Urlaubs-Inspiration auf Instagram Gestern Provinz, heute Hotspot

Viele deutsche Regionen haben Instagram entdeckt, um ihr Image aufzupolieren. An tollen Motiven mangelt es nicht - doch die Bilderjäger können auch nerven.

Lars Krux

Mit Kürbis und Wein posiert die Berliner Bloggerin Medina hoch über Burg Eltz auf einer Mauer. Die Amerikanerin Anna postet ein Bild auf Instagram, auf dem sie barfuß im weißen Kleid auf der Steinbrücke vor der Burg zu sehen ist. Das fotogene Gebäude, das auf einem 70 Meter hohen Felssockel über dem rheinlandpfälzischen Elzbachtal thront, ist ein begehrtes Ziel von Motivjägern.

"Wenn ich morgens das Tor öffne, sind die ersten schon im Wald unterwegs", sagt die Burgherrin Angelika Nelius, die eine Einliegerwohnung in der Burg bewohnt. Sie lacht. "Manchmal sagen wir: Hinter jedem Strauch sitzt jemand". Vor allem jüngere Leute pilgerten seit etwa zwei Jahren zu der Festung.

Instagram und Co. beeinflussen Wahl der Reiseziele

Freilich ist Schloss Neuschwanstein mit mehr als 200.000 Fotos allein beim Hashtag #neuschwanstein auf Instagram immer noch der digitale Star unter Deutschlands Burgen. Doch Burg Eltz gilt als Newcomer. Rund 20.500 Fotos kursieren unter #BurgEltz auf Instagram - weit mehr, als die historischen Nachbarn in Rheinland-Pfalz für sich verbuchen können: Burg Thurant kommt auf rund 700 Fotos, Burg Katz mit Blick auf die Loreley auf knapp 500.

Die Bilderwelten auf Kanälen wie Instagram, Pinterest oder Facebook beeinflussen die Wahl der Reiseziele. Rund 45 Prozent der Urlauber lassen sich etwa auf Instagram für ihr nächstes Ziel inspirieren - das ergab eine von Sony Mobile durchgeführte Studie im Mai. Losgetreten wird der Effekt auch durch reichweitenstarke Accounts oder sogenannte Influencer.

Maximilian Muench ist so ein Influencer. Der gebürtige Chemnitzer hat fast 500.000 Follower auf Instagram. Auf seinem Account postet er eindrucksvolle Reise-Fotografien: aus Jordanien oder Kanada, von den Lofoten - und aus Sachsen. Mehrfach fotografierte Muench dort die Rakotzbrücke, eine 150 Jahre alte Bogenbrücke, die sich kreisrund im Wasser unter ihr spiegelt.

Muenchs erstes Foto der Brücke war Teil der Imagekampagne "So geht Sächsisch" oder "SimplySaxony", die seit 2015 neben klassischen Werbeträgern wie Print oder TV auch Social-Media-Kanäle bespielt. Gesamtbudget für die Kampagne 2017: vier Millionen Euro.

"Bei Instagram erreichen wir noch mal eine ganz andere Zielgruppe: jung, foto- und reiseaffin und auch international", sagt Frank Wend, Leiter des Referats Öffentlichkeitsarbeit in der Sächsischen Staatskanzlei. Ob die Fotos eine Auswirkung auf die Besucherzahlen haben, sei schwer messbar. In den sozialen Medien allerdings könne man feststellen, dass sächsische Sehenswürdigkeiten wie die Rakotzbrücke an Popularität gewonnen hätten. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem die Nutzer ihre Bilder selbst mit den offiziellen Kampagnen-Hashtags versehen".

Doch die neue Aufmerksamkeit hat auch ihre Schattenseiten: Auf der Jagd nach außergewöhnlichen Motiven stürmen die Besucher etwa auf die denkmalgeschützte Rakotzbrücke, die seit einigen Jahren einsturzgefährdet ist - trotz Schildern, die das Betreten verbieten. Sogar ein Fahrrad-Stunt hat dort schon stattgefunden.

