Heavy-Metal-Festival auf Kreuzfahrt: Waaacken - aber mit Pool

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30.000 Liter Bier, Dutzende Konzerte und Massagen für den geschundenen Headbanger-Nacken: An Bord eines Kreuzfahrtschiffs genießen Heavy-Metal-Fans ein Rundum-sorglos-Paket - und kriegen mächtig auf die Ohren.

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Vor dem 20-Uhr-Konzert haben sich Julia und Christoph Lutz noch ein Vier-Gänge-Menü gegönnt. "Das war was Exklusives", sagt die 35-Jährige mit den taillenlangen dunklen Haaren. Red Snapper, junges Gemüse und ein Gläschen Weißwein, dann die Käseauswahl - und schließlich die volle Dröhnung Heavy Metal. "Der Leadsänger von Gamma Ray hat mir später ein Autogramm gegeben", sagt der 41-jährige Lutz, lüftet die Jeansweste mit den Helloween-Aufnähern und präsentiert ein paar weiße Edding-Linien auf seinem schwarzen "Full Metal Cruise"-Shirt.

Das Ehepaar Lutz aus Baden-Württemberg ist in See gestochen. Zur "größten Heavy-Metal-Kreuzfahrt Europas", wie die Veranstalter werben. Das berühmte Wacken Open Air auf dem Wasser? So richtig passe das wohl nicht zusammen, sagt Handwerker Lutz und lächelt. Seit 20 Jahren sei er in der Metal-Szene. "Aber auf die Idee, eine Kreuzfahrt zu buchen, wäre ich nie gekommen." So wie die Mehrheit der 1750 Gäste, die derzeit an Bord der "Mein Schiff 1" sind. "Eigentlich sind wir individueller drauf."

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Wacken auf See: Headbangen am Schiffspool
Vor 20 Jahren hätte sie wohl auch kaum eine Reederei mit an Bord haben wollen. Lederkluft war auf den Luxuslinern überhaupt nicht angesagt. Doch inzwischen gehört für TUI Cruises und Co. alles zur Zielgruppe, was zwei Beine und ein gedecktes Bankkonto hat. "Wir wollen verstärkt ein junges Publikum ansprechen", sagt Richard Vogel, Geschäftsführer von TUI Cruises. Ein Mittel dafür sind Themenkreuzfahrten: 2010 sang Udo Lindenberg auf dem "Rockliner", und nun sollen grölende Bands ihre Fans auf der "Full Metal Cruise" für den Urlaub auf hoher See begeistern.

Der Touristikkonzern kooperiert dafür mit den Machern des berühmten Metal-Festivals, das jedes Jahr im August auf einem Acker in Schleswig-Holstein stattfindet. Nun ist es im Ärmelkanal unterwegs, ab Hamburg mit Kurs auf Amsterdam und Le Havre. "Ich bin überzeugt, dass zehn Prozent dieser Heavy-Metal-Gäste wieder auf eines unserer Schiffe kommen werden", sagt Vogel.

"Nun sind wir etabliert"

"Unter den Metallern sind eine ganze Menge Leute, die gutes Geld verdienen", sagt Holger Hübner, der das Wacken Open Air erfand und seit 23 Jahren organisiert. Für drei Tage Festival gingen schnell mal 700 Euro drauf, wenn man Eintrittskarte, Anreise, Mahlzeiten, T-Shirts, Alben und den Bierkonsum zusammenrechnet. Komfortbewusste Festivalgänger können sich das Zelt gegen Gebühr aufbauen lassen und für 150 Euro sogar ein eigenes Dixi-Klo mieten - die 150 verfügbaren Privat-WCs sind für Juli bereits ausgebucht.

Als Wacken-Veteran Hübner an Bord der "Mein Schiff 1" über sein Giga-Event spricht, schwingt nicht viel Leidenschaft mit. Er spricht von einem "betreuten Festival", erwähnt seine Controller - im Programmheft zur Kreuzfahrt wird für die Wacken-Kreditkarte geworben. "Wer Rebellion sucht, ist beim Metal falsch", sagt auch Tim Eckhorst, Illustrator aus Kiel, der die Gesichter der Musiker für die Wacken-Plakate zeichnet. "Metal ist ein hartes Geschäft heutzutage." Geldverdienen spiele eine große Rolle.

