Veste Heldburg Europas erstes Burgenmuseum entsteht in Thüringen

Museumsprofi Ulrich Großmann war selbst erstaunt, dass es in ganz Europa noch kein Burgenmuseum gibt. Das will er ändern, ein passendes Gemäuer fand er in Thüringen. Eine Pilotausstellung deutet jetzt schon an, was die Besucher ab 2015 erwarten wird - zum Beispiel mannsgroße Playmobil-Ritter.

dapd

Heldburg - Als Ulrich Großmann vor mehr als 13 Jahren das Kaiserburgmuseum in Nürnberg aufbaute, fiel ihm etwas Überraschendes auf: "Es gibt keine Stelle in Deutschland, an der ausführlich die Geschichte und die Kulturgeschichte der Burgen erzählt wird", sagt er. "Später habe ich festgestellt: So etwas findet sich in ganz Europa nicht." Damit hatte der Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg ein neues Ziel vor Augen: den Aufbau eines Burgenmuseums, mit dem genau dieses museale Defizit behoben werden soll.

In der Veste Heldburg, die über dem gleichnamigen Ort im Landkreis Hildburghausen im Süden Thüringens thront, fand er den richtigen Ort für sein Vorhaben. In drei Jahren soll das Haus öffnen. Ein wichtiges Etappenziel wurde schon erreicht.

Für die Bürgermeisterin von Heldburg, Anita Schwarz, ist es ein Glücksfall, dass Großmanns Wahl infolge einer Verkettung verschiedener Umstände auf "ihre" Veste fiel. "Die Menschen hier sind sehr mit der Heldburg verbunden", sagt sie. Deshalb sei es ihr wichtig, dass dort demnächst ein Museum einziehen werde, das für die Öffentlichkeit zugänglich sei.

Sie hofft auf viele Touristen, wenn das Burgenmuseum fertig ist. Schon jetzt kämen pro Jahr etwa 20.000 Menschen auf die Veste, sagt sie. Großmann glaubt, diese Zahl könne sich nach der Fertigstellung des Hauses verdoppeln.

Exponat und Museum als Einheit

Ziel des geplanten Museums ist es nach Angaben von Großmann, die Geschichte der Burgen vom Spätmittelalter bis zur frühen Barockzeit zu erzählen - nicht von einer speziellen Burg, sondern von allen Burgen. Dabei werde es sowohl um die Geschichte der Bauwerke selbst gehen als auch um das Leben auf ihnen und um den Mythos, der sie bis heute umgibt. Das Konzept sei zweigleisig angelegt, sagt er. Zum einen werde es - wie in einem Museum üblich - eine Ausstellung geben. "Zum anderen ist die Veste Heldburg als Burg unser Exponat Nummer eins."

Wie diese doppelte Herangehensweise aussehen und wie modern das Museumskonzept sein soll, lässt sich bereits erleben. Im April öffnete auf der Veste eine Pilotausstellung, die Teile des alten Gemäuers der Heldburg zeigt und zusätzlich mit neun Modellen von verschiedenen anderen Burgen aufwartet. Wie viel umfassender das Museum bei Fertigstellung angelegt sein soll, macht erst ein Raum in der ersten Etage des sogenannten Heidenbaus sichtbar. Hier stehen lebensgroße Playmobil-Ritter neben einer Vielzahl von Spielzeugburgen.

Mit der Pilotausstellung sollen aber nicht nur erste zusätzliche Besucher auf die Veste gelockt werden. Die Schau sei auch ein Beleg dafür, dass die Idee Burgenmuseum Wirklichkeit werde, sagt Helmut-Eberhard Paulus, der Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Gerade mit Blick auf den Finanzierungsbedarf sei das eine wichtige Botschaft. Die Eröffnung der Pilotausstellung sei deshalb ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum fertigen Museum. Die Stiftung ist seit 1994 Eigentümer der Veste Heldburg.

Hoffnung auf EU-Gelder

Nach Angaben von Großmann, Paulus und Schwarz liegen die erwarteten Kosten alleine für den Aufbau der Dauerausstellung bei etwa drei Millionen Euro. Zwei davon seien bereits durch verschiedenen öffentliche und private Geldgeber wie den Kreistag, das Wirtschafts- beziehungsweise Kultusministerium sowie Unternehmen in Aussicht gestellt worden.

Zu diesen Kosten kämen Ausgaben für Reparaturen und Sanierungsarbeiten an der Veste selbst hinzu. Dafür würden noch einmal rund acht Millionen Euro benötigt, hieß es. Paulus hofft unter anderem auf EU-Mittel, um diesen Bedarf zu decken.

Das Geld, davon sind die Macher des Burgenmuseums überzeugt, sei in Südthüringen sehr gut angelegt. Großmann ist voll des Lobes über die Arbeit von Schwarz und Paulus. "Hier ist jeder Euro zwei Euro wert", sagt er. Was in der Vergangenheit bei der Instandsetzung der Heldburg geleistet worden sei - das Bauwerk war 1982 bei einem Brand großflächig zerstört worden -, rechtfertige jedes Vertrauen. "Das Burgenmuseum auf der Veste Heldburg", sagt Großmann, "wird ein Begriff von Großbritannien bis in den Nahen Osten sein".


