hin und weg

Am Urlaubsort der Kindheit Die Einhörner vom Wendland

Von

Eva-Maria Träger

Der Urlaubsort der Kindheit ist ein Ort, an den man in Gedanken schon häufig zurückgereist ist. Doch wirklich hinzufahren, ist etwas ganz anderes - ein Ausflug ins Wendland. Nach mehr als 20 Jahren.

Als wir uns dem Ortsschild nähern, sind meine Schwester und ich auch deshalb ein bisschen aufgeregt - fast so wie früher, als wir noch klein waren. Wann immer es ging, fuhr unsere Familie damals in das kleine Dorf, das jetzt in der Mittagssonne vor uns liegt. Es umfasst nur eine Straße, mit kaum zehn Häusern, und doch nimmt wohl kaum ein Ort so viel Platz in unserer Erinnerung ein wie dieser.

Wir waren früher an fast allen Wochenenden hier und in jedem Urlaub. Manchmal blieben wir die gesamten Sommerferien über - sechs Wochen, in denen wir "aus der Zeit" fielen, wie meine Mutter es nennt. An denen nichts zu existieren schien außer uns und der Natur drumherum.

Es gab kein Telefon im Haus, geheizt wurde per Kachelofen. Unter der Woche, wenn mein Vater in der Stadt blieb, um zu arbeiten, hatten wir kein Auto. Im Wohnzimmer standen ein knarzendes Radio und ein flackernder Schwarz-Weiß-Fernseher, aber ich kann mich kaum daran erinnern, dass eines davon jemals lief. Alles Wichtige passierte im Freien.

Wir sammelten eimerweise Pilze und Heidelbeeren

"Dürfen wir raus, ein Abenteuer erleben?", hätten wir immer gefragt, sagt meine Mutter. Und wenn sie zustimmte, sprangen meine Geschwister und ich in die Gummistiefel und waren bis zum Abend verschwunden.

Mit unseren Rädern erkundeten wir die Feldwege der Gegend. Auf den Wiesen in der Nähe des Sees in der Dorfmitte fingen wir kleine Frösche, deren Beinchen in der Handfläche kitzelten, wenn sie zum Sprung zurück ins Gras ansetzten. Im Wald bauten wir Häuser aus Blättern und Zweigen und sammelten eimerweise Pilze und Heidelbeeren, die wir später gemeinsam zu Hause aßen, bis Tschernobyl das unmöglich machte.

Manchmal verspeisten wir als Mutprobe auch ein paar Ameisen, die salzig schmeckten, oder eine Spinne (eher süß). Vor allem aber jagten wir nach Schmugglern und gruben nach Schätzen, zu denen uns selbst gemalte Landkarten führen sollten. Wir fühlten uns wie die "Fünf Freunde" - nur dass wir niemals ein Verbrechen aufklärten.

Irgendwie ist alles wie früher, nur viel kleiner

Ich ging in die dritte Klasse, als wir zuletzt hier im Wendland waren. Vor unserem Ausflug jetzt habe ich mich gefragt, was sich wohl verändert hat. Im Rückblick erscheinen schöne Orte oft noch schöner, besonders wenn sie so sehr für Kindheit stehen wie dieser. Ob dieser Besuch die Erinnerungen entzaubert? Als wir aus dem Auto steigen, bin ich erleichtert. Irgendwie ist alles wie früher - nur viel kleiner.

"Oh Gott, ist das winzig", sagt meine Schwester und lacht. Die von uns "Kastanienallee" genannte Straße am Dorfrand ist längst nicht so breit wie erinnert, sondern ein schmaler Weg mit brüchigem Asphalt. Der See in der Mitte des Dorfes - ein kleiner Teich. Und das gigantische Gutshaus am Ortseingang? Ein normales Einfamilienhaus. Nur die "Bauminsel" auf dem Rübenfeld hinter der Straße wirkt noch genauso verwunschen wie damals: ein rundes, wildes Waldstück im flachen, geordneten Grün des Feldes.

Es gebe dort Wildschweine, hat mein Vater uns immer ermahnt: "Passt auf!" Wir waren vorsichtig. Aber nur, um die Einhörner nicht zu verjagen, die wir dort vermuteten, und um den ruppigen Räuberbanden zu entgehen, die wir aus der Ferne im Gebüsch ausgemacht hatten. Beim Blick über die Rüben beschleicht mich auch jetzt ein mulmiges Gefühl. Als Kind sieht man die Welt anders als als Erwachsener. Aber manchmal bringt eine Begegnung das fast vergessene Gefühl von damals zurück.

Wir wiederholen ein wichtiges Ritual - das Picknick

Nach unserem Spaziergang wiederholen wir ein Ritual, das früher wichtiger Bestandteil unserer Erkundungstouren war: das Picknick. Im Rückblick erscheint fast nichts köstlicher als die belegten Brote und Orangensaft-Trinkpäckchen von damals, manchmal gekrönt von einer kostbaren Dose Cherry-Cola, die das Mädchen von nebenan aus dem heimischen Kühlschrank stibitzt hatte.

Wir lassen uns an diesem Tag in einem Stoppelfeld nieder. Früher haben wir hier Drachen steigen lassen und Bumerangs in die Luft geworfen, die nie zurückkamen. Heute fängt es an zu regnen, kaum dass wir es uns auf der Decke bequem gemacht haben. Wir müssen uns zusammenkuscheln und ganz klein machen, damit wir beide unter den Schirm passen.

Als die Tropfen vom Himmel herunterprasseln auf uns zwei, die wir barfuß mitten im Stroh sitzen, schauen wir uns zufrieden kauend an und grinsen. Es ist ein Gefühl wie damals. Als gäbe es kein Gestern und kein Morgen, nur diesen einen perfekten Moment - Erinnerung und Gegenwart zugleich.

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3 Leserkommentare
konbaum 26.08.2014
ingalisa76 26.08.2014
mauser 26.08.2014

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