Wingsuit-Springen: Gleitflug der Vogelmänner

Von Monika Hippold

Sie sind vollgepumpt mit Adrenalin, zittern bei jedem Sprung wie beim ersten Mal: Im Wingsuit kommen Sportler dem ewigen Traum des Menschen vom Fliegen sehr nah. Verkleidet wie Batman gleiten sie über Berge, Wälder und Felsen - und steuern nur mit kleinsten Armbewegungen.

Wingsuits: Dem Traum vom Fliegen so nah Fotos
Maxi Werndl

Erst als sich die Tür des Flugzeugs öffnet, ist die Angst bewältigt. Maxi Werndl rollt sich zu einer kleinen Kugel zusammen, holt tief Luft und stürzt sich mit einem lauten Schrei ins Nichts. Mit einem Salto beginnt sein Flug, schnell breitet er Arme und Beine aus - schon gleitet er ruhig durch die Luft. Er legt einen Arm an seinen Körper und dreht sich auf den Rücken.

Einem Vogel ähnlich segelt der 22-Jährige aus 4000 Meter Höhe über den Flugplatz in Leutkirch im Allgäu. Er fliegt vorwärts und rückwärts, hoch, runter oder im Kreis - nur mit Hilfe seines Spezialanzugs, dem sogenannten Wingsuit. Dem ewigen Traum des Menschen, dem Fliegen aus eigener Kraft, kommt er damit sehr nah.

Zwischen Beinen und Armen spannt sich bei den bunten Fluganzügen aus Nylon ein Stück Stoff - ähnlich wie die Flughaut einer Fledermaus. Beim Absprung füllt sich der Stoff mit Luft, so wird Werndl beim Vorwärtsflug bis zu 150 km/h schnell, abwärts schafft er rund 60 km/h. Ein langsamer Fall im Vergleich zum über dreimal so rasanten Fallschirmsprung.

Flug über spitze Felsen

Seitdem die ersten Flügelanzüge vor zehn Jahren unter dem Namen "Bird-Man" auf den Markt gekommen sind, finden sich immer mehr begeisterte Anhänger. "In Deutschland sind es mittlerweile fast 500 Springer", sagt Helmut Bastuck, Geschäftsführer des Deutschen Fallschirmsportverbands.

Das Gleitgefühl genießen die Wingsuit-Sportler nicht nur beim Sprung aus dem Flugzeug: Sie stürzen sich aus Heißluftballons, von Hochhäusern oder mit Skiern von schneebedeckten Felsvorsprüngen. In den Alpen springen die Adrenalin-Junkies aus Helikoptern, sausen haarscharf an spitzen Steinkanten vorbei, machen Adlern Konkurrenz. Die Video-Dokumentationen der waghalsigen Sprünge, unterlegt mit elektronischen Beats, verzeichnen beim Internetportal YouTube mehrere Millionen Klicks.

Im rot-schwarz-weißen Wingsuit sieht Maxi Werndl aus wie Batman, der seinen Umhang ausbreitet. Drei Minuten lang gleitet er durch die Luft. Der Sturzflug der Fallschirmspringer dauert nur rund 40 Sekunden. "Ich will fliegen und nicht nur runterfallen", sagt Werndl.

Nervös wie vor dem ersten Sprung

Deswegen steigt der Bauingenieur-Student an jedem Wochenende, an dem die Wetterbedingungen es zulassen, gemeinsam mit seinem Kumpel, dem 23-jährigen Lehramtstudenten Matthias Hilscher, in ein Flugzeug. Der zehnminütige Transport mit der blau-gelben Propellermaschine vom Typ "Pilatus Porter" auf die Absprunghöhe kostet sie jeweils 24 Euro.

Bis zu achtmal pro Tag springen die beiden Extremsportler. Was sich andere, wenn überhaupt, einmal im Leben trauen, ist für sie Routine. Über hundert Wingsuit-Sprünge hat Werndl schon absolviert. Und doch ist er bei jedem neuen Versuch wieder so nervös wie vor dem ersten Sprung. Seine Hände zitterten, als er in das Flugzeug kletterte.

Werndl ist süchtig nach dem Adrenalin-Kick. Bevor er fliegen lernte, fuhr er zehn Jahre lang Autorennen, 2009 gewann er mit seinem Team das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Das Wingsuit-Springen ist seine neue Leidenschaft. In der Luft schaltet er ab. "Ich komme zur Entspannung her. Sobald ich die Angst vor jedem Sprung abgelegt habe, macht es einfach nur riesigen Spaß."

Spiel mit der Schwerkraft

Zum Sport für die Massen wird das Wingsuit-Fliegen nicht werden, nur knapp fünf Prozent aller Fallschirmspringer trugen bisher einen der Spezialanzüge in der Luft. Die meisten scheitern an den hohen Kosten - in eine komplette Ausrüstung müssen sie bis zu 10.000 Euro investieren. Oder an den Sicherheitsvoraussetzungen - nur wer mindestens 300 normale Fallschirmsprünge hinter sich hat, darf den Anzug anlegen.