Die Reise mit dem "Wohlfühlschiff" (TUI Cruises) kostet pro Person in der Innenkabine 1400 Euro. Die Konzerte an Bord sowie Vollpension und eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit Dosenbier und Piña Colada sind zwar im Preis enthalten. Aber für Landausflüge, Pilateskurse oder ein verruchtes Make-up von der Kosmetikerin kommen auf die Gäste Extrakosten zu.

Als das Schiff im Hafen von Southampton festmacht, überlegen auch Julia und Christoph Lutz, einmal an Land zu gehen. "Ein bisschen Shopping", sagt die 35-Jährige. "Uns Metal-Fans geht es langsam wie den Grünen", sagt ihr Ehemann. "Wir kommen vom Protest und sind nun etabliert."

Der 41-Jährige bringt auf den Punkt, was wohl auf viele der Passagiere zutreffen dürfte: "Wir wollen nicht zum Mainstream gehören, wollen anders sein, können aber nicht gegen unsere eigene Entwicklung ankämpfen." Nun befinden sich die Rebellen von einst auf einem 264 Meter langen Passagierschiff. Nach den Konzerten verziehen sie sich in ihre uniform gestalteten 16-Quadratmeter-Kabinen. Und im Frühstückslokal lassen sie sich vom philippinischen Kellner Rührei mit Speck bringen.

Lieber Iron Maiden als Tim Mälzer

Den Leuten gefällt ihre Schiffsreise. Und das Angebot auf der "Mein Schiff 1" musste für die Full Metal Cruise nicht mal groß angepasst werden. Die Masseurinnen haben jetzt eine "Neckbreaker-Massage" im Programm, die laut Broschüre "neue Energie für die nächsten Riffs und Blastbeats gibt". Im Kosmetikraum "Meeresrauschen" verpasst ein Tätowierer den Kreuzfahrern bleibende Andenken. Und zwischen den beiden Pools wurden Bühnen aufgebaut, auf denen die Bands so laut rocken, bis die Nordseekrabben Tinnitus kriegen. Sonst ist alles wie immer. So massenkonform ist der Urlaub auf hoher See.

Doch genau dieser Punkt stößt bei manch einem Gast auf Kritik. "Mir ist das hier alles zu eventmäßig", sagt Oliver Hoffmann, 45, aus Düsseldorf. Es ist 4 Uhr früh, als er auf dem Pooldeck steht und über zu viel Rahmenprogramm schimpft. "Wellness, Lesungen, Workshops und die Live-Kochshow mit Tim Mälzer hätte man sich echt sparen können", sagt er. "Ich habe eine Full Metal Cruise gebucht. Da brauche ich weder eine Full Mälzer Cruise noch eine Full Lesung Cruise, sondern einfach nur AC/DC und Iron Maiden."

Die Metalcore-Band Heaven Shall Burn habe ihm gut gefallen. Aber mit Betontod ("Wir müssen aufhören, weniger zu trinken") und den Shanty-Sängern von Santiano könne er beim besten Willen nichts anfangen. "Das Line-up ist halbwegs erbärmlich", findet Hoffmann. Und auch die Gäste an Bord sind ihm nicht leidenschaftlich genug. Als er letztes Jahr in den USA auf der "70.000 Tons of Metal"-Kreuzfahrt war, hätten die Mitreisenden viel mehr gefeiert, das Flair aufgesaugt.

Sechs Gläser Sekt zum Frühstück

Bei vielen Konzerten tun sie das auch auf der "Full Metal Cruise". Passagiere tanzen Pogo am Pool. Sie kippen ihre Köpfe, lassen sie beim Moshen so schnell kreisen wie der Schlagzeuger seine Sticks. Eine Gruppe von Mittzwanzigern schießt bei einem Saufspiel offene Bierdosen übers Deck. Andere Reisende machen Kopfsprünge ins Schwimmbecken und mischen das Chlorwasser im Whirlpool mit Bier.

Jarkko Mattila, ein feinhaariger Finne, ist nicht wegen der Musik da. Der 42-Jährige hat zum Frühstück bereits sechs Gläser Sekt getrunken. "Für die Skandinavier ist das hier das Schlaraffenland", sagt Wacken-Macher Hübner. "Alkohol ist in Schweden und Norwegen so teuer, dass das All-inclusive-Konzept dort besonders gut ankommt."

