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Über den Wolken

Segelflug-Blog Im Frühtau zu Berge

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Es gibt ja Menschen, die leiden unter Winterdepressionen. Segelflieger gehören bestimmt dazu. Von der Sonne und gutem Wetter abhängig, kann man als Segelflugpilot im Winter eigentlich nur einer Identitätskrise anheimfallen.

Ich habe mir YouTube-Videos von Flügen angeguckt, den Flugzeuggebrauchtmarkt studiert, Theorie gepaukt - aber all das ist kein Ersatz dafür, nur Luft zwischen sich und dem Erdboden zu haben.

Mein erster Flug im Jahr 2014 war deshalb in doppelter Hinsicht etwas Besonderes: Einmal, weil es mein erster Flug nach der Winterdurststrecke war. Ich hoffe, dass sich die nächsten ersten Flüge nach den kommenden Winterpausen genauso gut anfühlen. Und zum Zweiten, weil ich dazu in den Alpen geflogen bin. In den ALPEN! Als Gast bei einem Schweizer Segelflugverein in Schänis.

Und Achtung, jetzt kommt ein Satz, der mir als gebürtigem Norddeutschen schwer über die Lippen geht: Fürs Fliegen würde ich auch in den Süden ziehen. Denn Fliegen in den Bergen, das ist etwas ganz Besonderes.

Einerseits fehlt dieses Gefühl der absoluten Höhe, wie man es auf dem platten Land hat. Da, wo ich herkomme und bisher geflogen bin, sind 1400 Höhenmeter 1400 Höhenmeter und die Erde ist weit, weit weg.

In den Bergen können 1400 Höhenmeter auch bedeuten, dass 50 Meter unter dem Flugzeug die Tannen am Berghang stehen. Überhaupt ist Fliegen dort ein ganz anderes, viel intensiveres Abtasten des Geländes. Ein, zwei Spannweiten entfernt von einer Felswand zu fliegen, auf der Suche nach Aufwind, ist ganz normal.

Einmal sind wir auf eine Lücke zwischen zwei Bergen zugeflogen, und ich hätte aus der Ferne schwören können, dass wir es nicht drüber schaffen würden. Doch natürlich haben wir es geschafft, auch ohne Aufwind auf dem Weg dahin. Gut hundert Meter zog der schneebedeckte Gipfel unter unserem Rumpf entlang. Aber es fühlte sich an, als könnte man die Hand zum Cockpit-Fenster herausstrecken und den Schnee einsammeln.

Dass wir so nah heranfliegen mussten, lag an den schlechten Wetterbedingungen an beiden Tagen. Zwar war der Himmel strahlend blau, doch genau das war das Problem: Null Thermik, absolut stabile Wetterlage. Wo man sich im Gebirge normalerweise locker und in Windeseile auf mehrere tausend Meter Höhe kurbelt, mussten wir die Aufwinde förmlich aus dem Gelände kratzen: Es gab exakt zwei, drei Stellen, an denen es ein wenig trug, so, dass wir uns mühsam 300, 400 Meter Höhengewinn erarbeiten konnten.

Dieses lange Kreisen unter der immer gnadenloser ins Cockpit brennenden Sonne hat mir zweierlei beschert: Mit 2:47 Stunden meinen längsten Flug bisher - und eine unschöne Premiere. Hatte ich vor einem dreiviertel Jahr bei meinem Flug in der Stemme S 10 die Spucktüte wieder einpacken können, kam sie diesmal zum Einsatz.

Aber das hat mich nicht davon abgehalten, am nächsten Tag noch mal fliegen zu gehen, auch wenn der Flug wegen noch stabilerer Wetterlage deutlich kürzer ausfiel. Doch in Sachen Alpenflug ist bei mir das letzte Wort garantiert noch nicht gesprochen. Heute ist nicht alle Tage - liebe Berge, ich komme wieder, keine Frage.

Ein längerer Artikel über meinen ersten Alpenflug erscheint in der nächsten Ausgabe des "Segelfliegen"-Magazins

10 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Okello 20.03.2014
wogo 20.03.2014
kinmuc 20.03.2014
ic_fly2 20.03.2014
hippie93 20.03.2014
fortyplus 20.03.2014
Albertan 20.03.2014
tb59427 20.03.2014
zuerichente 21.03.2014
guy.brush 21.03.2014

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  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.