"Es wird immer gefährlicher, die Brücke zu betreten", sagt Mandy Klau vom Tourismusbüro Kromlau. Der etwa 1600-Einwohner-Ort sei gar nicht unbedingt daran interessiert, dass Fotografen in Scharen nach Kromlau strömen. Schließlich müsse die Pflege und Erhaltung des Parks aus dem knappen Gemeindehaushalt finanziert werden. Dennoch steige ihrer Wahrnehmung nach die Nachfrage seit etwa drei Jahren.

"Hier ist die Welt noch in Ordnung"

Eine neue Sehenswürdigkeit, zumindest für Instagramer, ist auch Hallstatt in Österreich. Die Stadt mit 790 Einwohnern liegt idyllisch am See auf einem schmalen Uferstreifen, umrahmt von wuchtigem Gebirge. "Früher wurden wir in Amerika oder Asien unter Norwegen gehandelt. Danach - auch durch den Einfluss sozialer Medien - haben immer mehr erfahren, wo wir wirklich liegen", sagt Pamela Binder, Geschäftsführerin des Tourismus-Verbands Inneres Salzkammergut.

"Hier ist die Welt noch in Ordnung, sagen viele junge Leute, wenn man sie fragt, was sie so an diesem Ort fasziniert", sagt Binder. "Das Altbackene. Der See, die alten Häuser, die Berge ringsum kommen gut an." Binder ist angetan von den "neuen Journalisten", die frische Blickwinkel auf die Stadt auf ihren Accounts teilen. "Es gibt so viele, die ein Gespür für den Ort mitbringen und die auch ein bisschen verliebt nach Hause fahren. Die mögen wir!"

Im Gegensatz zu anderen Destinationen zahlt Hallstatt weder Honorare für Fotos noch Anreisekosten. "Das mag vielleicht borniert klingen, aber ich glaube, dass die Wertschätzung gegenüber unserem Ort damit steigt", sagt Binder. Bei der Recherche würden Instagramer oder Blogger allerdings mit Nächtigungen oder freien Eintritten unterstützt. Eine hohe Reichweite sei keine Bedingung dafür, schließlich könne man sich Follower heutzutage auch kaufen. Im Gegenteil, die Stadt setzt auf Accounts, die gekonnt eine Nische besetzen, zum Beispiel Familien. Werde die Zielgruppe effektiv erreicht, könne das auch ein Blog mit nur 500 Fans sein.

Der Instagramer Lars Krux hat sich von Fotos anderer Instagram-Profile inspirieren lassen, er reiste im Februar nach Hallstatt.
Lars Krux

Der Instagramer Lars Krux hat sich von Fotos anderer Instagram-Profile inspirieren lassen, er reiste im Februar nach Hallstatt.

"Den Ausverkauf unseres Orts wollen wir nicht", sagt Binder. Wenn die Bewohner es nicht mehr "fein" hätten, würde sich das Ortsbild verändern und an Attraktivität verlieren - dann hätte man nicht mehr viel von der Berühmtheit im Netz. Deswegen gäbe es auch kein flächendeckendes WLAN im Ort. "Ich muss hier eine Lanze für die Bevölkerung brechen, sonst wäre kein Vorgarten mehr sicher vor Motivjägern", sagt sie. "Wenn das nicht sofort gepostet werden kann, ist der Reiz ja oft weg". Auch Flugdrohnen störten zunehmend das Idyll. Erst vor wenigen Monaten wurden Info-Tafeln aufgestellt, auf denen Gäste gebeten werden, die Flugobjekte am Boden zu lassen.

Leseraufruf: "Mit Instagram um die Welt"
    Weihnachten naht. Zeigen Sie uns ihre schönsten, lustigsten oder ungewöhnlichsten Bilder aus der Weihnachtszeit - ob vom Lichterfest in Norwegen, Adventsschmuck in Australien oder ungewöhnliche Blickwinkel auf deutschen Märkten! Taggen Sie Ihre Fotos mit #SpOn_Reise_Weihnachten. Die schönsten Aufnahmen stellen wir bald vor!

