Urlaub auf dem Großsegler "Sedov": Seemann auf Zeit

Vier Masten und über 4000 Quadratmeter Segelfläche: Der Anblick der russischen "Sedov" lässt das Seemannsherz aufgehen. Auf dem größten noch fahrende traditionellen Segelschiff der Welt können auch Landratten in See stechen - sie sollten Rost- und Schrubbarbeiten jedoch nicht scheuen.

Segeln mit der "Sedov": Wie zu Kolumbus' Zeiten Fotos
Marlis Heinz

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"All Hands on deck", dröhnt es über den Bordlautsprecher. Alle rennen und hantieren mit den Tauen. Nur die Landratten, die "Trainees", wie die Seeleute auf Zeit heißen, wissen nicht so recht, wo sie anpacken und ziehen sollen. Mitreisen auf einem Großsegler, das ist spannende Entspannung, Arbeit und Abenteuer zugleich. Manch einer der Mitreisenden - so gestehen sie einander später - ist mit mulmigen Gefühlen die Gangway heraufgeklettert. Als Landratte hinaus aufs Meer! Was, wenn ein Sturm aufzieht? Und dann auch noch ein historisches Segelschiff?

Die 90-jährige "Sedov", der heute zur Technischen Universität Murmansk gehörende Viermaster, ist mit fast 120 Meter Länge und fast 15 Meter Breite zwar das größte noch fahrende traditionelle Segelschiff der Welt. Aber eben doch kein schaukelfreier Kreuzfahrtriese. Außerdem ist es kein Schiff gewordenes Grandhotel, sondern eine schwimmende Jugendherberge.

Die "Sedov" läuft aus. Mit tuckerndem Diesel und noch ohne Segel, aber trotzdem irgendwie feierlich. Die anderen Schiffe im Kieler Hafen grüßen tutend. Die "Sedov" tutet zurück. Über die Lautsprecher dröhnt "Conquest of Paradise." Als eher nahes Paradies fungiert diesmal Kopenhagen. Die Passagiere schleichen neugierig umher, schauen in alle Luken, Türen und Klappen, legen den Kopf in den Nacken, um den Ausguck zu entdecken, bewundern das Steuerrad, suchen die Funktionsweise der Geräte zu ergründen - und einander kennen zu lernen. Man ist von vornherein - unter Seeleuten selbstverständlich - per Du.

Segellehrling auf Zeit

Am nächsten Morgen der erste Segelalarm. Der Lautsprecher krächzt ein paar energische Sätze auf Russisch. Die meisten der Gäste brauchen länger, um das zu interpretieren, sich aus den Kojen zu hieven, ins Bad zu huschen, sich wetterfest anzuziehen und an Deck zu klettern. Dort hat allerdings keiner auf das Erscheinen der verschlafenen Landratten gewartet. Die Segel blähen sich schon im Wind; die Matrosen und Kadetten sind mit den letzten Handgriffen beschäftigt. Auch eine ehrgeizige Handvoll Trainees hatte mit zugegriffen.

Womit ein Ton zur Hierarchie an Bord zu sagen wäre: Es gibt den Kapitän und die Offiziere, die rund 50 Matrosen der Stammbesatzung, eine alle paar Monate wechselnde Truppe von 110 Kadetten und die Trainees. Trainees - das sind die Gäste, die für 100 Euro am Tag aufs Schiff dürfen, die Lehrlinge für ein paar Tage. Aber so verbissen sieht das keiner. Während die Stammmannschaft auf kleineren Segelschiffen nur aus einem halben Dutzend Profis besteht und der Törn nicht funktionieren würde, wenn nicht auch die Gäste mit zupacken, darf der Trainee auf der "Sedov" auch mal den Passagier raushängen lassen.

