Wandern auf dem Hexen-Stieg: Harz aber herzlich

Von Andreas Lesti

Ein bisschen Grand Canyon, ein bisschen Yosemite: Mit etwas Phantasie erinnert der Harzer Hexen-Stieg zeitweise an erheblich berühmtere Wanderrouten. Am dritten Tag steht ein ziemlicher Brocken auf dem Programm - für das Finale sorgt eine atemberaubende Schlucht.

Hexen-Stieg: Harz aber herzlich Fotos
Harzer Tourismusverband / M. Gloger

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Das Finale beginnt in Treseburg recht unvermittelt. Die Hexen-Stieg-Wanderer überqueren eine Straße, einen Parkplatz, eine Brücke und steigen ein in das letzte Teilstück des Trekkingweges quer durch den Harz. Nach rund 85 Kilometern und einer 35-Stunden-Wanderwoche geht es das letzte Mal hinein ins Tal, entlang am Fluss, durch den Wald bergab Richtung Ort. Wie das eben so ist, wenn man durch ein deutsches Mittelgebirge wandert.

Sobald man dann die Bodetalschlucht betritt, wird es plötzlich anders. Die wird auch der "Grand Canyon Deutschlands" genannt, weil die Felswände so hoch, die Wasserfälle so berauschend, die Brücken so spektakulär sind. Aber bevor wir uns von diesem Highlight überwältigen lassen, bleiben wir an einer Wegbiegung ohne Aussicht einfach mal stehen, schließen die Augen, atmen die Luft tief ein, riechen den Wald. Und lassen in aller Ruhe die vergangenen Tage Revue passieren.

Wir sind vor fünf Tagen in Osterode aufgebrochen, sind über Stock und Stein gestiegen, wie es so schön heißt, aber auch vorbei an Seen und Wiesen gewandert. Wir folgten Bachläufen, trotteten über Holzplanken und Brücken, sprangen über Baumstümpfe und Wurzeln und hatten immer die "Harzer Hexen-Stieg"-Schilder und die darauf abgebildete kleine grüne Hexe im Blick. Schon nach wenigen Kilometern war der Alltag ganz weit weg, wir verloren uns in der Wander- und Waldendlosigkeit. Am Abend sanken wir in Altenau angemessen erschöpft in die Betten. Es fühlte sich gut an.

Funkmasten und Felsformationen

Aber Tag eins, das durften wir bald feststellen, war nur eine Art Warmlaufen für Tag zwei. Da ging es bergauf mit uns und jemand kalauerte: "Heute haben wir noch einen echten Brocken vor uns." Zunächst führte uns der Magdeburger Weg wieder durch den Wald. Links erhoben sich Casper-David-Friedrich-hafte Felsformationen und rechts - kunstgeschichtlich weniger interessant - kahle Funkmasten. Wir querten einen Skihang, stapften auf einer sumpfigen Ebene an Fliegenpilzen und entwurzelten Bäumen vorbei und die Stiefel schmatzten unter uns.

An der Bavaria Alm in Torfhaus drängten sich Motorradfahrer und Mountainbiker, Familienausflügler und Bustouristen - und verstellten den ersten Blick auf Norddeutschlands höchsten Berg. Vor dem Nationalparkhaus wurden Hexenfiguren und Schokolade in Brockenform verkauft.

Wir zogen schnell weiter. Erst durch die Ebene, dann durch den einstigen Todesstreifen, dann leichtfüßig über die vor 20 Jahren noch unüberwindbare innerdeutsche Grenze nach Osten, von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt und immer weiter hinauf Richtung Gipfel auf 1141 Metern.

Augen wieder auf im "Grand Canyon": Der dunkle Waldweg ist hier mit gelb leuchtenden Blättern gepflastert. Der Fluss rauscht sanft, Felsen sind mit torfig duftenden Pilzen und leuchtend grünen Moosen und Farnen überzogen. Weiter hinein in die Schlucht, die sich von ihrer schönsten Seite zeigt, wenn der goldene Herbst einzieht und mit ihm Wanderfreunde aus der ganzen Nation.

Zweiklassengesellschaft am Abgrund

Dann schleppen Spaziergänger unförmige Rucksäcke, die aussehen, als hätten sie Hirschgeweihe hineingepackt. Neureiche Frauen staksen in Stöckelschuhen über die Felsen, junge Männer taumeln mit Bierdosen und Restalkohol, Senioren hetzen mit Wanderstöcken und Junioren quengeln gegen ihre genervten Eltern. Manche fallen auf, manche nicht. Manche passen hierher, manche nicht.

Manche haben sich nur die paar Kilometer von Thale über den Serpentinenweg hoch zum Aussichtspunkt gequält, andere sind seit Tagen auf dem Hexen-Stieg unterwegs. Hier treffen sie alle aufeinander und genießen gemeinsam die Schlussaussicht, beugen sich vorsichtig über den Abgrund.

Während die Wanderer von silbernen Absperrungen zurückgehalten werden, lehnen sich die Eichen furchtlos und weit über die Schlucht hinaus. Hundert Meter unter ihnen rauscht der Fluss entlang. Auf der anderen Seite erhebt sich die Felswandwölbung der Rosstrappe. Mit ein bisschen Phantasie erinnert sie an den Halfdome im Yosemite Valley in Kalifornien - eine Granitwand sieht eben überall imposant aus, auch, zugegeben, wenn sie hier nicht ganz so hoch ist. An den Grand Canyon erinnert sie eher nicht.

