Watzmann-Überschreitung Die Schönste aller Gratwanderungen

Der Watzmann ist zwar nicht der höchste Berg Deutschlands, aber der schönste. Die Begehung der in den Himmel stechenden Pyramide ist lang. Sehr lang. Und nichts für Schwindelanfällige. Denn wenn es wirklich darauf ankommt, gibt es keine Sicherung.

Von Johannes Schweikle

DPA

Der Mond steht noch als bleicher Schemen am Blau des Himmels, als wir nach einer kurzen Nacht im Watzmannhaus aufbrechen. Es ist kurz vor 7 Uhr. Der Anstieg ist steil, aber nicht schwierig. Um neun machen wir Rast am Gipfel Hocheck in 2651 Metern Höhe. Schwarze Dohlen mit gelben Schnäbeln fliegen bis an unsere Schuhsohlen heran und picken nach Brotkrumen. Die Hose meiner Tochter Joana hat weiße Salzränder vom Schweiß.

Wir wollen auf den Watzmann. Mit 2713 Metern ist er zwar nicht der höchste Berg Deutschlands, aber der schönste. Seine dramatische Silhouette hat uns jedes Mal gereizt, wenn wir sie von Berchtesgaden aus gesehen haben: rechts die Pyramide mit der angeknabberten Spitze, die auf einem breiten Sockel steht. Links das Kar, das eine tiefe Lücke reißt zwischen dem großen und dem kleinen Watzmann und in die ein paar spitze Zacken vorwitzig in den Himmel ragen. Man nennt sie die Watzmannkinder.

Wir hätten also wissen können, auf was wir uns einlassen. Das Schwierige an dieser Tour: Das Hocheck ist nur der erste von drei Gipfeln. Von ihm geht es wieder runter, dann wieder hoch zur 2713 Meter hohen Mittelspitze, und dann, reine Schikane der Natur, nochmals dasselbe: wieder runter und rauf zur Südspitze, 2712 Meter hoch.

"Jetzt hab ich schon fünfmal gedacht, wir wären auf dem Gipfel", stöhnt die Anfang 20-Jährige, "was kommt noch alles?"

Mit flackerndem Blick über den Grat

Bis zur Südspitze brauchen wir drei Stunden. In dieser Zeit durchdringe ich unmittelbar, was mit dem Wort Gratwanderung gemeint ist, das ich so oft als Metapher benutzt habe. Auf der einen Seite ist das Watzmannkar tief eingeschnitten, auch im Hochsommer liegt hier noch jede Menge Schnee. Auf der anderen geht es genauso steil hinunter ins Wimbachgries. Besonders schwindelerregend ist der Blick auf die berüchtigte Watzmann-Ostwand. Jäh fällt der zerklüftete Fels in die Tiefe, die grauen Platten und Zacken wollen kein Ende nehmen. 2000 Meter tiefer schimmert der dunkle Königssee.

Über weite Strecken ist der Grat mit einem Drahtseil gesichert. Hier gehen wir wie am Klettersteig. Regelmäßig höre ich das schnappende Geräusch, wenn Joana ihre Karabiner in die nächste Abteilung hängt. Irgendwann kommen wir an einer Tafel vorbei. Sie erinnert an zwei Alpinisten, die 1923 hier abgestürzt sind. So was macht nicht gerade Mut im Hochgebirge.

An der schlimmsten Stelle gibt es keine Sicherung. Hier steigt der Grat an und verjüngt sich. Am Anfang ist er so breit wie ein Gehweg, am Ende so schmal wie eine Hüfte. Es hilft nichts, da müssen wir drüber. Umkehren ist keine Lösung, denn der Rückweg wäre genauso schwierig und nicht weniger anstrengend als das, was noch vor uns liegt. Joana bekommt den flackernden Blick. Sie geht gebückt und hält sich tapfer.

Um 12 Uhr stehen wir am Gipfelkreuz auf der Südspitze. Weit hinten, tief unter uns leuchten die blanken Felsen des Steinernen Meers. Das Gipfelbuch ist zerfleddert, am Himmel zieht eine dunkle Wolke auf. Deshalb fällt unsere Pause ziemlich kurz aus. Ein Gewitter wollen wir in diesem kahlen Geröll nicht erleben. Kein Baum und kein Strauch bietet hier Schutz. Das Kreuz ist nach allen Himmelsrichtungen mit Stahlseilen abgespannt. Sie lassen ahnen, welche Gewalt der Wind hier oben hat.

Der Abstieg wird zäh. Um eine Ahnung von der Route zu geben, sind regelmäßig Markierungen auf Steine gemalt. Die Verbindung zwischen diesen Punkten besteht mal aus Schotter, mal aus Fels. Tief unten sind weiße Schneefelder mit merkwürdigen Flecken zu sehen. Als wir näher kommen, sehen wir: Das sind Gämsen. In vollkommener Ruhe sitzen sie da und lassen sich in der Hitze vom Schnee den Bauch kühlen.

Weizenbier auf Ex

Wir reden nicht viel. Joana holt ihren Kopfhörer aus dem Rucksack und lenkt sich mit einem Hörbuch ab. Später sagt sie: "Das war eine interessante Erfahrung. Ich hatte keine Lust mehr, musste aber weitergehen. Es gab ja keine andere Möglichkeit."

