Usedom im Herbst Chillen vor Ostseewellen

Hellblau, Sanftgelb und dann die orangefarbenen Schlieren am Himmel: Im Herbst wirkt das Licht über der Ostsee skandinavisch-mild. Auf Usedom kehrt dann die Entspanntheit der Nachsaison ein - für Strandläufer die ideale Jahreszeit.

TMN / Usedom Tourismus/Andreas Dumke

Der Horizont ist kaum auszumachen. Der Himmel über Usedom und das Wasser der Ostsee schimmern im gleichen Graublau, allenfalls unterschiedlich hell. Jetzt, am späten Nachmittag, kurz vor der Dämmerung, ist es am Strand von Heringsdorf ruhiger geworden.

Direkt am Wasser sind noch einige Spaziergänger unterwegs, nur an der Seebrücke, Heringsdorfs Wahrzeichen, herrscht einiger Betrieb. Eine fünfköpfige Schwanenfamilie hält Hof: Um sie herum steht ein Dutzend Urlauber und macht Fotos. Im Herbst ist Zeit dafür.

Im Sommer zieht es Tausende von Touristen nach Usedom, nach Rügen Deutschlands zweitgrößte Insel. Aber ab Mitte September ist Nebensaison. Dann ist wenig los, auch in den Kaiserbädern. Heringsdorf zählt dazu, auf der einen Seite davon Bansin, auf der anderen Ahlbeck.

Noch ein Stück weiter Richtung Südosten liegt dann schon Swinemünde, das heute Swinoujscie heißt und zu Polen gehört. Alle Orte sind so dicht beieinander, dass man bei einem Strandspaziergang von einem zum anderen laufen kann - oder mit dem Rad entlang der Promenade gleich alle auf einmal abfahren.

Strandspaziergänge sind im Herbst schon deswegen einladend, weil man nicht mehr zwischen den Massen von Sonnenanbetern hindurchtänzeln muss. Hinzu kommt, dass das Licht über der Ostsee nun oft skandinavisch-mild ist: Hellblau, Sanftgelb und in der Stunde vor Sonnenuntergang manchmal mit orangefarbenen Schlieren am Himmel. Und überhaupt: In den Kaiserbädern bieten sich immer wieder solche Blicke, bei denen man automatisch stehen bleibt.

Erst kamen Adelige, dann reiche Bürger

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum der Tourismus in Deutschland hier eine seiner Wurzeln hat: die Kaiserbäder, das waren die touristischen Hotspots an der Ostseeküste in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Erst kamen die Adeligen, später auch betuchte Bürgerfamilien, die gerne bei den Freiherren, Grafen oder sogar beim Kaiser um die Ecke Urlaub machen wollten.

Ein bisschen wilhelminisch sieht es dort immer noch aus: Bäderarchitektur heißt der Stil, in dem in den Badeorten zahllose Villen gebaut sind, oft in wildem Formenmix, der sich an wenig Regeln hielt, nur auffallen musste es.

An Heringsdorfs Promenade reihen sich heute schicke Hotels aneinander, in etlichen Villen sind Ferienwohnungen und Pensionen untergebracht. Und davor überholen Radfahrer Inlineskater, die Familie auf dem Weg zum Strand trifft auf das Paar, das gerade seine Jagdhunde ausführt. Und auf einer Bank sitzt ein Akkordeonspieler, der "Wo die Ostseewellen" zum Besten gibt.

Am Strand bauen Kinder Sandburgen oder lassen mit Mama oder Papa Drachen steigen. Und selten gibt es Tage, an denen sich nicht der eine oder die andere in die Ostsee traut, manche noch Mitte Oktober und einige sogar nackt, Herbst hin oder her. In der Nachsaison geht es auch an Heringsdorfs Seebrücke, die mit 508 Metern als Deutschlands längste gilt, etwas entspannter zu. Cafés und Restaurants wie das "Rialto" ganz am Brückenende sind jetzt nicht hoffnungslos überlaufen.

Auf den Spuren der Schriftsteller-Elite

Nur eine Handvoll Besucher sieht sich am Nachmittag in der Villa Irmgard um. Der russische Schriftsteller Maxim Gorki hat von Mai bis September 1922 in dem Haus in Heringsdorf gewohnt und an seiner Autobiografie geschrieben. Schon seit Jahrzehnten ist es ein Museum, in dem es auch im Herbst regelmäßig Lesungen oder Filmvorführungen gibt. Gorkis wuchtiger Schreibtisch steht noch am Fenster, samt einer Schreibfeder und einiger Fotoalben des Autors, in denen Besucher ruhig blättern dürfen.

Von Heringsdorf aus ist Ahlbeck schnell zu erreichen. Wenn beim Bummeln auf der Strandpromenade "Uwes Fischerhütte" auftaucht, ist man längst da. Die Seebrücke dort reicht ebenfalls weit ins Meer hinaus und gilt bei vielen Urlaubern als die fotogenste der Insel. An ihrem Ende, wo die Ausflugsschiffe der Adler-Reederei ablegen, reicht der Blick weit über die Ostsee.

Wer sich für Literatur interessiert, sollte unbedingt auch nach Bansin: Hans Werner Richter hat als Kind dort gelebt, der Mitbegründer der Gruppe 47, des legendären Autorenzirkels um die späteren Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Heinrich Böll. Das mehr als hundert Jahre alte Feuerwehrhaus Bansins ist heute ein Richter-Museum. Eine kleine sehenswerte Ausstellung widmet sich der Autorin und Journalistin Carola Stern, die in Ahlbeck geboren wurde und sich Usedom immer verbunden fühlte.

Abends ist es in den Kaiserbädern in der Nachsaison ziemlich still. Aber die Sonnenuntergänge bleiben sehenswert - oder werden sogar noch schöner. Selbst wenn die Sonne schon hinterm Horizont versunken ist, stapfen noch Strandläufer durch den Sand. Auf den Holzpfählen neben der Heringsdorfer Seebrücke ruhen sich dann etliche Möwen aus. Die Schwäne, die hier zu Hause sind, lassen sich nicht mehr sehen. Nur ihre Fußspuren sind noch da.

Andreas Heimann/dpa/abl

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