"Ich würde allerdings lieber etwas mehr zahlen und dann besseren Wein trinken", sagt Mattila. Der 42-jährige Finne ist Chefkoch in Tampere. Er gehe nie auf Kreuzfahrten, reise lieber auf eigene Faust durch die Welt. "Ich suche mir vorher die besten Lokale der Stadt und gebe dort ein Vermögen aus."

Er war schon öfters im Noma, dem mehrfach ausgezeichneten Nobelrestaurant in Kopenhagen. "Das ist der Luxus, den ich liebe." Da darf das Zwölf-Gang-Menü auch mal 350 Euro kosten. Noch mal Urlaub auf einem Schiff buchen, das kann er sich momentan nicht vorstellen. Aber die Erfahrung sei gut - und solange der Alkohol nicht ausgehe, werde er sich auch nicht beschweren.

"Ich kann mir sogar vorstellen, eines Tages wieder eine Kreuzfahrt zu machen", sagt Christoph Lutz. "Vielleicht mal nach Südamerika." Für ihn sei Heavy Metal eh nicht an die Urlaubsform gekoppelt. "Heavy Metal ist eine Lebenseinstellung."

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1. Na so was
donnerfalke 08.05.2013
Zitat von sysop30.000 Liter Bier, Dutzende Konzerte und Massagen für den geschundenen Headbanger-Nacken: An Bord eines Kreuzfahrtschiffs genießen Heavy-Metal-Fans ein Rundum-sorglos-Paket - und kriegen mächtig auf die Ohren.
Gibt es da auch Wellness-Räume für die Kuschelrocker, die bestimmt auch jeden Tag 8 Stunden durchschlafen wollen?
2. Stimmt
Wunderläufer 08.05.2013
"Heavy Metal ist eine Lebenseinstellung" und hängt nicht zwangsläufig zusammen mit bestimmten Ritualen wie Kutte, Matte etc.; solche "Uniformen" waren mal
3. Spießrutenlauf
oneironaut 08.05.2013
oh mann, sind die bieder! Doro, Iron Maiden, AD/AC, Gamma Ray? Klar, wer so'n langweiligen Quatsch im 21 Jhrd. noch hören kann, den spricht sicher auch das klassische Kreuztourikonzept an. Da dreht sich ein Jeff Hannemann im Grabe um ... :) Dann doch lieber "Rave on Snow"!
4. @oneironaut
asentreu 08.05.2013
Klasse! Ich mag Sie! Ich bin auch der Meinung das es eben NICHT kreativ und totaaaaal authentisch ist 2013 nach 1975-1985 zu klingen, auch wenn der dicke Götz vom Rock Hard das anders sieht. Bei diesem "Festival" war ja nix anderes zu erwarten, wenn Wacken drauf steht ist es halt immer Kinderfasching. Wenn schon Metalkreuzfahrt dann die 70K Tons of Metal weil 1.) billiger (billigstes Ticket ab 666USD), 2.) geilere Route (Karibik statt Le Havre), 3.) besseres Billing und 4.) Tim Mälzer freie Zone!
5. schon wieder?
roester 08.05.2013
Zitat von sysop30.000 Liter Bier, Dutzende Konzerte und Massagen für den geschundenen Headbanger-Nacken: An Bord eines Kreuzfahrtschiffs genießen Heavy-Metal-Fans ein Rundum-sorglos-Paket - und kriegen mächtig auf die Ohren. Wacken-Festival auf Kreuzfahrt: Heavy Metal auf "Mein Schiff 1" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/wacken-festival-auf-kreuzfahrt-heavy-metal-auf-mein-schiff-1-a-898690.html)
darüber wurde doch erst kürzlich berichtet? sprechen die sich hier bei SPON nicht ab bzgl. ihrer themen?
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"Mein Schiff" von TUI Cruises
Bauwerft Meyer Werft GmbH
Indienststellung 1996
Länge 263,9 Meter
Breite 32,2 Meter
Tiefgang 8,3 Meter
BRT 77.713
Antriebsleistung 31.500 kW
Geschwindigkeit 21.5 Knoten
Passagierkabinen 962
Passagiere max. 1914
Crew-Mitglieder circa 780
Quelle: TUI Cruises

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"Mein Schiff": Melange aus Alt und Neu