Noch vor drei Tagen standen wir am Brocken-Gipfelplateau und haben über zerfurchte Felsen und zerzauste Birken in die untergehende Sonne geblickt. Diese Aussicht! In jede Richtung hundert Kilometer in die Ebene, die Wolken zogen auf Augenhöhe vorbei.

Nostalgie-Trip mit Dampflok

Bergab nahmen wir den Zug, denn die Fahrt mit der Brockenbahn, die sich vom Brocken hinab nach Schierke windet, ist ein Erlebnis für sich. Erst fährt sie parallel zum Goethe-Weg und erinnert an die Kultur- und Literaturgeschichte, die mit dem Harz verbunden ist. Die Walpurgisnacht im "Faust" spielt hier oben, und von Heinrich Heine bis Manuel Andrack wanderten deutsche Geistesgrößen und Querdenker durch dieses Mittelgebirge. Wir öffneten das Fenster des Waggons, der Ruß der nostalgischen Dampflok legte sich auf unsere Jacken.

Vom Wintersportort Schierke wanderten wir am dritten Tag und nun doch schon mit einigermaßen schweren Beinen nach Königshütte. Lebewesen trafen wir eher selten. Tourismustrubel und totale Einsamkeit liegen auf dem Hexen-Stieg eng beisammen. Am vierten Tag schließlich war schon das Ziel in Reichweite: Königshütte, noch 30 Kilometer. Wendefurter Talsperre, noch 20 Kilometer. Altenbrak, noch 10 Kilometer. Wir gingen über die "Nordroute", und das klang ein wenig nach Mount Everest statt nach deutschem Mittelgebirge. Am Abend jedenfalls fühlten wir uns so.

Und nun also der Zieleinlauf in der Bodetalschlucht: Ein letzter Abstieg auf der "Schurre", die letzen 18 Serpentinen nach unten, die letzte Kniebelastung, der letzte Zehenschmerz. Und dann nur noch: Am Fluss entlang talauswärts schlendern. Über die Hexenbrücke und die Teufelsbrücke, auf der die Ausflügler hinunter ins tosende Wasser blicken. "Früher sind wir hier gesprungen", erzählt ein etwa 50-jähriger Mann unvermittelt und stolz. Zuerst wollen wir ihm nicht so recht glauben. "Zwölf Meter sind das", erzählt er weiter, "und manche sind sogar von dort oben gesprungen, das sind 14 Meter, aber das habe ich nie gemacht."

Am Biergarten Königsruhe, der sich damit rühmt, einer der hundert schönsten in Deutschland zu sein, spielt ein alter grauer Mann auf einer Hammondorgel "Rosamunde". Forellen werden geräuchert und Brot gebacken. Vom Tal strömen die Ausflügler herauf, und die Hexen auf dem Dach des Restaurants grinsen auf sie herab. Wir grinsen auch: weil es kühles Weißbier gibt und weil wir endlich am Ziel sind.


Informationen zum Trek Harzer Hexen-Stieg

Der Hexen-Stieg gehört zu den "Top Trails" in Deutschland und führt an fünf Tagen über rund 90 Kilometer und tausend Höhenmeter von Osterode nach Thale. Man kann in vier, fünf oder sechs Etappen gehen (auch gut mit Kindern). Steile Passagen finden sich nur auf kurzen Strecken am Magdeburger Weg, hinauf zum Brocken von Hassefelde hinunter nach Altenbrak und am Ende hinab nach Thale. Unser Autor hat sich die Strecke wie folgt eingeteilt:

1. Tag: Von Osterode nach Altenau

2. Tag: Von Altenau nach Schierke

3. Tag: Von Schierke nach Königshütte

4. Tag: Von Königshütte nach Altenbrak

5. Tag: Von Altenbrak nach Thale

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Der Harz ist sehr schön, der Brocken nicht.
xoxox 31.05.2013
Das Bodetal wurde schon erwähnt, auch das Ilsetal ist sehr schön zum Wandern und Schauen. Der NVA sei Dank ist im Ostteil des Harzes noch sehr viel unberührte Natur zu genießen. Aber bitte meidet den Brocken. Der Artikel hat eher noch untertrieben. Richtig schlimm ist es seit ein paar Jahren auch noch der letzte halbwegs als Wanderpfad definierbare Weg befestigt wurde. Es fehlen wirklich nur noch Pommesbuden am Rand, aber ich bin mir sicher die kommen noch. Lachhaft waren sowieso schon immer die Touristen die mit dem Zug rauf fahren. Und der Großteil sind keine Fußkranken. Wer unbedingt rauf will, empfehle ich dringend unter der Woche, nicht in den Ferien zu gehen. Möglichst früh, ideal zum Sonnenaufgang oben da sein. Dann ist man max. mit ein paar anderen Wanderern zusammen, und wenn keine Wolken da sind, ist die Aussicht grandios.
2. yoooh
geotie 31.05.2013
Kann schon sein das die Gegend sehr schön ist, aber die Bilder konnten mich nicht überzeugen.
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