Winzer ohne Maschine Pferd und Pfalz, Gott erhalt's

Ohne Maschinen beackert Herbert Heußler sieben seiner Weinberge. Er setzt aufs Pferd. Das hat er sein Leben lang so gemacht. Das Ergebnis: herausragende Weine aus gutem Grund.

Oliver Lück

Von Oliver Lück


In einer Staubwolke läuft der drahtige Mann hinter seinem Pferd her. Er trägt Brille und eine Mütze, die seine Glatze vor zu viel Sonne schützt. Eine feine Schmutzschicht hat sich auf Haut und Haare, auf die Kleidung und in Nase und Ohren gelegt. Die Augen jucken. Herbert Heußler schwitzt.

Konzentriert blickt er auf den Pflug, dessen Schare sich an den Rebstöcken entlang in den gelbsandigen Lehmboden graben. Das Rad quietscht, jedes der Jahre ist zu hören, der Pflug ist Baujahr 1936. Herberts Schwiegervater, ein Huf- und Wagenschmied, hatte ihn gebaut. Reihe für Reihe geht es rauf und runter. 80 Meter. 22 Mal. "Das ist wie Meditation", sagt der Winzer, "denken darfst du nicht, sonst senst du einen Stock ab."

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Winzer mit Pferd: Der Letzte seiner Art

Es geht um Zentimeter. Rico muss sofort gehorchen, wenn Grasbüschel die Pflugschar verstopfen und entfernt werden müssen. "Brrr" heißt stopp, "Hü" vorwärts, "Huf" rückwärts. "Har" bedeutet links, "Hott" rechts. Das 700 Kilo schwere Tier ist ein Schwarzwälder Fuchs mit muskulösem Körper und kurzem Hals - eine Kaltblutrasse, was schon viel über das Temperament verrät.

Rico bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Dasselbe gilt für Herbert. Einen Pirouettendreher könnte er bei seiner Arbeit im Weinberg auch nicht brauchen, jeder Fehltritt, jede Unachtsamkeit könnte den Rebstock verletzen und großen Schaden anrichten.

Biosiegel wären ihm zu viele Vorschriften

Herbert ist der Letzte seiner Art, der wohl einzige deutsche Winzer, der noch täglich mit dem Pferd in den Wingert fährt, wie die Pfälzer ihre Weinberge nennen. Auf zwei Hektar verzichtet er komplett auf Maschinen und Chemie, baut Riesling, Grau- und Spätburgunder an. Alles in Pferde- und Handarbeit. Mobilität 1.0.

Nur Schwefelpuder gegen Mehltau wird ausgebracht - mit einer Handpumpe und einem Kanister auf dem Rücken. Der Pferdemist wird als Dünger verteilt. Ökowinzer würde sich Herbert aber nie nennen, auch wenn er da ganz nah dran ist. Das wären ihm viel zu viele Vorschriften. Da müsste er stapelweise Formulare ausfüllen und sich abhängig von Vorschriften machen. Also verzichtet er gerne auf das Biosiegel.

Ab Oktober arbeitet Herbert Heußler mit Rico im Wingert, um den von der Lese strapazierten Boden auf den Winter vorzubereiten. Ab Frühjahr sind sie regelmäßig bis Mitte Juli unterwegs. Und wenn der Mann und das Pferd zwischen den Stöcken schuften, versammeln sich schnell Schaulustige.


Der Artikel ist ein gekürztes Kapitel aus dem Buch "Buntland - 16 Menschen, 16 Geschichten" von Oliver Lück, das gerade bei Rowohlt erschienen ist. Alle Termine der Lesereise finden Sie hier.

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Oliver Lück:
Buntland

Rowohlt Taschenbuch; 256 Seiten; 10,99 Euro.


Viele Touristen kommen in das beschauliche Rhodt, das eingerahmt zwischen Weinbergen und Höhenzügen zwischen Landau und Neustadt an der Weinstraße liegt. 60.000 Übernachtungen im Jahr. Saumagen, Blutwurststrudel, dazu immer ein Schoppen. Mindestens. Knapp 1200 Menschen leben im denkmalgeschützten Winzerdorf, etwas oberhalb stehen das Hambacher Schloss und die Ruine der Rietburg. Die Haardt, eine schmale Mittelgebirgsebene, schließt das Weinbauland nach Westen ab. Dort beginnt der Pfälzerwald.

Vor 60 Jahren klapperten die Hufe schon um vier in der Früh auf den Pflastersteinen der engen Gassen, weil die Winzer in den Wingert wollten, bevor es zu heiß wurde. Mehr als 60 Pferde und 30 Ochsen waren es damals im Dorf noch - und 180 Winzer. Heute sind es noch 14, was im Vergleich mit anderen Winzerorten der Gegend viel ist.

