Brandenburgs Wildnis: Kuhkino und Storchenschau

Seeadler statt Spatzen, außerdem Wildpferde, Biberkolonien und Tausende Kraniche: Die Prignitz in Brandenburg ist ein Paradies für Tierfans. Im Kanadier und auf dem Rad ist das Naturerlebnis perfekt.

Deutschland-Urlaub: Bio-Stunde in Brandenburg Fotos
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Lenzen - In der Prignitz im Nordwesten Brandenburgs gehen die Uhren noch anders. Jürgen Herper könnte das bestätigen, wenn er eine Uhr hätte. Hat er aber nicht. Braucht er auch nicht. Der Ranger von der Naturwacht Flusslandschaft Elbe stapft die Böschung hinunter und stoppt vor einem Biberbau: "Da ist 'ne ganz starke Truppe drin", sagt er, "sechs Tiere insgesamt." Die Ausmaße des Baus sind von außen kaum zu erkennen: "Die Biberburg ist riesig, zehn Meter lang und drei Meter hoch."

Herper ist mit den Elbebibern quasi per du. "Hier im brandenburgischen Teil des Biosphärenreservats gibt es gut 150 Tiere", erzählt er. "Auf dem Tiefpunkt waren es nur noch 50." Mittlerweile fühlen sich die Tiere in der Prignitz wieder richtig wohl. "Ein Grund dafür ist der Mais auf den Feldern", erklärt der Naturschützer. "Mais ist für Biber, was Schokolade für uns ist." Die Jungen fressen ihn gerne und werden dadurch kräftig. Ausgewachsene Tiere bringen problemlos 45 Kilo auf die Waage.

Herper schwingt sich aufs Fahrrad. Damit ist er hier zwischen den Elbdörfern am liebsten unterwegs und zeigt Besuchern die Landschaft, in der er großgeworden ist. Graugänse rasten hier jedes Jahr, Saatgänse auch. "Die sind etwas kleiner und rufen auch anders", sagt Herper, der an der Elbe wohnt und den Vögeln schon im Bett lauscht.

Der Ranger ist in Rühstädt zur Schule gegangen und heute dort Bürgermeister. Storchennester sieht man hier auf etlichen Häusern, der Ort hat eine der größten Weißstorchpopulationen Europas. Vergangenes Jahr haben 24 Paare dort gebrütet - und noch einmal 30 Paare in den Dörfern der Umgebung. Wenn die eleganten Vögel im Frühjahr einschweben, reisen nicht nur eingefleischte Ornithologen an, um ihnen zuzusehen.

Paddeln zu Fischottern und Eisvögeln

Auch Lenzen, wo der BUND ein Besucherzentrum hat, ist ein Paradies für naturverbundene Urlauber. Hinter der Burganlage spiegelt sich die Sonne auf der Löcknitz, einem Nebenfluss der Elbe. Ihr Wasser fließt träge, in der sanften Strömung wiegen sich Wasserpflanzen. An einem Steg liegt die "Biber 2" und ein weiterer Kanadier, mit denen sich die Flusslandschaft erkunden lassen. Susanne Gerstner, die Leiterin des Umweltbildungszentrums, ist schon eingestiegen. Keine fünf Minuten später legt die ganze Gruppe ab.

Seerosen und Teichrosen blühen an der Wasseroberfläche. Am Ufer steht Schilfrohr, darüber spielen Libellen in der Luft Fangen. "Die Auwälder sind hier noch so ursprünglich wie früher entlang der ganzen Elbe", sagt Gerstner. "Fischotter und Eisvögel sind hier heimisch." Die Boote gleiten ruhig übers Wasser, das Paddeln mit der Strömung trägt zur Entschleunigung bei.

Am nächsten Morgen steht Gerstners Kollegin Birgit Fehlinks schon vor Sonnenaufgang am Burgtor, bereit zu einem Ausflug ins Rambower Moor. Um diese Uhrzeit ist dort niemand unterwegs, Nebel liegt auf den Weiden. Fehlinks stapft zwischen Birken und Buchen auf dem Waldweg voran, während in der Nähe die Dexter-Rinder brüllen. Das Moor ist einer der größten Sammelplätze für Kraniche in Brandenburg. Und die lassen sich am besten am frühen Morgen beobachten.

Kuhkino und Käsebrot

"Tagsüber suchen sie Futter auf den Äckern", erzählt die Biologin, während sie den Beobachtungsturm hinaufsteigt. Mehrere tausend Kraniche haben sich im Moor versammelt, nach und nach steigen sie in die Luft. Wenn die Sonne aufgegangen ist, werden die meisten von ihnen fortgeflogen sein.

Fehlinks schlägt vor, einen Kaffee im Café "Moorscheune" in Boberow zu trinken. Durchs Panoramafenster im ersten Stock sind Wiesen und Wald zu sehen. "Hier gibt's Kuhkino", sagt der Inhaber Christian Ebner, als er sogenannte Moorhappen zum Frühstück serviert: Mettwurst- und Käsebrot. Von seinen Biokühen ist keine zu sehen, dafür streicht ein Fuchs am Waldrand entlang.

Nach einer Stärkung schwingen sich die Wildnisfans aufs Rad. Birgit Fehlinks steigt in den Sattel und startet Richtung Elbdeich. Kurz darauf zeigt sie auf die Altaue hinter dem Deich und auf die Elbe davor: "Der längste noch frei fließende Strom in Deutschland, das macht ihn zu etwas ganz Besonderem." Und zu etwas Schutzbedürftigem. Ein Seeadler zieht seine Kreise über dem Wasser - die Vögel sind in der Prignitz so alltäglich wie Spatzen anderswo.

"Sie brüten im Auenwald", sagt die Biologin. Dieser erstreckte sich früher zwischen Fluss und Deich über viele Kilometer. Durch die Rückverlegung des Deiches soll er sich wieder ausbreiten. Auf 180 Hektar sind bereits Bäume gepflanzt worden, vor allem Ulmen und Eschen, 300 Hektar sollen es einmal werden.

Nur wenige Kilometer weiter ist vom Deich aus eine Herde Wildpferde zu beobachten. Es sind Herzberger Wildlinge, eine Kreuzung aus skandinavischen Fjordpferden und polnischen Koniks. Die meisten grasen seelenruhig, zwei traben über die Weiden. Unter dem weiten Himmel der Prignitz müssen sie sich so wohl fühlen wie die Radtouristen auf dem Elbdeich.

Andreas Heimann/dpa/jus

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1. optional
blogreiter 12.04.2013
Kuhkino gibt es eher anderswo. Ansonsten schön plattes Land, etwas entvölkert. Warum sind es denn so wenig Störche jetzt in Rühstädt. Ich kann mich an über 40 Nester erinnern, von denen ca. 35 belegt waren. Wandern die jetzt auch aus?
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