Pferdekutschen-Tour durch Deutschland: In der Rosi liegt die Kraft

Lasst sie doch alle hupen: Wer mit dem Pferdewohnwagen gemütlich durch die Altmark reist, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen - es sei denn, das geliebte Zugtier verwandelt sich in einen störrischen Gaul.

Sachsen-Anhalt: Mit der Pferdekutsche durch die Altmark Fotos
DPA

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Die Hufe klappern auf der Landstraße, der Planwagen rumpelt, die Landschaft zieht gemächlich vorüber. Die Altmark in Sachsen-Anhalt wird nur von einigen Hügeln durchzogen und lässt sich ideal im Pferdewohnwagen erleben. Bett und Kochecke sind dann immer dabei. Die Idee dafür hat Pferdebesitzerin Nenny Abold aus Irland mitgebracht.

In Flecken-Apenburg auf dem Campingplatz stehen die grün bespannten Holzwohnwagen. Die Pferde grasen an ihren freien Tagen auf der Weide. Gemeinsam mit Nenny hole ich zusammen mit meiner Familie Rosi von der Koppel. Die dunkelbraune Stute ist ein kräftiges Arbeitspferd. Sie weiß, dass sie nun auf Tour gehen muss und büxt erst einmal aus. Doch nach einigen Minuten haben wir Rosi eingefangen, legen das Halfter an und führen sie zum Hof.

Für den Ausflug wird sie gestriegelt, ihre Hufe werden ausgekratzt. Meine drei Berliner Großstadtjungs beobachten jeden Handgriff. Dann wird angespannt. Es sieht gar nicht so schwer aus. Nenny nimmt anfangs auf dem Kutschbock Platz. Als sie sieht, dass es auch ohne sie geht, haben wir die Zügel allein in der Hand. "Rosi ist ein besonders ruhiges, verlässliches und sicheres Tier", gibt sie uns mit auf den Weg.

Es ist früher Mittag, ein langer Weg liegt vor uns. Schon bald geht es über eine Kreuzung. Die grüne Ampel leuchtet, Rosi dreht den Kopf zur Seite und fragt mit einem kurzen Blick, ob sie abbiegen soll. Mit einem sanften Zug an der Führungsleine auf der entgegengesetzten Seite signalisieren wir ihr, dass es weiter geradeaus geht. Rosi zieht unser tonnenschweres Haus gemächlich über die Straße. Für manchen Autofahrer ist das zu langsam: "Soll ich schieben?", ruft eine Männerstimme. Rosi stört das nicht.

Gleichmäßig wackelt ihr kräftiger Hintern bei jedem Schritt hin und her. Die rund 900 Kilogramm schwere, braune Stute ist ein Kaltblüter. Wir zuckeln über eine Landstraße, vorbei an Wiesen und einsamen Gehöften, an Pferdeweiden und Kartoffeläckern, Raps- und Maisfeldern. Die Hektik des Alltags ist verschwunden. Es geht durch kleine Dörfer, drei, vier Häuser, manchmal auch sieben, ein Gutshaus, eine Feldkirche.

Ein störrischer Gaul

Die Straßen sind leer. Hinter Zäunen ist ab und zu ein Bellen zu hören. Die Hunde sehen erst einmal nur Rosi. Denn die drei Jungs haben es sich im Wagen bequem gemacht und spielen Karten. Ich sitze auf dem Kutschbock und halte die Führungsleine. Am Wagen baumeln die Handtücher. Ständig schaut Rosi mit fragendem Blick nach hinten, ob alles seine Richtigkeit hat. Ab und zu tuckert ein Traktor vorbei, überholt ein Auto. Leon hat das Kartenspiel aufgegeben und läuft neben Rosi her. Damit es ihr nicht zu langweilig wird, erzählt er Geschichten. Rosi nickt im Takt. Louis und Maurice sammeln für das abendliche Lagerfeuer Reisig vom Wegesrand.

Am späten Nachmittag haben wir den vorgegebenen Reiterhof gefunden, spannen Rosi vom Wagen ab und führen sie zu ihrem Nachtquartier auf eine Wiese. Sobald es dunkel wird, ziehen wir uns in den Planwagen zurück. Er ähnelt von außen denen, die man aus Westernfilmen kennt, im Inneren aber eher einem Wohnwagen: Im hinteren Teil ist die Essecke, die man zum Bett umbauen kann, im vorderen die Küchenzeile mit Herd und Geschirrschränken.

Am nächsten Morgen steht Rosi auf der Weide und schaut schon zu uns herüber. Noch bevor wir frühstücken, bekommt sie Hafer und Wasser. Dann beginnen die Vorbereitungen für die Abfahrt. "Lasst Euch Zeit - und lasst euch nicht von Rosi an der Nase herumführen!", hatte Nenny empfohlen. Die Jungs striegeln und bürsten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Die schwierigste Übung ist, das Pferd vorsichtig rückwärts parallel zwischen den Deichselstangen einzuparken, um das Geschirr dort einhaken zu können. Rosi lässt sich problemlos an den Zügel nehmen. Doch dann läuft sie an den Deichselstangen vorbei und bleibt davor stehen. Dann dreht sie eine Runde, noch eine. Gut zureden, bitten, schimpfen, sachte schieben - alles ist sinnlos: Rosi will nicht weiter.

Die Schnelligkeit kommt am Schluss

Zwischen Klatschmohn und Grashalmen, mitten in den Feldern, ist eigentlich nichts zu verpassen. Keine Anschlüsse, Öffnungszeiten, Uhren, Klingeln. Aber wir wollen bis zum Abend 15 Kilometer weiter sein. Und deshalb nützt es nichts: Wir müssen Hilfe holen. Die kommt auch gleich. Der Chef des Reiterhofes nimmt die Zügel, spricht laut auf Rosi ein. Ohne Probleme lässt sie sich nun anspannen.