Einen Schritt weiter ging diesen Sommer die Schweizer Gemeinde Bergün: Sie wollte Touristen das Fotografieren unter Androhung von Bußgeld verbieten. Damit sorgte sie für mediale Empörung. Dahinter verbarg sich allerdings ein PR-Gag - um Aufmerksamkeit zu erregen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
bronck 21.11.2017
1. HDR-Wahn
Bild 4 zeigt sehr schön den derzeit noch grassierenden HDR-Wahn bei Fotografen. War es in den 70ern der absurd überdrehte Weichzeichner, ist es heute das surreal wirkende übertriebene HDR in Tateinheit mit Überschärfung/sättigung. Lasst doch einfach mal Schatten, Schatten sein.
spatenheimer 21.11.2017
2.
Zitat von bronckBild 4 zeigt sehr schön den derzeit noch grassierenden HDR-Wahn bei Fotografen. War es in den 70ern der absurd überdrehte Weichzeichner, ist es heute das surreal wirkende übertriebene HDR in Tateinheit mit Überschärfung/sättigung. Lasst doch einfach mal Schatten, Schatten sein.
Das ist kein HDR, sondern der "Klarheit"-Regler von Photoshop. Auch zu sehen bei 99% aller Fotos von irgendwelchen Lost Places.
Referendumm 21.11.2017
3.
Zitat von spatenheimerDas ist kein HDR, sondern der "Klarheit"-Regler von Photoshop. Auch zu sehen bei 99% aller Fotos von irgendwelchen Lost Places.
Das ist doch völlig egal! Mich nerven diese künstlichen Fotos nur noch. Was haben solche "Ergebnisse" letztendlich mit Fotografie, also dem Abbilden der Realität zu tun? Nichts, rein gar nichts! Es ist ja schon schlimm genug, wenn fotomanipulierte Bilder zum Bild des Jahres (bei Reportagefotografen) gewählt werden. So einen Quatsch würde ich noch nicht mal im Rahmen eines Kunstbegriffes durchgehen lassen. Wer bzgl. Fotografie nix kann, greift zu Photoshop; heutzutage gängige Methode. Früher musste man mit Brennweiten, Blendenzeiten mit Licht und Schatten etc. arbeiten; heute machts das dann ne Software aus der Grabbelkiste (inkl. Photoshop)? Nein danke!
underdog 21.11.2017
4.
Fotografie heißt "Lichtmalerei". Noch nie hieß Fotografie "Abbildung der Realität". Ob HDR oder nicht: nervig ist doch eher, wenn dahinter kein eigener fotografischer Stil erkennbar ist, sondern nur zigmal dagewesenes kopiert wird. Außerdem gibt's genug Technikfixierte, die wunderbar über Brennweiten, Lichtstärken, Verzeichnung und Bokeh fachsimpeln können, aber fotografisch nichts kreatives zustande bringen, das längerer Betrachtung würdig wäre.
spatenheimer 21.11.2017
5.
Zitat von ReferendummDas ist doch völlig egal! Mich nerven diese künstlichen Fotos nur noch. Was haben solche "Ergebnisse" letztendlich mit Fotografie, also dem Abbilden der Realität zu tun? Nichts, rein gar nichts! Es ist ja schon schlimm genug, wenn fotomanipulierte Bilder zum Bild des Jahres (bei Reportagefotografen) gewählt werden. So einen Quatsch würde ich noch nicht mal im Rahmen eines Kunstbegriffes durchgehen lassen. Wer bzgl. Fotografie nix kann, greift zu Photoshop; heutzutage gängige Methode. Früher musste man mit Brennweiten, Blendenzeiten mit Licht und Schatten etc. arbeiten; heute machts das dann ne Software aus der Grabbelkiste (inkl. Photoshop)? Nein danke!
Naja, was ist die Realität? Jemand der rot-grün-blind ist wird die gleiche Szenerie anders wahrnehmen als jemand der das nicht ist. Wenn man im Urlaub eine Sonnenbrille trägt wirken alle Farben gesättigter. Soll man das auf den Urlaubsfotos dann auch sehen können oder will man da flauere Farben haben? Früher hat man sich halt stundenlang in die Dunkelkammer gestellt bis das gewünschte Ergebnis vorlag, heute sitzt man vor dem Rechner.
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