Nach fast vier Stunden ist der Abstieg durch Rinnen und Schotterreißen geschafft. Jetzt kommt das Wimbachgries. Das ist zwar eine einmalige Landschaft. Man wähnt sich nicht mehr in Deutschland, eher in Kanada. Bergbäche haben ein Schotterbett geformt, breiter als hundert Meter. Aus dem Geröll wachsen Bergkiefern. Bleiche Felszacken erinnern an die spektakulärsten Gipfel der Rocky Mountains.

Weil das Wimbachgries so schön ist, darf hier kein Auto fahren. Noch nicht einmal Mountainbikes sind erlaubt. Für uns bedeutet das: noch zwei Stunden Fußmarsch. Wir latschen vor uns hin. Wenigstens ist der Weg jetzt ungefährlich. Spaziergänger kommen uns entgegen. Nach zehn Stunden erreichen wir das Naturfreundehaus, die erste Hütte seit dem Watzmannhaus. Das Weizenbier scheint zu verdunsten, so schnell stürzen wir es hinunter.

Joana schaut nach oben und fragt ungläubig: "Da waren wir?" Das gewaltige Massiv des Watzmanns türmt sich über uns. Der ganze Grat, über den wir mühsam geklettert sind, ist zu sehen. Diese Linie am Himmel mit ihren unzähligen Zacken sieht spektakulär aus. Ich soll ein Foto machen von meiner Tochter. Vor dem Berg, den sie bewältigt hat.

Am nächsten Tag sagt sie: "Mir kann keiner was. Ich war auf dem Watzmann."

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
whitechristmas1 04.09.2013
1. wunderschöne Tour
Ich kann jedem die Tour nur empfehlen. Ein absoluter Genuss für alle Berg Freunde, die schwindelfrei und tritt sicher und zugleich mit alpiner Erfahrung ausgestattet sind.
Salomo 04.09.2013
2. Warum nun gerade dort akustische Ablenkung?
Zitat: "Joana holt ihren Kopfhörer aus dem Rucksack und lenkt sich mit einem Hörbuch ab." Versteh' ich nicht - geht's denn nicht auch mal ohne akustische Ablenkung? Warum denn dann die Zivilisation hinter sich lassen wollen (zumindest ansatzweise)? Einfach nur mal die Stille genießen. Zumal es davor heißt: "Als wir näher kommen, sehen wir: Das sind Gämsen. In vollkommener Ruhe (!) sitzen sie da und lassen sich in der Hitze vom Schnee den Bauch kühlen." Lassen wir uns - pardon! - alle akustisch "vermüllen"? Oder haben manche Leute Angst, zwischendurch mal in sich hinein zu horchen? Gruß, Salomo
lkm67 04.09.2013
3.
Zitat von SalomoZitat: "Joana holt ihren Kopfhörer aus dem Rucksack und lenkt sich mit einem Hörbuch ab." Versteh' ich nicht - geht's denn nicht auch mal ohne akustische Ablenkung? Warum denn dann die Zivilisation hinter sich lassen wollen (zumindest ansatzweise)? Einfach nur mal die Stille genießen. Zumal es davor heißt: "Als wir näher kommen, sehen wir: Das sind Gämsen. In vollkommener Ruhe (!) sitzen sie da und lassen sich in der Hitze vom Schnee den Bauch kühlen." Lassen wir uns - pardon! - alle akustisch "vermüllen"? Oder haben manche Leute Angst, zwischendurch mal in sich hinein zu horchen? Gruß, Salomo
Wunderbar ich bekomme große Lust auf diesen Weg. Im vergangen Jahr sind wir dort vorbeigefahren und ich habe die beeindruckende Flanke gesehen. Auch ich habe mich darüber gewundert warum es denn dort ein Hörbuch sein sollte allerdings habe ich durch meine große Tochter lernen müssen, das es als vollkommen normal gilt in der jetzigen Generation, sie empfinden es einfach nicht als akustischen Müll und ich musste daher meine radikale Ansicht auch dem Familienfrieden unterordnen. Radikal?! Weil ich diese Dauerberieselung in Geschäften und Einkaufszentren als Belästigung empfinde, Stille - zumal eine alpine Stille ist Balsam für meine Seele und eine wunderbare Kur für meine Sinne.
derpif 04.09.2013
4.
Das hört sich wirklich nach einer interessanten Tour an. Auf die Idee ein Hörbuch zu kritisieren muß man erstmal kommen. Das wäre mir im Leben nicht eingefallen. Jeder schätzt etwas anderes an so einer Erfahrung. Für den einen ist es die Stille, für den anderen die körperliche Betätigung usw.. Nicht jeder will gleich die Zivilisation hinter sich lassen, man kann nicht von sich selbst auf andere schliessen.
uli.t 04.09.2013
5. Auch ohne Übersteigung
ist die Tour bis zur Mittel-Spitze (dem höchsten Gipfel) ein tolles Erlebnis. Man kann von dort aus einfach zurückgehen, oft innehalten und die herrliche Gegend betrachten. Wer's niemals sah, hat etwas verpasst!
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