Braunbären, Wölfe, Luchse und Wildkatzen leben Zaun an Zaun: "Raubtier-WG" nennt sich das europaweit einmalige Wohnprojekt, das 2009 im mecklenburg-vorpommerschen Natur- und Umweltpark Güstrow initiiert wurde. In dieser ungewöhnlichen, sechs Hektar großen Kommune dürfen sich Bären und Wölfe sogar gegenseitig besuchen. Von diesen Begegnungen können sich die Besucher von speziellen Aussichtspunkten wie dem Baumhaus "Bärenblick" und dem Wolfshöhlenfenster selbst ein Bild machen.
Wie sehr sich der ehemalige DDR-Heimatzoo zum modernen Wild- und Landschaftspark entwickelt hat, zeigen auch andere Highlights. Da gibt es einen zwölf Meter langen Aquatunnel, der ungeahnte Einblicke in die heimische Unterwasserwelt gewährt, sowie den "Bodenerlebnispfad" samt Moorleiche, Bodenlabyrinth und Wurzeltunnel.
Ungeahnte Einblicke in heimische Flora und Fauna ermöglicht auch das Wisentgehege südlich von Hannover, das viel mehr beheimatet als "nur" Wisente - wenngleich die Erhaltungszucht des größten europäischen Landsäugetiers Anlass für die Gründung des heute 90 Hektar umfassenden Wildparks gab.
Im Lauf der Zeit kamen viele zusätzliche Wildarten zum Zuchtprogramm dazu; aktuell werden rund hundert gehalten, die auf dem etwa sechs Kilometer langen Rundweg beobachtet werden können. Einen längeren Aufenthalt sollten Besucher bei den Przewalski-Urwildpferden, den Braunbären und den Fischottern einplanen. Und vor allem bei den vier Timberwölfen, besonders wenn Tierflüsterer Matthias Vogelsang über sein Zusammenleben mit den Wölfen erzählt. Das tut er täglich. Seltener möglich, dafür noch spannender: eine Teilnahme am "Wolfsabend" oder ein dreistündiger Aufenthalt im Wolfsgehege.
Wie in der freien Natur
Wölfe sind auch im kostenlos zu besuchenden 250 Hektar großen Tier-Freigelände Neuschönau im Nationalpark Bayerischer Wald anzutreffen. Auf dem sieben Kilometer langen Rundweg können zudem Wisente, Luchse, Bären, Auerhühner und rund 30 andere heimische Tierarten in vergleichsweise großen Gehegen und Volieren beobachtet werden.
Tierische Nah-Erlebnisse ermöglichen insbesondere das durchwanderbare Wildschweingehege sowie das vor drei Jahren um eine Unterwassersichtstation erweiterte Fischotterterrain. Das Zeug zum Publikumsrenner haben auch die jüngsten Neuzugänge, die Elche Putte, Lillemor und Gunel. Dass einst eben auch die mit Schaufelgeweihen ausgestatteten Riesen durch den ältesten deutschen Nationalpark streiften (und es neuerdings vereinzelt wieder tun), illustriert nicht zuletzt das benachbarte Besucherzentrum.
Das Besondere dieser Einrichtungen? In weitläufigen und naturnahen Landschaftsgehegen, die mit kargen Käfigen oder künstlichen Mini-Arealen vieler Tierparks nicht zu vergleichen sind, können die tierischen Bewohner ihren freilandtypischen Verhaltensweisen folgen. Das erlaubt es ihnen, auch einmal richtig zu rennen oder sich komplett ins Unterholz zurückzuziehen.
Manche Freigehege lassen sich von Besuchern sogar durchwandern, inklusive Fütter- und Streicheleinheiten. So erlauben Wildparks die (Wieder-)Entdeckung und Nähe zur heimischen Fauna und rühmen sich mit tiergerechter Haltung und Artenschutz.
Neun Millionen Gäste im Jahr
Das bestätigt Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund: "Generell sind die klassischen Wildparks mit unseren Grundsätzen von Wildtierhaltung besser vereinbar als Zoos." Doch es ist ja nicht nur der Tierschutzaspekt, der die Besucher in die Einrichtungen lockt.
"Wildgehege und Wildparks leisten einen entscheidenden Beitrag zur Freizeitgestaltung erholungssuchender Menschen und tragen somit zur Erhaltung der Gesundheit und Entspannung bei", sagt der ehrenamtlich tätige Geschäftsführer des Deutschen Wildgehege-Verbands Karl Görnhardt. Die Interessengemeinschaft, die insgesamt rund 120 Wildgehege in Deutschland mit einer ungefähren Gesamtfläche von rund 25.000 Hektar repräsentiert, verzeichnet nicht zuletzt deshalb eine gestiegene Besuchernachfrage in den vergangenen Jahren.
2012 waren es mehr als neun Millionen Gäste, Tendenz steigend. "Die Besucherzahlen sind positiv und lassen auf eine gute Zukunft hoffen", sagt Görnhardt. Familien mit Kindern und wanderfreudige Spaziergänger sind die Hauptklientel. Viele Ausflügler schätzen es, dass etliche Parks Tag und Nacht nutzbar und kostenlos sind beziehungsweise deutlich weniger Eintritt kosten als Zoos.
Zwischen Bildung und Unterhaltung
Wobei es durchaus Wildparks gibt, die sich den Tierparks preislich und konzeptionell annähern. So stellt Tierschützer Tünte fest, dass einige Einrichtungen mittlerweile zu "Konzepten greifen, die auch in Zoos vermehrt zu beobachten sind: Shows, Vorführungen, Besuchererlebnisse". Der Grat ist eben schmal zwischen Umweltbildung und Unterhaltung samt einhergehender Tierschutzproblematik, die etwa bei den Greifvögelshows und der damit oft verbundenen Anbindehaltung oder bei der Konditionierung durch Hungern aufkommt.
Und noch ein Punkt darf nicht verschwiegen werden: Anders als im Zoo, wo die Gehege ja in der Regel so konstruiert sind, dass gute Einblicke gewährt werden, kann es im Wildpark durchaus zu Enttäuschungen kommen - wenn sich die Tiere partout nicht blicken lassen, weil sie sich ins Dickicht zurückziehen. Umso größer ist dann jedoch die Freude, wenn die Tiere freiwillig die Nähe der Menschen suchen.
Christian Haas/SRT/sto
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