Erst die Erfahrung lehrt die Springer die richtigen Bewegungen in der Luft. Allein durch "Learning by Doing" und eine individuelle Einweisung können sie das Fliegen mit dem Wingsuit erlernen. "Die ersten fünf Mal sollte man nur unter Anleitung springen, mit jemandem, der das Ganze überwacht", sagt Bastuck vom Fallschirmsportverband.

Mit den kleinsten Bewegungen ihrer Extremitäten lenken Hilscher und Werndl ihren Flug: Wenn sie einen Arm anlegen, drehen sie sich um die eigene Achse. Sobald sie beide Arme an den Körper anziehen und dabei die Beine spreizen, geraten sie in den Sturzflug. Der komplette Körper ist angespannt. Bei all den Kunststücken gibt es nur eine Regel: nie zu nah an die anderen heran fliegen. Sonst wird es gefährlich.

"Bei 600 Metern sprengt der Lärm den Helm"

Um das Risiko zu minimieren, kontrollieren die Wingsuit-Sportler vor dem Sprung gegenseitig ihre Ausrüstung - der sogenannte Body-Check ist ihre Lebensversicherung. Noch am Boden hat Maxi Werndl die Gurte von Matthias Hilschers Rucksack festgezogen, in dem sich ein Fallschirm befindet. Die Vogelmänner benötigen den Schirm, um am Ende des Fluges abzubremsen, spätestens in 700 Metern Höhe ziehen sie die Leine.

Auch ein Reserveschirm und ein Handcomputer ist dabei. Wenn sich ein Schirm nicht öffnet, beginnt der Computer bei 1500 Metern über dem Boden zu piepsen, erst leise, ab 1000 Metern immer drängender. "Bei 600 Metern sprengt dir der Lärm den Helm", sagt Werndl.

Maxi Werndls bunter Anzug flattert im Wind, das Sonnenlicht spiegelt sich im Sichtschutz. Im Gleitflug folgt er Matthias Hilscher und zeichnet dessen Sprung mit einer Helmkamera auf. Die Videos sind das Einzige, was den Vogelmännern außer einem vagen Gefühl nach dem Flug bleibt. Wieder auf dem Boden, können sie nicht mehr genau beschreiben, was in der Luft passiert ist. "Bis ich begriffen habe, was los war, dauert es. Und zu Hause kann ich es nicht mehr fassen. Das ist eine eigene Welt hier", sagt Werndl. Eine Welt, in der sich die Springer eins fühlen mit Wolken und Wind.

"Noch können wir nicht mit den Flügeln schlagen"

Maxi Werndl fliegt langsam auf das orangefarbene Landekreuz aus Zeltplanen zu, sein rot-weiß leuchtender Fallschirm neigt sich gen Boden. Er streckt seine Beine aus und läuft, so schnell er kann, bis er steht. "Wahnsinn, es ist einfach immer wieder geil", sagt er, grinst und schlägt mit Hilscher ein.

Schnell laufen die beiden zurück zur Flugzeughalle, nehmen einen Schluck aus der Wasserflasche, laden das neue Video auf den Computer - da packen sie auch schon wieder ihre Fallschirme zusammen, sofort bereit für den nächsten Sprung. "Noch haben wir den Traum des Menschen nicht verwirklicht, denn wir können ja noch nicht mit den Flügeln schlagen", sagt Werndl. Aber immerhin können sie mit einer Armbewegung fliegen, wohin sie wollen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. ...
nookiex6 20.10.2010
absolut fazinierend! Schau mal unter "Norway Wingsuit" auf youtube. Ein echter klassiker und atemberaubend!
2. Ein geiles Feeling,...
sozialfall 20.10.2010
...ich kann es mir leider nur vorstellen, aber was die Videos angeht...so ein kleines, bißchen kommt auch für den Laien rüber. Besonders wenn die Springer nah am Berg vorbeifliegen... Man soll ja niemals Nie sagen, vielleicht springe ich ja zumindest mal mit dem Fallschirm. Selber fliegen ist doch eh am schönsten, oder?
3. Glueck ab !
suum.cuique 20.10.2010
dagegen kommen einen die Spruenge aus 'ner C-130 wie ein Ausflug eines Altherrenclubs vor.
4. .
Scathe 20.10.2010
Zweifellos ein wilder Ritt und Adrenalinkick, würde mich auch reizen... Wer allerdings vom Vogelflug und Flügelschlagen träumt, dem empfehle ich das Drachenfliegen. Da kann man, anstatt 3000 Meter kontrolliert herabzusausen auch mal 3000 Meter ohne Motorkraft an Höhe gewinnen. Und dann duzende oder gar hunderte Kilometer weit fligen. Wahrscheinlich mit niedrigerem Adrenalinspiegel, dafür aber stundenlang!
5.
Wavebreaker26 20.10.2010
Bei Wingsuit-Springen muss ich leider zuerst immer an das Video denken, in dem ein Springer die Brücke auf seinem Flugweg "übersieht". Aber wem`s gefällt. Ich hätte dafür ehrlich nicht den Mumm in den Knochen.
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AP
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