Daten zum Museumsprojekt:

  • Die Ausstellungsfläche soll 2500 Quadratmeter, aufgeteilt auf 40 Räume, umfassen.
  • Die Planungen sehen etwa 1000 Exponate vor.
  • Die Eröffnung des Museums ist für das Frühjahr 2015 geplant.
  • Kosten: Für die Einrichtung der Dauerausstellung sind drei Millionen Euro veranschlagt. Dazu kommt noch einmal ein Investitionsbedarf von etwa acht Millionen Euro für Reparaturen und Sanierungsarbeiten an der Veste Heldburg.
  • Nach Angaben der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten sind seit 1994 rund zwölf Millionen Euro in die Heldburg investiert worden.

Sebastian Haak/dapd/sto



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year4929 30.06.2012
1. Nicht ganz richtig
Sehr weit über die Landesgrenzen hat der Verantwortliche wohl nicht geschaut. In Clervaux in Luxemburg steht in den Räumen des dortigen Schlosses eine permanente Ausstellung über alle Luxemburger Schlösser, dies im Massstab 1/100 http://www.tourisme-clervaux.lu/index.php?option=com_content&view=article&id=59&Itemid=73&lang=de Er mag also etwas Einzigarteiges in Deutschland einrichten, aber damit hat es sich dann. Nichts destotrotz eine schöne Initiative
rgom 30.06.2012
2. Playmobil Ritter
Zitat von sysopdapdMuseumsprofi Ulrich Großmann war selbst erstaunt, dass es in ganz Europa noch kein Burgenmuseum gibt. Das will er ändern, ein passendes Gemäuer fand er in Thüringen. Eine Pilotausstellung deutet jetzt schon an, was die Besucher ab 2015 erwarten wird - zum Beispiel mannsgroße Playmobil-Ritter. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,841514,00.html
Sehr schön. Bloß sind lebensgroße Playmobil Ritter das letzte was ich in einem Burgenmuseum sehen möchte. Ich hoffe, das soll kein Ritter-Disneyland werden.
gewiss 13.07.2012
3. Wurde Grossmann falsch zitiert oder fehlt ihm der Blick für Europa?
Vielleicht ist das Museum in der Heldburg das erste und einzige, das mit europäischen Geldmitteln errichtet wurde oder umfassend Gesamteuropa beleuchten möchte, aber es gibt und gab schon lange vor Grossmann burgenkundliche Museen (Burgenmuseen) in Europa, in Italien, Frankreich, Luxemburg und in der Schweiz, aber auch im "deutschen Europa", so in Deutschland, Österreich und Südtirol, und zwar vor dem "ersten Burgenmuseum Europas" in der Heldburg. Prof. Großmann sollte es wissen, da er erst kürzlich das 1955 als "Südtiroler Burgenmuseum" konzipierte und 2005 erneuerte "Südtiroler Burgenmuseum Trostburg" besuchte. Gewiss, das Südtiroler Burgenmuseum Trostburg hatte weder Euro Millionen im Rücken noch beansprucht es eine europäische Vorreiterrolle; es will anhand der sehr sehenswerten Trostburg als Ausstellungsobjekt Nr. 1 und anhand einer bewusst kleinen Dauerausstellung, die für wissende und unwissende Besucher in 10-30 Minuten gewinnbringend zu bewältigen ist, einen burgenkundlichen Zugang zu den - speziell Südtiroler - Burgen vermitteln. Das Konzept entstand im Bewusstsein, dass kein Europäisches Burgenmuseum zu planen war und verfolgte damit auch ein gänzlich anderes Ziel. Obwohl (oder weil?) die Heldburg und die Trostburg aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung schon seit Jahren eine partnerschaftliche Nähe such(t)en, scheint das Südtiroler Burgenmuseum für Prof. Großmann nicht erwähnenswert. Dies ist zwar weder der Sinn von Partnerschaft noch institutionell besonders freundlich, aber es sei Prof. Grossmann natürlich unbenommen, das Südtiroler Burgenmuseum nicht namentlich zu erwähnen. Wenn ein Wissenschaftler allerdings wider besseren Wissens Tatsachen leugnet (hier die Existenz von Burgenmuseen in Europa), dann gibt dies zu denken. Ich hoffe, Prof. Grossmann wurde nur falsch zitiert! Dem ersten europäischen Burgenmuseum wünsche ich in diesem Sinne europäischen Weitblick und mit diesem auch viel Erfolg, auf dass es tatsächlich das erste Burgenmuseum für Europa werde und dort den ersten Rang einnehme! Möge das Jahr 2015 nun tatsächlich auch zum Eröffnungsjahr werden! Den Pionieren und "kleinen Fischen" unter den Burgenmuseen in den Staaten und Ländern Europas wünsche ich aber weiterhin Durchhaltevermögen und viel Erfolg, da sie es sind, die den Besuchern jene nötigen Informationen bieten, die diese vor Ort suchen! Ich gönne es dem Burgenmuseum Heldburg, wenn es öffentliches Geld in Millionenhöhe bekam, aber es stünde ihm gut, es dankbar zu nehmen statt auf die lokalen Burgenmuseen, die häufig das Werk von Freiwilligen sind, mit Missachtung zu schauen.
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