Audiotouren für Wanderer Mit dem iPod in die Hölle

Ein Wanderweg, der sich hören lassen kann: Bewohner von Bollendorf in der Eifel erzählen Spannendes über Natur und Geschichte, Wanderer lauschen per iPod. Die unterhaltsamen Hörfetzen über Schmuggler und Kräuterhexen bringen sogar Bewegungsmuffel auf Trab.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


Muss das jetzt sein? Es geht bergauf. Ausgerechnet am Beginn der Wanderung. In jener Phase, in der der innere Schweinehund meist noch regungslos auf dem Motivationszentrum im Gehirn liegt. Links und rechts ein bisschen Gestrüpp. Im Rücken der Wanderer das Örtchen Bollendorf, Felder und Wiesen. Keine Menschenseele in Sicht. Eine Wald- und-Wiesenkulisse wie sie Kinder schon nach wenigen Gehminuten fragen lässt, wie lange die Wanderung denn noch dauern möge. Null Action, null Bock.

Es geht in den Wald hinein. Links und rechts Bäume: Buchen, Fichten, Eichen. Was soll man von einem deutschen Forst auch anderes erwarten? Ein Sandsteinfelsen taucht auf, lästige Fliegen schwirren durchs Blickfeld. Es ist eine Szenerie wie hunderttausend andere. Scheinbar.

Denn im Gehölz über Bollendorf muss man einfach nur den Schalter umlegen, genauer gesagt, den iPod einschalten - und schon wird das Ganze zu einem multimedialen Erlebnis. Wildes Affengeschrei macht müde Wanderer augenblicklich munter. Auf das tierische Getöse folgt eine menschliche Stimme: "Schauen Sie nach rechts oben. Da sehen Sie einen großen Felsen. Menschen, die Phantasie haben, entdecken in diesem Felsen ein Affengesicht." Wer das Affenantlitz nicht erblickt, dem hilft eine zweite Stimme auf die Sprünge: "Oben die Augen, nach hinten ein fliehender Hinterkopf …"

Im weiteren Verlauf bekommen die Zuhörer viel Spannendes und Wissenswertes auf die Ohren. Etwa, dass der Sandstein aus der Bollendorfer Gegend als Baumaterial einst sehr begehrt war. Dass sogar der steinerne Sockel, auf dem die berühmte Brüsseler Brunnenfigur Manneken Pis steht und pinkelt, aus dem kleinen Örtchen in der Südeifel stammt.

Kino für die Ohren

Wir befinden uns auf dem Wanderweg "Grüne Hölle", direkt an der Grenze zu Luxemburg, im deutsch-luxemburgischen Naturpark. Hier wurde im vergangenen Jahr eine der ersten iPod-Wanderungen Deutschlands eingerichtet, auch Audiotour, Lauschtour oder Hörwanderung genannt. An zehn Stationen gibt es Kino für die Ohren.

Die Bollendorfer Soundclips wurden wie Mini-Reportagen im mp3-Format aufbereitet. Der Hörer, beziehungsweise der Wanderer, befindet sich auf Augenhöhe mit den Guides, die unter den Einheimischen rekrutiert wurden und aus dem Nähkästchen plaudern. "Wir haben die Sache möglichst lebhaft und authentisch gestaltet", sagt Marco Neises, Mitinitiator der Audiotour. Und kurz. Schließlich soll das eigene Erleben von der Technik nicht erdrückt werden.

Doch die Hörfetzen helfen, zu verstehen - etwa den seltsamen Namen des Wanderwegs. Eine weibliche Stimme erzählt: "Die grüne Hölle ist so grün, weil hier ganz bestimmte Pflanzen wachsen. Moos, Algen, Flechten. Die Felswände sind sehr feucht, an manchen Stellen sogar ganz nass. Das liegt daran, dass der Sandstein Wasser aufsaugt wie ein Schwamm." Das Ganze ist akustisch unterlegt mit diabolischen Höllengeräuschen und gespenstisch knarzenden Baumstämmen.

Bizarre Sandsteinblöcke und seltenes Leuchtmoos

Als der liebe Gott die Landschaft um Bollendorf herum schuf, muss er einen besonders grünen Daumen gehabt haben. Da sind nicht nur die allgegenwärtigen, mannshohen Walddisteln mit ihren dunkelgrünen Blättern. An anderen Stellen leuchtet es grellgrün - ein Farbton, wie er in der Natur sonst kaum vorkommt: Er stammt vom so genannten Leuchtmoos, einer extrem seltenen Sorte.

Das kleine Bollendorf verfügt über beachtliche 120 Kilometer Wanderwege. Doch die Grüne Hölle ist das Sahnestück der Region. Je weiter man in den Wald eintaucht, desto deutlicher wird, warum. Etwa wegen der Aussichtspunkte mit Panoramablick Richtung Luxemburg. Oder wegen der vielen mächtigen, bizarren Sandsteinblöcke. An ihnen sind erstklassige Motive für Caspar David Friedrich verlorengegangen. Vermutlich hat der Maler die Eifel nicht einmal gekannt - zu dessen Lebzeiten galt sie als vergessener Landstrich.