Spätestens auf der Landstraße ist das Missgeschick vergessen. Wir zuckeln vorwärts. Es gibt eine Pause, weil irgendwo Pferde sind oder weil das Gras gerade besonders schön ist, weil ein Schmetterling vorbeifliegt - und manchmal einfach so. Und es scheint durchaus sinnvoll zu sein, das Leben oder wenigstens einen Teil davon damit zu verbringen, auf dem Kutschbock zu sitzen oder neben Rosi herzulaufen.

Rosi dreht mal ein Ohr, mal beide. Wenn sie sie anlegt, bedeutet das Ärger - aber sie legt sie nie an. Nach zwei Tagen steuern wir den Planwagen mit Rosi genauso souverän wie das Auto. Wir haben inzwischen ein paar Menschen gesehen, berlinmüde Berliner, die hier am Wochenende wohnen und Altmärker. Wir hören Geschichten, die sich um die Besitzer der Gutshäuser drehen und andere. Manche waren von früher und manche von heute, aber im Grunde klingen sie alle gleich.

Ich wundere mich nicht mehr. Rosi und wir sind aus der Zeit gefallen. Ich denke das immer noch, als wir wieder in Apenburg sind. Die letzten Meter zur Koppel wurde sie schnell. Sie wusste, sie würde erwartet, von den anderen Pferden. Kaum waren sie in Sichtweite, wieherte sie. Während wir ihr noch hinterher schauen, hat sie uns vermutlich schon vergessen.

Heidrun Lange, dpa

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
spubel 14.04.2012
Zitat von sysopLasst sie doch alle hupen: Wer mit dem Pferdewohnwagen gemütlich durch die Altmark reist, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen - es sei denn, das geliebte Zugtier verwandelt sich in einen störrischen Gaul.
Da werden also totale Anfänger mit nur kurzer Anleitung mit dem Fluchttier Pferd (ja, auch wenns ein Kaltblüter ist!) auf den Strassenverkehr losgelassen (ja, auch wenns die Altmark ist!). Ist ja eine sensationelle Idee. Nicht.
2. kitschig
Hamberliner 14.04.2012
Zitat von sysopLasst sie doch alle hupen: Wer mit dem Pferdewohnwagen gemütlich durch die Altmark reist, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen - es sei denn, das geliebte Zugtier verwandelt sich in einen störrischen Gaul. Pferdekutschen-Tour durch Deutschland: In der Rosi liegt die Kraft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,827421,00.html)
Ich finde diese Idee etwas kitschig. Wesentlich kultiger wäre - seit Trecker-Becker - ein Gespann aus Traktor und Bauwagen. Mit zu vermieten wäre eine Nachbildung seines Hutes und - für Hundefreunde - zwei Köter, die auf den beiden hinteren Kotflügeln hocken, damit das ganze dem Original entspricht. Das ganze bitte nicht in ländlicher Umgebung, sondern mit 6 km/h durch Berlin-Kreuzberg.
3.
loeweneule 14.04.2012
Zitat von HamberlinerIch finde diese Idee etwas kitschig. Wesentlich kultiger wäre - seit Trecker-Becker - ein Gespann aus Traktor und Bauwagen. Mit zu vermieten wäre eine Nachbildung seines Hutes und - für Hundefreunde - zwei Köter, die auf den beiden hinteren Kotflügeln hocken, damit das ganze dem Original entspricht. Das ganze bitte nicht in ländlicher Umgebung, sondern mit 6 km/h durch Berlin-Kreuzberg.
Wieso kitschig? Aber Ihre Idee hat was. Würde mir gefallen.
4.
boeseHelene 14.04.2012
Zitat von sysopLasst sie doch alle hupen: Wer mit dem Pferdewohnwagen gemütlich durch die Altmark reist, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen - es sei denn, das geliebte Zugtier verwandelt sich in einen störrischen Gaul. Pferdekutschen-Tour*durch Deutschland: In der Rosi liegt die Kraft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,827421,00.html)
seit dem ich als Kind 5 Freunde gelesen habe war das schon immer mein Traum, einfach nur irgendwo hinreisen mit Wohnwagen und Pferd. Mein Trakki wäre wahrscheinlich zu schwach zum Wohnwagen ziehen aber evtl. werden wir mal einen Wanderritt unternehmen. Was ich halt ein bisschen stört ich würde niemals Fremde mit meinem Pferd irgendwo hinreisen lassen.
5. Ja warum denn nich?
opag78 14.04.2012
Zitat von spubelDa werden also totale Anfänger mit nur kurzer Anleitung mit dem Fluchttier Pferd (ja, auch wenns ein Kaltblüter ist!) auf den Strassenverkehr losgelassen (ja, auch wenns die Altmark ist!). Ist ja eine sensationelle Idee. Nicht.
Meinen sie, früher haben die Leute erstmal ein Diplom gemacht, um mit einem Planwagen loszuziehen? Die Altmark ist fast menschenleer, da wohnen keine jungen Schnellfahrer, sondern nur alte gemütliche Leute. Auf der Strasse läuft auch niemand und nicht mal ein Traktor begegnet einem allzu häufig. Was soll da passieren mit einem Planwagen der von einem ruhigen Arbeitspferd durch die Botanik gezuckelt wird ? Manche Leute sehen einfach in allem ein Risiko , nich war ?
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