilder
Architektur unter Tage: U-Bahn mal schön

Bei seinen Touren unter München und Nürnberg fungiert er für 190 Euro pro Kopf als Türöffner im doppelten Sinn: Er darf die Teilnehmer zu sechs, sieben ausgewählten Stationen führen - und versucht dabei, ihnen Orte nahezubringen, an denen sich die meisten Menschen nicht länger aufhalten als nötig. "Lauft die Stationen erst mal ab", sagt er. "Guckt euch um, was sich lohnt." Fotografie hat für ihn nichts mit "Ballern" zu tun, sondern mit Überlegung: "Es ist eine Frage der Selbstbeherrschung." Lieber wenige gute Bilder als viele schlechte.

Er selbst fotografiert die Bahnsteige am liebsten aus der Zentralperspektive und menschenleer - eine sterile, die Gebrauchsarchitektur überhöhende Sicht. Ihm geht es um Symmetrie, Linien und Formen, und nicht darum, den Alltag in der U-Bahn zu dokumentieren. Die wichtigste Bitte an seine Teilnehmer: "Lauft den anderen nicht ins Bild!" Irgendjemand stört immer - und sei es nur, dass ein schwarzes Stativbein ins Panorama ragt.

Ankommen, erkunden, aufnehmen, einsteigen

An diesem Abend ist ein Bankkaufmann an seiner Seite, der über das Tauchen zum Fotografieren fand. Ein pensionierter Nuklearmediziner, der mit Pawlitzki schon in Tokio war. Ein Architekt. Ein Hochzeitsfotograf. Der Jüngste ist 15 Jahre alt. Zwei Fotoclublerinnen aus der Nähe von St. Gallen sind angereist. "Normalerweise ist nur eine Quotenfrau dabei", sagt Pawlitzki zwischen zwei Stationen. U-Bahnen sind eher was für Männer. Er fühlt sich den Frauen näher: "Die reden nicht so viel über Technik." Technik sei überbewertet. "Was zählt, ist der Blick."

Die Grundeinstellungen sind schnell geklärt: ISO-Wert - 100. Belichtungszeit - ein bis zwei Sekunden, dann variieren. Am besten einen Fernauslöser benutzen, für absolut verwacklungsfreie Bilder. Und auch ein Weitwinkelobjektiv (20 bis 35 Millimeter) ist von Vorteil. Der Rest ist Kreativität.

Der Ablauf ist bei jedem Halt der gleiche: ankommen, erkunden, aufnehmen, einsteigen. Durch die dunklen Tunnel rumpeln, vorbei an fotografisch eher uninteressanten Stationen. Männer in Lederhosen steigen ein, die Waden noch winterblass. Biergeruch. Jugendliche kreischen: "Paparazzi, Paparazzi!" Andere fragen befremdet "Was ist denn hier los?", als sie sich an der Bahnsteigkante sieben Stativen gegenübersehen.

Wer Informationen zur Architekturgeschichte erwartet, muss sie selber nachlesen. Und auch mit Empfehlungen für die besten Positionen hält Pawlitzki sich zurück: "Das ist mir zu direktiv." Wer Fragen hat, zur Technik, zur Bildkomposition oder zu besseren Perspektiven, bekommt Tipps. Und wer in der Runde Aufnahmen besprechen möchte, zeigt sie. Ein Ort, acht Sichtweisen - das öffnet zwangsläufig den Blick.

Bullaugen, Walfenster, Patchwork-Wände

20 bis 30 Minuten verbringen Gabi, Maya, Gerhard, Wolfgang, Stefan, Iven, Johannes und Micha in jeder Station - meist würden sie gerne länger bleiben. Am Ende ist nicht wie angekündigt um 2.30 Uhr Schluss, sondern erst eine Stunde später. Man duzt sich, fachsimpelt über Fotoapparate und den FC Augsburg, Belichtungszeiten und Stative und immer mehr auch über die Eigenheiten der Stationen.

Die Bullaugen an der Decke von Messestadt West. Die Regenbogenwände am Candidplatz. Die großen runden Lampenschirme am Westfriedhof. Das Walfenster vom St.-Quirin-Platz. Die Patchwork-Wände am Georg-Brauchle-Ring. Am Olympia-Einkaufszentrum, kurz vor eins, passiert schließlich, wovor Pawlitzki gewarnt hat: Ein Teilnehmer ist verschwunden. Gerhard hat vor lauter Fotografiererei die U-Bahn verpasst. Gott sei Dank hat er neben seinen drei Kameras auch ein Handy dabei.