Heute ist die Eifel mit der Audiotour ganz weit vorne, denn das Wandern mit technischer Unterstützung liegt im Trend. Vor allem regionale Wander-Apps für Smartphones sind auf dem Vormarsch. Etwa als Tourenplaner, als interaktive Wanderkarte mit Streckenvorschlägen, Einkehrmöglichkeiten und allerhand weiterem lesbaren Service.

Auch andere Regionen glauben an das zeitgemäße Ausflügler-Infotainment. Wanderbare Audiotouren gibt es unter anderem im Zoptetal in Thüringen, im Schwäbischen Wald, im Altmühltal, im Naturpark Dübener Heide oder im Biosphärenreservat Rhön. Das Deutsche Alpenforschungsinstitut plant noch in diesem Jahr eine Audiotour an der Zugspitze zum Thema Klimawandel.

Und Ende April gehen in Bayerisch-Schwaben gleich sechs Lauschtouren an den Start. Sowohl als App zum Download als auch als Hördateien für Smartphones. Diese können vor Ort ausgeliehen werden. Und es wird wieder hörbar Lokalkolorit geben: Die Bewohner Bayerisch-Schwabens wurden eingespannt und kommen selbst zu Wort.

Die Kräuterhexe im Wald

Die Tourismusregion zwischen Nördlingen, Ulm und Augsburg hat es im Konzert mit den namhaften Nachbarn - Allgäu und Oberbayern - traditionsgemäß schwer. Doch die unterhaltsamen Hörfetzen über verwunschene Moore, Störche, Hexen oder den urzeitlichen Meteoriteneinschlag im Nördlinger Ries sollen die Übernachtungszahlen in Bayerisch-Schwaben Flügel steigen lassen.

In Bollendorf macht die Audiotour den Wanderern bereits Beine. An Station 9, einem dunklen verwunschenen Felsen namens Muhmenlay, wird es sogar unheimlich: Angeblich hauste im Wald auch eine alte Kräuterhexe. Ein Dorfbewohner erzählt via iPod, begleitet vom wüsten Lachen einer Hexe: "Sie soll hier nachts spuken. Es ist eine alte Kräuterhexe mit einer langen Nase und einer Warze drauf. Sie soll in mondhellen Nächten Kräuter gemixt haben."

Ein anderer Bollendorfer berichtet am Ende der Tour, wie er in seiner Kindheit im Nachkriegsdeutschland billige Waren von Luxemburg nach Deutschland geschmuggelt hat, meistens nachts durch das Grenzflüsschen Sauer: "Wenn die Luft rein war, dann ging es husch, husch durch das Wasser."

Nach den Anstrengungen - rund vier Stunden sollte man für die zehn Kilometer lange Strecke einplanen, inklusive Hörpausen - haben sich die Wanderer einen Schnaps verdient. Natürlich einen "Bolli", einen Apfelschnaps aus Bollendorf. Auch hierzu weiß der iPod etwas zu erzählen: "Ich habe eine Flasche mitgebracht. Einen Bollendorfer Apfelschnaps. Damit es nicht in die Beine geht, sollte das Gläschen nicht zu groß sein. Zum Wohl!"


Audiotour "Grüne Hölle"
Die Tour beginnt oberhalb des Waldhotels Sonnenberg, Wanderparkplatz sind vorhanden. Die Strecke ist gut ausgeschildert und zirka zehn Kilometer lang. Inklusive Hörpausen sollten rund vier Stunden einkalkuliert werden. Festes Schuhwerk ist erforderlich. iPods können im Verkehrsverein ausgeliehen werden, außerdem in Hotels und Pensionen. Die Tour wird auch auf Französisch und Holländisch angeboten.

Übernachten
Einen herrlichen Blick auf Luxemburg und das Grenzflüssen Sauer bieten die altehrwürdigen Gemächer im Hotel Burg Bollendorf. Übernachtung im Doppelzimmer ab 41 Euro pro Person inklusive Frühstück.

Wohnen beim rührigen Vizebürgermeister von Bollendorf: Im Ferienhaus von Kurt Allar herrscht eine gesellige Atmosphäre, hier können auch iPods für die Hörwanderung ausgeliehen werden. Übernachtung im Doppelzimmer ab 22,50 Euro pro Person inklusive Frühstück.

Ein Tipp für Familien ist die Jugendherberge Bollendorf, in dem auch kleine Kinder willkommen sind. GPS- und iPod-Verleih im Haus, der hilfsbereite Betriebsleiter hat Tipps für Aktivitäten bei jedem Wetter parat.

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