Der Grundstock für das Weingut Heußler wurde bereits 1750 gelegt, als Herberts Vorfahren nach Rhodt kamen. Heute umfasst es 17 Hektar, auf denen mehr als ein Dutzend Sorten wachsen - zwei Drittel weiße Trauben für Sorten wie Riesling, Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Grauburgunder oder Gewürztraminer, ein Drittel rote Reben für Portugieser, Dornfelder oder Spätburgunder. Denn das Geld muss die Familie nach wie vor mithilfe von Maschinen verdienen.

Für 15 Hektar Fläche ist Christian Heußler zuständig, wobei auch der Juniorchef sehr genau darauf achtet, wann Traktoren und Spritzmittel zum Einsatz kommen müssen und wann nicht. Mit 20 war er mit der Winzerlehre fertig. Längst ist er der Kellermeister und für den Ausbau der Weine verantwortlich, so kann sich der Vater ganz der Pferdearbeit widmen. Im Schnitt 110.000 Liter füllen sie im Jahr ab. "Sehr viel mehr geht nicht", sagt Christian. "Wir haben den Punkt erreicht, der gerade noch zu schaffen ist."

Mehr Fülle und Harmonie

Weniger Maschineneinsatz bringt mehr Qualität, davon ist Herbert überzeugt. Denn so schonend wie ein Ackergaul arbeitet keine Maschine. Mit Rico und dem Pflug lockert er den Boden, tonnenschwere Schlepper hingegen verdichten ihn. "Er ist viel schlechter belüftet und verliert seine natürliche Fruchtbarkeit. Er ist so gut wie tot", sagt Herbert, "doch nur wenn sich die Wurzeln ausbreiten können, können sich auch die Reben entfalten. Da unten im Boden, das ist eine Welt für sich, und wenn man die nicht stört, gibt sie uns auch was Gutes zurück."

"Wer den Boden im Wein schmecken will, muss mit Tieren arbeiten", ist er sich sicher. "Es geht darum, den Boden zu öffnen. Und es ist eine Grundsatzfrage: Ich glaube, dass ein Lebewesen, das mit der Pflanze zusammenarbeitet, immer besser ist als eine Maschine. Die Pferde tragen ihren Teil dazu bei, davon bin ich überzeugt. Man tut der Natur etwas Gutes, was ein sehr schönes Gefühl ist. Und wenn der Winzer mit einem guten Gefühl in den Wingert geht, wird sich das auch auf den Wein auswirken. Und was das Wichtigste ist: Wir wollen den kommenden Generationen ein gesundes Ökosystem hinterlassen."

"Sie haben mehr Fülle und Harmonie und schmecken deutlich intensiver und mineralischer", sagt auch Christian Heußler. Interessant sei auch, dass die Trauben erkennbar lockerer hängen und kleinbeeriger ausfallen. Auch weniger Fäulnis und Pilzkrankheiten habe man festgestellt.

Es muss nicht gedüngt werden. Die Rebe impft sich selbst, die Natur übernimmt das. "Weine aus gutem Grund", sagt sein Vater, "weniger Schädlinge, weniger Pilzbefall, generell weniger Krankheiten. Die Natur hilft sich selbst, wenn man sie in Ruhe lässt." Lange haben sie nach einem geeigneten Namen für das Etikett gesucht. Dann fanden sie ihn: "Rosswingert". "Einfach und gut", sagt Herbert, "ein Name, der zu uns passt."

Überbrücken geht nicht

Am frühen Abend zuckeln Herbert und Rico mit dem Wagen noch auf eine nahe gelegene Wiese. Der Winzer holt die Sense raus. Frisches Abendessen für die Gäule. Und wenn er dann auf dem Bock sitzt und heimwärts juckelt, "ist das wie Urlaub, nur ohne Kofferpacken", sagt Herbert, der nun müde und zufrieden ist. Er pfeift ein Lied. Maschinenwinzer aus dem Dorf rauschen auf ihren Traktoren heran und vorbei. Er lässt sich davon nicht beeindrucken. Er hat andere Einheiten, um Zeit und Aufwand zu messen. Herbert ist der Langsame, der Entspannte.