In die Takelage muss keiner, der das nicht unbedingt will. Für Jobs wie Ruderwache, Küchendienst, Rostklopfen oder Streichen kann sich beim morgendlichen Verlesen der anstehenden Arbeiten durch den Trainee-Offizier melden, wer Lust hat. Handwerker sind besonders beim Tischler oder in der Segelmacherei gern begrüßte Helfer. Vorausgesetzt wird nur, dass man sein Bett selber bezieht, in der Messe sein Geschirr abräumt und ansonsten nichts herumstehen lässt, was bei Seegang umherpoltern könnte.

Museum und Souvenirshop

Nicht schwänzen darf aber selbst der bequemste Trainee die Sicherheitseinweisung. Die macht Gregor, "the best man on bord", wie er sich vorstellt. Kompliziertester Teil der Erklärungen: Das Anlegen eines Rettungsoveralls, eines orangen Ganzkörperschutzes mit zahllosen Reiß- und Klettverschlüssen und einer Haube gegen die Angriffe gieriger Seevögel. Was wäre wenn...? Nicht dran denken.

Aber doch lieber den Treffpunkt einprägen: gegenüber dem Souvenirladen. Ja, so was Normal-Touristisches hat die "Sedov". Und auch ein Museum, in dem man studieren kann, wo überall das Schiff im Laufe seines langen Lebens herumgekommen ist. Die Alte, die im Bauch noch einen Leninsaal und auf der Brücke schon eine Ikone hat, kann Geschichten erzählen.

Bald haben sich alle eingelebt. Man weiß, an welche Stelle der klemmenden Toilettentür man schwungvoll treten muss, um sie aufzubekommen. Man weiß, wo man den Matrosen und Kadetten mehr im Wege steht und wo weniger. Man weiß, wo man auf den steilen Treppen den Kopf einziehen oder rückwärts steigen muss. Auch einen gewissen Argwohn gegenüber perfekt glänzenden Flächen hat man sich antrainiert; es gibt halt kein Schild, das warnt, wenn etwas frisch gestrichen wurde.

Schräg im Ostseewind

Auch seinen Lieblingssitzplatz an Deck hat jeder gefunden: auf Taurollen oder Kisten, irgendwelchen Decksaufbauten oder schlichtweg auf den Planken. Liegestühle? Für die ist kein Platz, wenn es in jedem Moment sein kann, dass bei Segelalarm Dutzende Matrosen und Kadetten umherrennen und in langen Reihen an den Tauen zerren.

Auf der Heimreise liegt das Schiff endlich mal im Wind. Der Horizont ist links unter und rechts über der eigentlich waagerechten Reling zu sehen. Wer nicht glaubt, dass die "Sedov" schief liegt, bekommt das spätestens beim Mittagessen zu spüren: Die Suppe droht über den Tellerrand zu fließen - sofern man sie nicht schon beim torkelnden Rückweg von der Essensausgabe verschüttet hat. Große Wellen, geschweige denn richtigen Sturm hat es auf der Ostsee nicht gegeben. Und einige der anfangs Kleinlauten fordern den jetzt kühn ein.

In den späten Abendstunden nähert der Segler sich wieder der Kieler Bucht. Ohne Lampen, so dass die Sterne zu sehen sind. Aber er ist nicht mehr allein auf dem Meer. Auf Sichtweite fahren mehrere hell beleuchtete Kreuzfahrtschiffe. "Dort legen sie jetzt gerade die Krawatte für das Dinner um", sagt ein Trainee. Das klingt mitleidig. Und auch ein bisschen Überlegenheit schwingt mit. Denn die Seeleute auf Zeit sind gesegelt wie die Altvorderen, wie Christoph Kolumbus.

