Industriekultur im Saarland Weltkulturerbe aus Schrott

Vor 20 Jahren war es die Sensation: Eine schmutzige, stillgelegte Stahlhütte wurde von der Unesco als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Heute hat sich die Völklinger Hütte als Kulturstätte etabliert - selbst Staub steht unter Denkmalschutz.

TMN

"Ich bin schon zufrieden, wenn die Besucher hinterher den Unterschied zwischen Eisen und Stahl kennen", sagt Manfred Baumgärtner mit wohl zu viel Bescheidenheit. Der 71-jährige Rentner führt Laien durch seinen ehemaligen Arbeitsplatz, eine der bekanntesten Industrieruinen Deutschlands: die Völklinger Hütte.

Als Hochöfner hat er sowohl ihre Blütezeit in den Fünfziger- und Sechtzigerjahren als auch ihren Niedergang miterlebt. 1986 musste er dem Hochofen "den Wind" abstellen. Das Werk, das die Stadt an der Saar einst zu einer der reichsten und dreckigsten Deutschlands machte, wurde stillgelegt. Baumgärtner kann seine Gefühle von damals kaum beschreiben: "Der Kopf war leer."

300.000 Besucher pro Jahr

Von Stillstand kann heute nicht mehr die Rede sein: Über die Wände flimmern Filme über den Alltag im Werk, aus Lautsprechern ist ein Pochen zu hören: "Der Herzschlag der Industrialisierung", wie Peter Backes es übersetzt, der 62-jährige Soziologe ist Spezialist für Industriekultur.


Seit 20 Jahren ist das Gewirr aus Stahl und Mauern nun Weltkulturerbe im Saarland und zieht Touristen an. Rund 300.000 Besucher laufen jährlich an den gigantischen sechs Stahlöfen vorbei, drücken Knöpfchen am 3D-Modell, das die einstigen Abläufe im Werk nachstellt, und lassen sich alles über Eisen- und Stahlerzeugung erzählen - Industriekultur liegt im Trend.

"Die Koordinaten der Kultur wurden neu gesetzt", sagte der Generaldirektor des Welterbes, Meinrad Maria Grewenig, etwas pathetisch, als die Unesco die Hütte 1994 zum Weltkulturerbe erklärte - in den Neunzigerjahren eine Sensation. Erstmals wurde ein Relikt aus der Hochzeit der Industrialisierung auf eine Stufe mit den Pyramiden von Gizeh oder dem Kölner Dom gestellt. Dabei war fraglich, ob der drohende Verfall der vor sich hin rostenden Industrieanlage überhaupt noch zu stoppen sein würde. Nach der Schließung sollte sie eigentlich verschrottet werden. Das hatte der Stadtrat beschlossen. Doch dann fiel der Schrottpreis.

Heute denkt niemand mehr an ein Aus für die Völklinger Hütte. Fast 75 Prozent der Anlage sind saniert, der Ausbau der Besucherwege mit sieben Kilometern Länge ist fast abgeschlossen. Selbst der Staub steht jetzt unter Denkmalschutz. Die Fenster, an denen noch der Ölfilm klebt, sind mit Vorhängen verhängt. Um den Ölgeruch von früher wahrzunehmen, muss man schon genau "hinriechen".

Der Kampf gegen den Rost ist eine Daueraufgabe

Der Erhalt der Hütte ist ein ständiger Balanceakt zwischen "Authentizität und Attraktivität", wie Backes es ausdrückt. Die Gestaltung der Maschinenhalle als zentraler Museums- und Eventort hat aus denkmalpflegerischer Sicht ihren Preis. Dabei haben gerade die großen Ausstellungen - wie die über Inkas, Kelten oder jetzt die alten Ägypter - die Welterbestätte über die Grenzen des Saarlandes hinaus bekannt gemacht. "Früher kamen die Besucher überwiegend wegen der Ausstellungen, jetzt kommt etwa die Hälfte, um die Hütte selbst anzuschauen", weiß Backes.

Der Kampf gegen den Rost ist eine Daueraufgabe. Die rot-braune Farbe der gigantischen Rohre bestimmt die Atmosphäre der Anlage. An allen Ecken und Enden wird repariert. Backes zeigt auf die eine oder andere Stelle, wo der Zahn der Zeit an Mauerwerk, Beton und Stahl nagt.