Und kurz vor der Einfahrt zum Dorf steht einer seiner Kollegen am Wegesrand, er hat ein Problem mit dem Motor. Er hat die Kühlerhaube aufgeklappt, liegt unter dem Schlepper und flucht. Doch die Maschine will nicht mehr anspringen. Gemächlich trabt Rico heran. "Überbrücken geht nicht", ruft Herbert und grinst. "Soll ich dich abschleppen?"



insgesamt 9 Beiträge
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taglöhner 25.09.2018
1. Ponyhof für Nordlichter
Mein Gott, was man Städtern so alles auftischen kann :). Wenn das Ross den Unterschied machte, wäre es Standard im Premium-Sektor. Weitgehend maschinenfrei erzwingen mitunter Steillagen. Die Qualität bewirkt dort aber die Exposition. Bei einem Sommer wie diesem auch Wurst. Herausragender Coup von Sohnemann Jürgen jedenfalls, sein Gut Ahnungslosen in Ballungszentren zu präsentieren. Besonders in einem Jahr wie diesem arbeiten bei uns in Baden jedenfalls praktisch alle Winzer und Weingüter im Prinzip Bio. In einem wie dem letzten würde das aber ohne Fungizide Totalverlust bedeuten (und hat, bei den Biowinzern). Das ist der wahre Grund für die Hemmung, ein Siegel zu führen. Ein Opa, der noch seinen Gaul einspannt findet sich hier im Lokalteil fast jede Woche.
derdudea 25.09.2018
2. Eigene Erfahrung
Aus eigener Erfahrung kann ich die Weine der Heußlers nur empfehlen, ich habe seit 15 Jahren immer mal wieder dort eingekauft. Dass sie wirklich noch mit Pferden arbeiten wusste ich aber nicht, obwohl ich manche Stunde in der Probierstube verbracht habe. Offenbar hat man das bisher nicht zum Marketing genutzt. Sehr gute Weine, ein Stück unterhalb der Pfälzer Spitze, aber deutlich oberhalb der Wald- und Wiesen- Winzer, die es dort auch gibt. Hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis gerade bei den einfachen Weinen. Wer meint, aus Sparsamkeit nur Supermarktweine kaufen zu können, der hat angesichts der Literrieslinge um die 4 Euro (aktuell wahrscheinlich etwas darüber) dafür keine Entschuldigung.
helkaruthion 25.09.2018
3. Herrlich....
Was ein für den verträumten Städter geschriebener "Kappes" wie man bei uns an der Mosel sagt... "Ab Oktober arbeitet Herbert Heußler mit Rico im Wingert, um den von der Lese strapazierten Boden auf den Winter vorzubereiten." Inwiefern strapaziert die Lese den Boden? Wenn dort sowieso nicht maschinell gearbeitet wird, dann strapazieren die paar Menschen, die von Hand dort ernten den Boden ungefähr überhaupt gar nicht. Jedenfalls nicht mehr als ein 700kg schweres Pferd, dass dort sonst durchläuft... "Der Pferdemist wird als Dünger verteilt." Und hoffentlich ordentlich mit allem notwendigen Pipapo nach neuer Düngeverordnung dokumentiert. Just als der Autor vor Ort ist, fährt man an zusammengebrochenen Traktoren vorbei und hat ein lustig' Sprüchelein für den Motorknecht parat. Abends sitzen sie in der von Kerzenschein erhellten Wohnung und stricken. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann pflügen sie noch heute... (... die anderen 15ha mit dem Traktor)
taglöhner 25.09.2018
4.
Zitat von derdudeaAus eigener Erfahrung kann ich die Weine der Heußlers nur empfehlen, ich habe seit 15 Jahren immer mal wieder dort eingekauft. Dass sie wirklich noch mit Pferden arbeiten wusste ich aber nicht, obwohl ich manche Stunde in der Probierstube verbracht habe. Offenbar hat man das bisher nicht zum Marketing genutzt. Sehr gute Weine, ein Stück unterhalb der Pfälzer Spitze, aber deutlich oberhalb der Wald- und Wiesen- Winzer, die es dort auch gibt. Hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis gerade bei den einfachen Weinen. Wer meint, aus Sparsamkeit nur Supermarktweine kaufen zu können, der hat angesichts der Literrieslinge um die 4 Euro (aktuell wahrscheinlich etwas darüber) dafür keine Entschuldigung.
Wenn Sie sich nicht trauen, die "Wald- und Wiesenwinzer", die Sie da im Auge haben zu benennen, sollten Sie es lieber ganz lassen, offen vergleichende Werbung zu machen. Auch die Pfalz hat inzwischen eine große Anzahl, piekfeiner (Qualität, nicht Preis) kleiner Güter, zu denen sich kein SPON-Redakteur zufällig (?)verirrt. Sage ich als Badener (denen Dornfelder ein Gräuel ist).
staffriend 25.09.2018
5. Badener
Hat da ein Badener seinen Minderwertigkeitsgegühlen freien Lauf gelassen? Natürlich habt auch ihr gute Weine. Natürlich gibt es in Badnerland auch Weinbauern, welche ihre Weingärten mit Gaul beackern. Doch dieses Jahr ist nun mal ein Bericht über einen Winzer in der SCHÖNEN PFALZ fällig. Und gegen einen Riesling von der Haardt hat der Badische hoffnungslos verloren.
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