Marlis Heinz, srt

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1. Zu viele Kreuzfahrtschiffe, zuwenig SEROV
cyclist01 25.07.2011
Zitat von sysopAuf Sichtweite fahren mehrere hell beleuchtete Kreuzfahrtschiffe. "Dort legen sie jetzt gerade die Krawatte für das Dinner um", sagt ein Trainee. Das klingt mitleidig... http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,776415,00.html
Wohl wahr, Kreuzfahrtschiffe gibt es viel zu viele, und echte Alternativen, wie die Serov viel zu wenig. Leider auch Leute, die eben nur auf ein Kreuzfahrtschiff steigen würden... Nun, gibt ja auch mehr Werbung für Kreuzfahrten, die Rendite ist wahrscheinlich gewaltig grösser. Deshalb, lieber SPON, mehr solche Artikel!
2. romantisch
McSteph 25.07.2011
ein paar Tage auf so einem Segler würde ich gern auch mal machen..... Vor Arbeit habe ich mich noch nie gedrückt.
3. Mitsegeln geht auch woanders...
ladyoftheseas 25.07.2011
Wer mal richtig anpacken will, hat eine große Auswahl an Segelschulschiffen, nicht nur russische ;) Eines der bekanntesten: "Alexander von Humboldt", www.gruene-segel.de. Speziell für Jugendliche gibt es die "Sail Training Association Germany" (S.T.A.G.) unter www.sta-g.de, wo mitsegeln gerade im Sommer bei großen Windjammerregatten finanziell gefördert werden kann, das macht die Törns günstiger. Weitere Infos auch auf http://www.sailtraininginternational.org/
4. @ MacSteph - Großsegler-Segeln
Beobachter008 25.07.2011
Zitat von McStephein paar Tage auf so einem Segler würde ich gern auch mal machen..... Vor Arbeit habe ich mich noch nie gedrückt.
Kein Problem, einfach googeln (z.B. http://www.sts-sedov.info/ oder http://www.tallshipfriends.de/). Es gibt eine ganze Reihe Segelschulschiffe, die Trainees mitnehmen. Echte Windjammer (ehemalige Frachtsegler) existieren allerdings nur noch zwei: die Viermastbarken "Sedov" und "Kruzenshtern", beide unter russischer Flagge. Für einen Törn mitbringen sollte man Offenheit, Vorsicht und gute Laune. Daheim lassen kann man Luxusbedürfnis, Vorurteile und Leichtsinn. Diese Segler sind Arbeitsschiffe, bei denen die Ausbildung Vorrang hat. Mit Träumerei & Romantik hat das wenig zu tun. Dafür ist man auf einem Kreuzfahrtschiff besser aufgehoben. Solche gibt es auch unter Segeln.
5. Alternativen - z.B. die Stad Amsterdam
utenschnutenkasimir 25.07.2011
Die Sedov ist natürlich was ganz Besonderes! Aber, wie schon von jemandem angemerkt, nicht das einzige Schiff in diese Richtung. Bin grade zum 2. Mal von einer Tour als Gast auf der 'Stad Amsterdam' (http://www.stadamsterdam.com/content/home/index.xml) zurück gekehrt - das erste Mal war über den großen Teich, dieses Mal von Lissabon nach Ijmuiden. Die 'Stad', segeltechnisch weitgehend ein Nachbau der originalen Cutty Sark, ist ein neues Schiff (2000), was sich unter anderem in dem herausragenden Zustand des Schiffes, dem ausserhalb der 'cruise'-Klasse wahrscheinlich kaum anzutreffenden Luxus an Bord (eigene Kabine mit eigener Nasszelle) und u.U. auch den diversen doppelt und dreifachen Sicherheitssystemen zeigt. Sie ist rattenschnell (mehrfache Gewinnerin der Cutty Sark Regatta) und, wie wir grade in der Biskaya festgestellt haben, auch bei Beaufort 8 sicher und einfach atemberaubend schön (naja, dem Schiffchen schien das Wetter richtig gut zu gefallen - mein Bauch brauchte ein paar Tage, um sich dran zu gewöhnen, aber dann war es einfach klasse!). Die Mannschaft umfasst 25-30 zumeist junge Männer und Frauen aus verschiedensten Nationen (viele Niederländer, aber auch