Underground-Restaurants: Die Guerilla-Köchin von Krefeld

Von Steve Przybilla

Underground-Restaurant: Beim Röhrenden Hirsch von Krefeld Fotos
Steve Przybilla

Wildfremde im eigenen Wohnzimmer bekochen? In Underground-Restaurants ist das Programm. Über soziale Netzwerke und Blogs laden Amateurköche zum heimlichen Dinner ein. Die Gäste erfahren die Adresse erst kurz vor Beginn - und wissen nie, was sie erwartet.

Randaliert hat noch niemand, auch nicht gestohlen. "Warum sollten sie denn?", fragt Birte Hirsch, die keine Angst davor hat, Wildfremde in ihrer Wohnung zu bekochen. "Das einzige Wertvolle in meinem Wohnzimmer ist das Klavier. Und das schleppt so leicht niemand durch die Tür."

Birte heißt nicht wirklich Hirsch mit Nachnamen, aber sie nennt sich gerne so. "Zum röhrenden Hirsch" heißt nämlich das Lokal, das die 31-Jährige alle zwei Monate in ihrer Krefelder Drei-Zimmer-Wohnung eröffnet. Um ein offizielles Restaurant handelt es sich dabei nicht. Im Gegenteil: Der "Hirsch" ist nicht angemeldet, hat keine Lizenz und wurde noch nie von einem Lebensmittelkontrolleur besucht.

Gegen 19 Uhr treffen die ersten Gäste ein. Aus der Küche huscht die Gastgeberin herbei, die einen schwarzen Zauberumhang trägt: Harry Potter lautet das Motto, das sie sich für den Abend ausgedacht hat. Die erste wichtige Frage: Schuhe aus oder an? Die Gastgeberin nimmt's locker - durchs echte Restaurant würde ja auch niemand in Socken spazieren.

Zur Begrüßung gibt es ein süßes, rosafarbenes Getränk. "Da ist Zauberpulver drin", sagt die Hobbyköchin und überreicht grinsend die Sektgläser. An zwei zusammengestellten Tischen sitzen sich acht Gäste zwischen Mitte 20 und Ende 50 gegenüber. Wirklich fremd ist allerdings nur die Hälfte: Einige haben schon mehrfach im "Hirsch" gespeist, andere sind mit der Gastgeberin privat befreundet. Prompt zünden sie die Kerzen an, die an dünnen Fäden von der Decke hängen.

Zwischen Bücherregalen, Blumentöpfen und dem beiseite geschobenen Klavier kommt man ins Gespräch. Es ist eng, aber irgendwie gemütlich. Wie in einem echten Restaurant liegen Besteck und Servietten schon bereit. Nur das Getränkeangebot ist kleiner: Wer etwas anderes als Wasser möchte, muss es sich selbst mitbringen, weshalb schon nach kurzer Zeit ein Flachmann auf dem Tisch steht. "Einer hatte sogar mal einen ganzen Liter Milch dabei", erzählt Hirsch.

Geteilte Kochleidenschaft

Ihre Amateurgaststätte betreibt die Krefelderin seit einem Dreivierteljahr. "Während meiner Promotion in England habe ich zum ersten Mal davon erfahren", erzählt die gelernte Englischlehrerin. "Im Studentenwohnheim war es aber viel zu eng, um mehrere Leute unterzubringen." Das ist in ihrer eigenen Wohnung anders: "Hier kann ich meiner Kochleidenschaft ungebremst nachgehen", sagt Hirsch, die sich selbst als "Öko" bezeichnet - in ihren Töpfen hätten Zusatzstoffe nichts zu suchen. Aber warum ausgerechnet für Fremde kochen? "Das macht es interessanter", sagt die junge Frau. "Ich teile mein Hobby einfach gerne mit anderen."

In Südamerika und dem englischsprachigen Raum gibt es die sogenannten "Paladares" oder Supper Clubs schon lange. Meist boomen sie vor allem in Metropolen, in denen es eine große Kreativszene gibt. So listet ein Forum allein für New York 44 verschiedene Underground-Restaurants auf; San Francisco kommt auf 19. In Deutschland steht Berlin an der Spitze (14 Lokale), gefolgt von Düsseldorf (zwei Lokale) und anderen Großstädten mit je einem Lokal - wobei längst nicht alle online zu finden sind.

Die Werbung in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken kann sogar geschäftliche Erfolgsgeschichten zur Folge haben. So schildert der "New Yorker" den Fall eines arbeitslosen vietnamesischen Ehepaars in Los Angeles, das aus der Not heraus ein Underground-Restaurant eröffnete. Das kam bei den Kunden so gut an, dass es binnen kurzer Zeit auf Bewertungsportalen die etablierten Restaurants schlug. Zunächst Pech für die Guerilla-Köche: Auch das Gesundheitsamt las mit. Nach einer Abmahnung wandelte das Paar seine Wohnzimmerküche aber schließlich in ein echtes Restaurant um.

Mit Wildfremden dinieren

Ob Supper Clubs auch in Deutschland illegal sind, ist selbst unter Experten umstritten. "Es hängt von der Häufigkeit der entsprechenden Partys ab", vermutet Nikolaus Bosch von der Forschungsstelle für Deutsches und Europäisches Lebensmittelrecht der Uni Bayreuth. Monika Böhm, Landesanwältin beim Hessischen Staatsgerichtshof, spricht von einer "rechtlichen Grauzone".