Was ihn und die anderen an den U-Bahnstationen fasziniert, vermögen sie nicht so recht in Worte zu fassen. Von einer "Symphonie" spricht Gerhard, als er durch seine Fotos zappt. Stefan gefällt der Kontrast zwischen dem tristen Grau der Tunnel und dem bunten "Bäm!" der Stationen. Johannes kommt aus München, er kennt die U-Bahn gut, dachte er zumindest - bis heute. "Und jetzt habe ich doch so viel Neues gesehen." Das Gewohnte anders sehen, das ist das, was Pawlitzki erreichen möchte: eine Entdeckung des Alltäglichen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kumi-ori 28.03.2014
1. Na ja
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMicha Pawlitzki bietet Foto-Workshops in den U-Bahn-Netzen von München und Nürnberg an. Er will den Teilnehmern eine neue Sicht auf das Alltägliche nahebringen. Unterwegs in der Nacht von München. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/u-bahn-in-muenchen-und-nuernberg-kunst-des-alltags-a-960424.html
Warum bezahlen die Leute 190 Euro für etwas, das sie selbst auch ganz umsonst machen könnten? Speziell bei der Münchner U-Bahn ist das Problem, dass fast alle Bahnhöfe an sich schon mit einem opulenten ästhetischen Konzept angelegt wurden, das jeweils dem Zeitgeschmack ihres Entstehens Rechnung trug. Ein Foto kann also immer nur eine sekundäre Interpretation dieses Werks darstellen, so wie wenn Sie die Sphinx in Ägypten fotografieren. Wenn ich Fotos von U-Bahnhöfen machen wollte, dann würde ich die allerersten Bahnhöfe auf dem Ast der U3/U6 Odeonsplatz, Giselastraße oder Universität wählen, vielleicht auch Goetheplatz (Sendlinger Tor und Marienplatz sind zu überlaufen, das wäre lebensgefährlich) oder die krätzigen braun-weißen Siebzigerjahre Monster am Westast der U1 (Stieglmaierplatz oder Maillingerstraße). In Messestadt West oder Candidplatz erschlägt einen schon von vornherein das künstlerische Konzept der Archtitekten.
tucku 28.03.2014
2. Ausgelutscht
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMicha Pawlitzki bietet Foto-Workshops in den U-Bahn-Netzen von München und Nürnberg an. Er will den Teilnehmern eine neue Sicht auf das Alltägliche nahebringen. Unterwegs in der Nacht von München. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/u-bahn-in-muenchen-und-nuernberg-kunst-des-alltags-a-960424.html
Wer etwas lernen möchte, ist bei diesem Thema ( wir sprechen deutsch! workshop/Werkstatt ) gut aufgehoben. Wobei U Bahnhöfe schon sehr ausgelutscht sind. Die Flut der Aufnahmen gehen in die Millionen. So freue ich mich, meine eigenen Fotos zu betrachten, deren Motive an ungewöhnlichen Standpunkten aufgenommen wurden, ganz ohne Werkstatt, oder wie man im englischen sagt.....workshop.
feb1958 28.03.2014
3.
Zitat von kumi-oriWarum bezahlen die Leute 190 Euro für etwas, das sie selbst auch ganz umsonst machen könnten? Speziell bei der Münchner U-Bahn ist das Problem, dass fast alle Bahnhöfe an sich schon mit einem opulenten ästhetischen Konzept angelegt wurden, das jeweils dem Zeitgeschmack ihres Entstehens Rechnung trug. Ein Foto kann also immer nur eine sekundäre Interpretation dieses Werks darstellen, so wie wenn Sie die Sphinx in Ägypten fotografieren. Wenn ich Fotos von U-Bahnhöfen machen wollte, dann würde ich die allerersten Bahnhöfe auf dem Ast der U3/U6 Odeonsplatz, Giselastraße oder Universität wählen, vielleicht auch Goetheplatz (Sendlinger Tor und Marienplatz sind zu überlaufen, das wäre lebensgefährlich) oder die krätzigen braun-weißen Siebzigerjahre Monster am Westast der U1 (Stieglmaierplatz oder Maillingerstraße). In Messestadt West oder Candidplatz erschlägt einen schon von vornherein das künstlerische Konzept der Archtitekten.
"Erschlägt"? Mich begeistert das künstlerische Konzept!
kumi-ori 28.03.2014
4.
Zitat von feb1958"Erschlägt"? Mich begeistert das künstlerische Konzept!
Mich auch. Aber wenn ich ein "U-Bahnhof-Foto" machen wollte, dann würde das Konzept mein Foto erschlagen. Sprich zu viel Konzept, zu wenig Bahnhof
Klugreißer 28.03.2014
5. Ausgelutscht
Zitat von tuckuWer etwas lernen möchte, ist bei diesem Thema ( wir sprechen deutsch! workshop/Werkstatt ) gut aufgehoben. Wobei U Bahnhöfe schon sehr ausgelutscht sind. Die Flut der Aufnahmen gehen in die Millionen. So freue ich mich, meine eigenen Fotos zu betrachten, deren Motive an ungewöhnlichen Standpunkten aufgenommen wurden, ganz ohne Werkstatt, oder wie man im englischen sagt.....workshop.
Wir sprechen deutsch und verstehen kein Englisch. "Workshop" übersetzt mit "Werkstatt". Sehr lustig :-) Ich bringe mein Auto auch immer zur Reparatur in den Arbeitskreis/-seminar. Eine neue Sicht auf ausgelutsche Fotomotive nahezubringen, ist eine besondere Herausforderung für einen Fotografen. Wem das - wie in diesem Fall - gelingt, der beherrscht die ganz große Schule. Anderenfalls gibt es noch die Möglichkeit, sich seine eigenen Fotos anzuschauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.