Skandinavier, Deutsche, Amis, Polen, Südafrikaner & you name it) und man ist herzlich eingeladen, eine der drei Wachen mitzulaufen, d.h., alles dabei mitzumachen, was man mitmachen kann und will (Segel setzen, einholen, trimmen, oder auch ganz austauschen; Taue knoten, spleißen, takeln, und das in jeder denkbaren Variante; in der Küche oder sonstwo helfen geht auch gerne, und wenn man sogar beim Deckschrubben hilft ... na, das bittet einen keiner, aber freuen tun sie sich schon) - und, was mehr ist: Die Crew gibt sich wirklich riesig viel Mühe, dass man auch was dabei lernt. So ist es faszinierend, wie sich diese hunderte von kreuz- und querlaufenden Strippen und Strängen auf so einem Traditionssegler nach nur kurzer Zeit in ein gut geordnetes System aufteilen, so dass man bald selbst ziemlich genau weiß, welche dieser >200 Strippen und Stränge nun cluelines, buntlines, leachlines, halliards, sheets and braces für welches Segel auch immer sind (nur wie diese lines dann auf Deutsch heißen, dass weiß ich leider nicht ;-) ). Physisch kann es anstrengend werden (ja, habe grade Muskelkater), und ein paar blaue Flecken holt man sich beim Arbeiten u.U. auch - aber gleichzeitig kann man sich als Gast auch jederzeit aus der Sache rausziehen, wenn es einem zu viel oder zu mulmig wird. Aber dann ... ich würde die Erfahrung nicht missen wollen, und die Bilder im Kopf. Habe in den wenigen Wochen irre viel gelernt über Segeln und Leben auf einem Traditionssegler, über die unterschiedlichen Lebensmodelle, die diese jungen Menschen wählen, und auch über mich selbst - und habe dabei Momente des uneingeschränkten Glückes erlebt. Die Preise für die 'adventurous sailing trips' (dummer Name, aber sie müssen das irgendwie von den Luxury Cruises unterscheiden, die sie auch machen) sind eigentlich mit den Angaben im Artikel vergleichbar (http://www.stadamsterdam.com/content/book-your-trip/index.xml). Also: Die Sedov hab ich nur im Hafen betreten und sie ist wirklich was Besonderes. Wenn es aber ums aktive Mitsegeln geht, dann gibt es wirklich verschiedene Alternativen, und einige davon sogar recht luxoriös ;-) .
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Urlaub auf Großseglern
Welche Schiffe nehmen Trainees?
Als Trainee an Bord gehen kann man außer auf der "Sedov" auch auf anderen Segelschiffen, so unter anderem der "Antigua" (NL), der "Christian Radich" (N), der "Kruzenshtern" (RUS) der "Roald Amundsen" (D), der "Statsraad Lehmkuhl" (N), "Sörlandet" (N) und der "Thor Heyerdahl" (D).
Wo kann man buchen?
Kontakte zu einigen Schiffen oder deren Fördervereinen vermittelt beispielsweise der Tall-Ship Friends Deutschland e.V., www.tallshipfriends.de; verein@tallshipfriends.de; Tel. 040/94790418

Die Mitfahrt auf allen Traditionsschiffen, z.B. "Sedov", "Kruzenshtern", "MIR", "Dar Mlodziezy", "Thalassa", "Flying Dutchman" und "Tolkin" ist u.a. bei Matthias Wagner, SeaComm GmbH , Käthe-Kollwitz-Straße 115 , 04109 Leipzig, Tel. 0341/2618113, buero@seacomm.de, www.seacomm.de, buchbar.
Wie ist man untergebracht?
Der Standard sieht auf jedem der zahlreichen Segelschiffe, die Trainees mitnehmen, anders aus. Er reicht von Doppelkabinen mit Dusche/WC über Sechs- bis Zehnmannkabinen mit Etagenkojen wie auf der "Sedov" bis zum Saal, in dem man allabendlich Hängematten spannt und mit seinem eigenen Schlafsack ausrüstet.
Was kostet eine Reise?
Mitreisen zum Beispiel auf der "Sedov" kostet (inklusive Verpflegung) pro Tag rund 100 Euro.

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