In Hirschs Wohnzimmer kommt nach selbst gemachten "Zauberstäben" (Knabberstangen mit Oliven-Dip) Baguette auf den Tisch. Was das mit Harry Potter zu tun hat, kann die Köchin schlagfertig erklären: "Die einzelnen Scheiben sind so arrangiert, dass sie wie eine Schlange aussehen." Es folgt eine pürierte Erbsen-Minz-Suppe mit aufgespießten Garnelen - und Zauber-Bezug. "So eine Suppe bekommt Harry vom Minister für Zauberei angeboten", betont Hirsch.

Ob mit oder ohne Magie: Die Gäste löffeln ihre Teller bis zur letzten Pfütze aus. "Es schmeckt gut und ist auch sonst total spannend", sagt Johannes Zipfel. Der 41-jährige Düsseldorfer besucht zum ersten Mal ein Underground-Restaurant. "Es ist toll, mal ganz neue Gesichter zu sehen und aus dem Alltag auszubrechen."

"Überraschungen machen den Reiz aus", sagt Angelika Willeke, die 58-Jährige besucht bereits zum dritten Mal einen Supper Club. "Man weiß vorher nie, ob der Gastgeber den Mund nicht zu voll nimmt. Bis jetzt waren aber nur nette junge Leute dabei, die gut kochen konnten." Den größten Vorteil sieht die Dortmunderin in der Atmosphäre und in der Chance, neue Leute kennenzulernen: "Im normalen Restaurant würde niemand mit einem Wildfremden sprechen. Da sitzen alle separat an ihren Tischen."

Dinnerort per E-Mail

Wo sich die Amateur-Gaststätten befinden, erfahren Interessierte immer erst ganz zum Schluss. Früher lief viel über Mundpropaganda, heute werden die Termine fast ausschließlich auf Facebook oder in Blogs veröffentlicht. Um als Außenstehender einen Überblick über die Szene zu bekommen, muss man im Internet explizit danach suchen. Nachdem sich die Gäste per E-Mail angemeldet haben, erhalten sie die Adresse. Manche Guerilla-Wirte servieren ihre Speisen auch in verlassenen Fabrikhallen, gemieteten Räumen oder im eigenen Garten.

Beim "Röhrenden Hirsch" folgen auf einen gemischten Salat mit warmem Ziegenkäse Hühnchen mit Polenta, Zucchini und Paprika. Aus ihrem Arbeitszimmer holt die Köchin außerdem Linzer Torte, Rührkuchen und selbst gebackene "Schnatze" hervor - kleine Kokoskugeln mit weißer Schokolade. Um das alles vorzubereiten, sagt die 31-Jährige, habe sie ihre Küche "zwei Tage lang systematisch verwüstet".

Am Ende des Abends bittet die Gastgeberin dezent zur Kasse. Zwischen 20 und 25 Euro beträgt die "erwartete Spende", die sie für den Schmaus verlangt - steuerfrei, versteht sich.

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insgesamt 46 Beiträge
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1.
1948-2008 20.05.2013
Zitat von sysopSteve PrzybillaWildfremde im eigenen Wohnzimmer bekochen? In Underground-Restaurants ist das Programm. Über soziale Netzwerke und Blogs laden Amateurköche zum heimlichen Dinner ein. Die Gäste erfahren die Adresse erst kurz vor Beginn - und wissen nie, was sie erwartet. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/underground-restaurant-zum-roehrenden-hirsch-in-krefeld-a-900309.html
Was sagt denn da das Finanzamt dazu, und die Gesundheitsbehörde ?
2. Magie statt Maggi...
CobCom 20.05.2013
Zitat von sysopSteve PrzybillaWildfremde im eigenen Wohnzimmer bekochen? In Underground-Restaurants ist das Programm. Über soziale Netzwerke und Blogs laden Amateurköche zum heimlichen Dinner ein. Die Gäste erfahren die Adresse erst kurz vor Beginn - und wissen nie, was sie erwartet. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/underground-restaurant-zum-roehrenden-hirsch-in-krefeld-a-900309.html
Warum eigentlich nicht? Da mag man selbst die eine oder andere Inspiration aufschnappen... immerhin dürften hier kaum Geräte im Einsatz sein, die man nicht auch selbst zur Verfügung hat. Mal schauen, was in meiner Umgebung geht... P.S.: Die Überschrift konnte ich mir nicht verkneifen...
3. Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht
eisenpeter 20.05.2013
Jetzt mal ehrlich Leute. Wenn man schon die Bilder vom Essen sieht, vergeht einem doch die Lust aufs Essen. Wie kann man bloß für ein solch biederes Essen seine Küche zwei Tage lang systematisch verwüsten? Nur Menschen, die nicht wirklich gut in dem sind, was sie da machen, haben es nötig, sich in der Öffentlichkeit so zu produzieren. Es gibt genug Menschen, die in einer ordentlich ausgestatteten Küche wahre Meister-Degustationsmenüs für private Gäste und Freunde hinzaubern und es als ganz und gar ehrenrührig empfinden würden, sich so zu produzieren. Aber leider ist es heutzutage so, dass Mittelmaß wohl das Maß aller Dinge geworden ist.
4. Richtig tolle Sache.
ratxi 20.05.2013
Zitat von sysopSteve PrzybillaWildfremde im eigenen Wohnzimmer bekochen? In Underground-Restaurants ist das Programm. Über soziale Netzwerke und Blogs laden Amateurköche zum heimlichen Dinner ein. Die Gäste erfahren die Adresse erst kurz vor Beginn - und wissen nie, was sie erwartet. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/underground-restaurant-zum-roehrenden-hirsch-in-krefeld-a-900309.html
Richtig tolle Sache. Werde ich bestimmt mal mitmachen... ;)
5. Kochen für Unbekannte?
ddhecht 20.05.2013
Und das, in unserer von Ängsten und Vorurteilen beherrschten Republik? Respekt!
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