Eselwandern in Deutschland Langsamkeit mit Langohr

Sechs Stunden für zwölf Kilometer: Wer mit einem Esel wandern geht, muss zwar seinen Rucksack nicht selber schleppen. Dafür überlässt er dem Tier die Kontrolle über das Tempo. Feldwege und Streuobstwiesen überqueren Urlauber in Zeitlupe und Picknickzeit ist, wenn der Vierbeiner Hunger hat.

TMN

Mannebach - Lass dich auf das Tempo des Esels ein, wird zum Mantra eines jeden Wanderers, der sich mit so einem Vierbeiner in die Natur traut. Die Tiere haben einen gehörigen Dickkopf, Entschleunigung ist angesagt. "In unserer hektischen Zeit fast schon ein Luxus", sagt Armin Schneider vom Verein Packeselwanderungen.

Wer mit Eseln wandern will, findet in Deutschland immer mehr Möglichkeiten - egal ob für einen kurzen Spaziergang, eine Tagestour oder mehrtägige Wanderung. Sogar Manager reflektieren mittlerweile mit Hilfe von Eseln ihr Führungsverhalten. Der Verein aus Rheinland-Pfalz ist dabei einer der wenigen Anbieter in Deutschland, der die Eselfreunde nach einer Einweisung auch ohne Begleitung losschickt.

Ein Mann auf dem Trecker grüßt freundlich. "Passt gut auf die beiden auf", ruft er den Wanderern hinterher. Hier in Mannebach, einem 380-Einwohner-Dorf in der Nähe von Trier, kennt jeder jeden. Das gilt auch für die Esel Bilbo und Gandalf. Seit Wanderer das gemütliche Duo leihen können, ist der Anblick der Tiere und ihrer menschlichen Begleiter in Mannebach alltäglich. Nur wer hier wen führt, das wird sich noch zeigen.

Bevor es losgeht, holt Armin Schneider die beiden Wallache von der Weide. Das klappt mal schneller, mal langsamer. Wie Esel eben so sind. Ein Vorgeschmack auf das, was kommt. Seit fünf Jahren sind Bilbo, der Braune, und Gandalf, der Graue, aus Mannebach nicht mehr wegzudenken. Damals kaufte der Verein sie einer Tierschutzorganisation ab, die sie vor dem Schlachter gerettet hatte. "Wir geben sie nur zu zweit raus, so motivieren sie sich gegenseitig", erzählt Armin Schneider. Geht Bilbo vorneweg, schreitet Gandalf hinterher.

Als Erstes legt Armin Schneider den Eseln ihr Halfter um. Daran wird später die Führleine befestigt. Dann müssen sie gestriegelt und die Hufe gesäubert werden. Schneider holt den hölzernen Packsattel aus dem Stall und befestigt ihn auf dem Eselrücken. Darunter liegt eine weiche Decke. Rechts und links lässt sich nun das Gepäck anbringen: Der Verein hat alte Armeerucksäcke aus der Schweiz besorgt.

Reiten auf eigene Gefahr

Ein Esel darf etwa ein Fünftel seines Körpergewichts tragen, das macht rund 40 Kilogramm. Ist man mehrere Tage mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und Proviant unterwegs, trägt ein Esel das Gepäck für zwei Personen. Und die Wanderer haben den Rücken frei. Auch Familien ziehen gerne mit den Eseln los. Reiten erfolgt allerdings auf eigene Gefahr, grundsätzlich dienen die Esel als Packtiere.

Kurz nach dem Aufbruch beginnt es in Strömen zu regnen. Es geht über Feldwege, vorbei an Weiden und Streuobstwiesen. Die Esel scheint der Regen nicht zu stören. Das Grün am Wegesrand zieht sie magisch an. Eigentlich eine willkommene Ausrede für ein Päuschen. Nur nicht bei diesem Wetter. Dabei ist genau das die Idee beim Eselwandern. Das Tier bestimmt das Tempo. Der Esel strahlt Ruhe und Gelassenheit aus - und das färbt im Laufe der Wanderung auf den Menschen ab.

Die meisten brechen mit den Eseln zu Tagestouren auf und kehren am Ende wieder nach Mannebach zurück. Bei Mehrtagestouren ist es aber auch möglich, mit ihnen anderswo zu übernachten. Der Verein hat dafür verschiedene Tourenvorschläge vorbereitet. Für die Esel erhalten die Wanderer dann einen mobilen Weidezaun.

"Alles, was auf dem Boden wächst, dürfen sie fressen"

Bei der Pause auf dem Metzenberg werden Bilbo und Gandalf mit einer langen Leine an zwei Bäume gebunden. "Alles, was auf dem Boden wächst, dürfen sie fressen", hatte Armin Schneider erklärt. In den Packtaschen warten Brot, Käse und Wurst als Stärkung auf die Wanderer.

Nach dem Picknick führt der Weg steil bergab. Die Esel schreiten forsch voran, der matschige Untergrund scheint ihnen nichts auszumachen. Am Ortsausgang von Tawern werden sie immer langsamer, bleiben alle zwei Meter stehen und fressen. Sie ignorieren das Ziehen an der Leine, verhalten sich genau so, wie man es von zwei störrischen Eseln erwartet.

Die Wanderer sind durchgefroren, der Stall ist schon in Sichtweite. Sie versuchen, die Esel mit Löwenzahn zum Weitergehen zu überreden, aber das Gras am Wegesrand leuchtet so viel grüner. Schließlich geben sie dem Drängen der menschlichen Begleiter doch nach. Gegen halb sechs erreicht das Quartett wieder den Stall. Sechs Stunden für zwölf Kilometer - die Entschleunigung hat funktioniert.

Nicole Jankowski/dpa/jus



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 26.08.2013
1. Ist ja sicher...
...ganz lustig den Esel mal für einen Tag "auszuführen"...nur wofür braucht man ein Packtier für einen Tag?....also geht es eigentlich darum den Esel mal für eine paar Stunden Gassi zu führen...das wäre mir bei aller Sympathie für die Tiere...doch zu blöd.
ralph13 26.08.2013
2. optional
Warum ich gegen Geld (mal was im TV drüber gesehen) einen Esel Gassi führen soll ist mir noch ein Rätsel, aber wem das Spass bereitet, bitte. Für Leute die mehrtägige Wandertouren machen, als Lastenträger, sicherlich eine, vielleicht auch Lustige Alternative, sofern man mit den Eigenheiten der Esel klar kommt :-)
homek 26.08.2013
3. optional
Lesen und verstehen ihr beiden ... Ihr führt den Esel nicht Gassi, er führt euch aus. Darum geht es bei der Sache. Spazieren gehen mit einem Wesen welches die Geschwindigkeit vorgibt. Wenn der Esel nicht will, will er nicht. Man hat sich also mit der erzwungenen Langsamkeit abzufinden. Nichts für mich, aber ich kann mir vorstellen, dass es viele hektische und dauergestresste Menschen da draussen gibt, denen sowas mal gut tuen würde.
plattivon 26.08.2013
4. Entschleunigung
Da haben wohl zwei den Sinn nicht verstanden
Blamage 26.08.2013
5. Der Reiz...
... ist glaub ich auch, dass man extrem putzige Tiere ausführt, bzw. sich von ihnen ausführen lässt. Ich fänd sowas super!
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