"Wir müssen jetzt vor allem die jungen Menschen überzeugen, dass sie weitermachen." Dafür bietet sich etwa die Möllerhalle im Bauch der Hütte an. Dort lagerten früher Koks und Eisenerz. Heute ist das Erdgeschoss von Frühjahr bis Herbst Ausstellungsort. Ende März eröffnet dort die zweite Urban Art Biennale, eine der größten Ausstellungen der Graffiti-Kunst.

Jörg Fischer/tmn/dpa/jkö/beh



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
vonhier 24.11.2014
1.
Ich persönlich bin ja nicht für Welt-kultur(oder sonstwas)-erbe. Ich glaube dass es da nur um jeweilige Eitelkeiten geht, statt um irgendwas wirklich Wichtiges. Auch habe ich das Gefühl, dass ich mit dieser Meinung eher in der Minderheit bin. Leute scheinen auf diesen Anerkennungsquatsch von irgendwie "oben" zu stehen. Dann ist das wohl so. Ich bin nicht prinzipiel für die Abrissbirne, auch dieses Projekt finde ich eher toll, nur wenn ich dieses paternalistische Anerkennungsgehabe sehe, dann denke ich sofort an grosse Bagger und Schrottplätzen. Auch sind Abrissunternehmen wunderbare Erfindungen der Moderne, die diese erst möglich machen.
kunstdirektor 24.11.2014
2. Nur so viel zum Thema:
Der Peter Backes ist ein Glücksfall für das Weltkulturerbe.
cobaea 24.11.2014
3. sehr sehenswert
Zitat von vonhierIch persönlich bin ja nicht für Welt-kultur(oder sonstwas)-erbe. Ich glaube dass es da nur um jeweilige Eitelkeiten geht, statt um irgendwas wirklich Wichtiges. Auch habe ich das Gefühl, dass ich mit dieser Meinung eher in der Minderheit bin. Leute scheinen auf diesen Anerkennungsquatsch von irgendwie "oben" zu stehen. Dann ist das wohl so. Ich bin nicht prinzipiel für die Abrissbirne, auch dieses Projekt finde ich eher toll, nur wenn ich dieses paternalistische Anerkennungsgehabe sehe, dann denke ich sofort an grosse Bagger und Schrottplätzen. Auch sind Abrissunternehmen wunderbare Erfindungen der Moderne, die diese erst möglich machen.
Das "paternalistische Anerkennungsgehabe" bedeutet für die Anerkannten vor allem Unterstützung für ihr Projekt. Dabei ist es egal, ob es um die Völklinger Hütte oder die Klöster auf der Insel Reichenau oder die St. Galler Kathedrale geht. Meiner Meinung nach ist es gut, dass sich die Ansichten darüber, was schützenswertes Kulturerbe ist, gewandelt haben. So kann eben auch die Völklinger Hütte weiterhin bestehen bleiben und - wie ähnliche Einrichtungen im Ruhrgebiet - auf lange Zeit noch verdeutlichen, was die Region lange Zeit ausgemacht hat - sozial und kulturell - und wie Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten gearbeitet haben. Völklingen ist übrigens wirklich eindrücklich und jederzeit sehenswert. Ohne die Kulturerbe-Anerkennung hätte sie die Hütte nie erhalten werden können.
Überfünfzig 24.11.2014
4. Ach schon wieder...
... so ein Museum, wo man betrachten kann womit man in D einst sein Geld verdient hat und irgendwie Synonym für ein Land das zunehment vergreist und sich abwickelt. Mittlerweile kommt man sich in diesem Land sowieso vor, als ob man durch ein einziges Museum läuft. Kaum ein Bau der älter als 60 Jahre und wo vor zig Jahren mal der Hund von irgendeiner Zeitgröße an die Mauer gepinkelt hat, das nicht unter Denkmalschutz steht, oft nicht nur zur Freude seiner Besitzer. Aber gut die vielen jungen Pensionäre im Unruhestand und der Hoftsaat in den Amt für Denkmal und hastDunichtgesehen brauchen auch ihren persönlichen Zeitvertreib.
Eisla 24.11.2014
5.
Leider hat der Schreiber der Zeilen den Unterschied zwischen Eisen und Stahl auch nicht mitgekriegt, was sicherlich nicht an seinem Besucherbegleiter lag. Und Herr Backes sollte mal bedenken, dass zu dem Zeitpunkt, als die Völklinger Hütte zum Weltkulturerbe ernannt wurde, der Kölner Dom noch zwei Jahre auf seine Ernennung warten musste.
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