Unesco-Ehrung Wassersystem im Harz wird Weltkulturerbe

Es ist ein Meisterwerk früher Bergbau- und Ingenieurskunst: Das Oberharzer Wasserregal, das schon im Mittelalter zur Energieerzeugung genutzt wurde, wurde jetzt zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Die Region um die noch erhaltenen Gräben zieht jährlich Hunderttausende Wanderer an.

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Goslar - Dem Wanderer im Harz erscheinen die zahlreichen Teiche in den Hochlagen des Mittelgebirges und die leise gluckernden Wasserläufe am Rande seiner Wege meist als freundliche Laune der Natur. In Wahrheit wurde das Netz von Teichen, Kanälen, Gräben und Wasserstollen einst von Harzer Bergleuten für die Versorgung ihrer Gruben mit Wasserkraft geschaffen. Diese Oberharzer Wasserwirtschaft ist weltweit einmalig. Die Unesco nahm sie deswegen am Sonntagmorgen in die Liste des Weltkulturerbes auf.

Das Unesco-Welterbekomitee votierte bei seiner Tagung in Brasilia einstimmig dafür, die schon bestehende Welterbestätte im Harz aus der alten Silbergrube Rammelsberg in Goslar und der Altstadt der einstigen Bergbaumetropole um die Wasserwirtschaft zu erweitern. Damit gibt es in Deutschland weiterhin insgesamt 33 Welterbestätten.

"Die Aufnahme des größten, seit dem Mittelalter entwickelten montanen Wasserwirtschaftssystems der Welt ist eine Auszeichnung für ein Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft", sagt die niedersächsische Kulturministerin Johanna Wanka. Ihr Ministerium hatte die Aufnahme der Wasserwirtschaft in die Welterbeliste 2008 beantragt.

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Naturwunder und Baukunst: Welterbestätten in Deutschland

Suche nach Silber 300 Meter unter der Erde

Das System von Teichen und Kanälen ist auch als Oberharzer Wasserregal bekannt. "Regal" steht dabei für ein königliches Recht. Als solches galt der Bergbau im Mittelalter. Wasserwirtschaft oder Wasserregal sorgten dafür, dass der Bergbau im Harz auch in trockeneren Monaten stets über Wasserkraft verfügte. So konnten die Harzer Bergleute bei der Suche nach Buntmetallen und Silber schon am Ende des 17. Jahrhunderts in dahin unerreichbare Tiefen von 300 Meter vorstoßen.

Paradoxerweise dienten die Teiche und Gräben des Wassersystems einst vor allem der Entwässerung der Bergwerke. Die kleinen Wasserläufe trieben Wasserräder an, die wiederum den Pumpen in den Gruben die nötige Energie lieferten. Über Wasserräder wurde zudem das System zum Einfahren in die Gruben betrieben, die "Fahrkunst".

Sie bestand aus zwei sich nebeneinander bewegenden riesigen Langhölzern mit kleinen Plattformen daran. Zwischen den sich auf und ab bewegenden Plattformen konnten die Bergleute hin und her wechseln und dabei wahlweise nach oben oder unten gelangen.

Auch drei ehemaligen Gruben im Oberharz, die das Wassersystem einst nutzten, schlug die Unesco dem Welterbe zu. Zu den drei Schachtanlagen zählt die Grube Samson in St. Andreasberg. In ihr kann man die weltweit letzte erhaltene Fahrkunst bewundern.

Viel älter und komplexer als ähnliche Denkmäler

Für den sechs Bände und weit mehr als tausend Seiten starken Antrag bei der Unesco wurde die Wasserwirtschaft mit ähnlichen Systemen in Norwegen, der Slowakei und im sächsischen Freiberg verglichen.

Dabei zeigte sich nach Angaben des niedersächsischen Kulturministeriums, dass die Wasserwirtschaft im Harz viel älter und viel komplexer ist als ähnliche Kulturdenkmäler in Europa. Bei der Aufnahme in die Welterbeliste habe die Unesco diese als ein "weltweit einzigartiges vorindustrielles Monument der Energieerzeugung" eingestuft, sagt Ministeriumssprecher Christian Stichternaht.

Nach der Zählung des Kulturministeriums wurden für das Wassersystem im Oberharz im Mittelalter und der frühen Neuzeit insgesamt 149 Teiche, rund 500 Kilometer Gräben, 160 Kilometer Wasserstollen und 30 Kilometer größere Wasserläufe angelegt. Die einzigartige Anlage zur Lieferung von Wasserkraft bedeckt noch heute eine Fläche von 1010 Hektar. In Betrieb sind noch 63 Teiche, 70 Kilometer Gräben und 21 Kilometer Wasserläufe. Weitere Gräben von 240 Kilometern Länge haben sich als trockene Kulturdenkmäler erhalten.

Die noch Wasser führenden Teile des Systems werden seit Jahrzehnten von den Harzwasserwerken mit Millionenaufwand unterhalten. Diese versorgen ansonsten große Teile Niedersachsen mit Trinkwasser aus den Talsperren des Mittelgebirges.

Die Gräben, deren wohl bekanntester der Rehberger zwischen dem Oderteich und St. Andreasberg ist, seien mit minimalem Gefälle angelegt worden, berichtet der zuständige Ingenieur der Harzwasserwerke, Justus Teicke. So wurde das Wasser "möglichst hoch" gehalten. Denn je höher das Wasser auf ein Rad geführt wurde, desto öfter konnte es weitere unterhalb liegende Räder antreiben.

Die zahllosen Wege neben den Gräben sind heute vor allem bei Wanderern beliebt. Hunderttausende gehen nach Einschätzung des für die Wanderwege zuständigen Harzclubs jährlich daran entlang. Die längste der künstlichen historischen Wasseradern, der Dammgraben, führt über 15 Kilometer aus einem stillen Tal unterhalb von Torfhaus über das große Harz-Aquädukt, den knapp tausend Meter langen Sperberhaier Damm. So kann bis heute Wasser aus dem Brockenfeld ein tiefliegendes Gelände überqueren und bis Clausthal fließen.



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