Von Silke Haas
"Es ist wie früher, als ob die Zeit stehen geblieben wäre", schwärmt Harald Harmstorf. Seine Augen blitzen, und sein Atem dampft silbern in der Winterluft. Die Zuschauer sind beeindruckt. "Mit fast 70 fährt der noch. Unglaublich, Wahnsinn", sagt jemand anerkennend. Harmstorf winkt ab: "Rüschen ist für mich selbstverständlich. Habe ich mein ganzes Leben gemacht und solange es geht, mache ich weiter."
Man kennt sich auf der Bahn. Jemand kocht Glühwein und reicht eine dampfende Tasse an einen Kreekfahrer, der den Hang hinaufhumpelt und seine Kreek an einer rot-weißen Leine hinter sich herzieht. Der Glühwein hilft gegen die Kälte und die Schmerzen. Kaum ein Fahrer ist unverletzt, keiner ohne Prellungen oder blaue Flecken. Schmerzmittel halten viele auf den Beinen. Kreeken geht auf die Knochen, doch der Rausch der Geschwindigkeit ist größer.
Früher wartete unten der Krankenwagen
Schwere Verletzungen sind selten. Dennoch hängen Zettel mit Notrufnummern und genauer Ortsangabe für den Rettungswagen an den Bäumen. "Früher passierte mehr, da stand unten an der Straße ein Krankenwagen, um die Verletzten einzuladen", sagt Manfred Lipsky. Unfälle gab es vor allem mit den normalen Schlittenfahrern. "Die Davos-Schlitten waren einfach viel zu langsam, blockierten die Bahn. Mit der Kreek haben wir sie einfach weggerüscht", sagt er und grinst schelmisch. Schlittenfahrer sind für ihn ein anderer Menschenschlag. Rodeln kann schließlich jeder. "Die steuern und bremsen mit den Füßen und machen dadurch die Bahn kaputt", schimpft er. Deshalb sind Schlittenfahrer hier bis heute verpönt.
Doch bekommt man es bei dem Irrsinns-Tempo nicht auch mal mit der Angst zu tun? "Angst darf man nicht haben, sonst ist man verloren", sagt Axel Blessmann. Es ist seine erste Saison. Das Fahren hat ihm seine Freundin beigebracht. Sie kommt aus Blankenese und hatte eine alte Kreek im Keller. "Mit Angst macht man Fehler, klammert sich vielleicht noch an der Steuerlatte fest - und dann stürzt man und verletzt sich." Rüschen ist eben nichts für Bangbüxe.
Die Blankeneser Kreekfahrer sind eine eingeschworene Gemeinde. Auf Online-Portalen verabreden sie sich zum abendlichen Eisen der Bahn, bringen gemeinsam die Piste in Schuss, stopfen Löcher mit Schnee und kippen Wasser drauf. Mit Gießkannen, Eimern und Kanistern holen sie das Wasser aus der nahegelegenen Tankstelle: Eine Kreek muss poltern, und das geht nur auf Eis.
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