WM-Region Kraichgau Grenze des guten Geschmacks

Die Fußball-WM-Spielstätte in Sinsheim wird den verträumten Kraichgau ins Licht der Weltöffentlichkeit rücken: Das Land der tausend Hügel ist Heimat von Multikulti-Wein, Spargel und Maultaschen - aber auch der gepflegten Abneigung zwischen Badenern und Schwaben.

Von Martin Cyris


"Hier, genau hier, verlief die Grenze zwischen Baden und Württemberg." Der Winzer stoppt seinen Wagen und deutet auf einen von Gras überwucherten Streifen in seinem Weinberg. Was früher mit Grenzsteinen und Schlagbäumen markiert wurde, verläuft mittlerweile nur noch in den Köpfen: die alte politische Grenze zwischen Baden und Württemberg. Sie ist heute hauptsächlich eine emotionale.

Im Kraichgau verläuft sie mitten hindurch. Die Region zwischen Odenwald und Schwarzwald ist spätestens, seit 1899 Hoffenheim in der Bundesliga spielt, auch außerhalb von Baden-Württemberg ein Begriff. Und während der Frauen-Fußball-WM wird das Stadion des Clubs in Sinsheim vielleicht auch internationale Berühmtheit erlangen.

Die Grenze verläuft im Weinberg von Jochen Grahm sogar mitten durch den Schwarzriesling. "Die Reben rechts sind Badener, die Reben links Württemberger", sagt Grahm. Der junge Winzer bewirtschaftet Hänge in den Hügeln rund um die Ortschaft Kürnbach im Kraichgau. Ein Zonenrandgebiet mitten in Deutschland, und auch noch im doppelten Sinne. Denn die EU teilt Weinanbaugebiete in Zonen ein. Die württembergischen Trauben gehören zur Weinbauzone A, die badischen zur Weinbauzone B.

Ein kleiner, aber bürokratischer Unterschied. Denn Weine aus unterschiedlichen Anbaugebieten unterliegen unterschiedlichen Vorschriften. Vor allem in der Weiterverarbeitung. Selbst wenn die Trauben nur wenige Handbreit voneinander getrennt reifen. So wächst in Kürnbach zusammen im selben Weinberg, was nicht in denselben Bottich gehört. Baden und Württemberg wurden in der Politik zusammengefügt, aber nicht im Fass.

Ein badisch-württembergischer Multikulti-Wein

Zumindest wenn in diesem Fass deutscher Qualitätswein lagern soll. Denn das Gesetz ermöglicht immerhin Cuvées aus verschiedenen Lagen und Weinbauzonen. Früher hießen solche Tropfen Tafelwein, seit 2009 tragen sie den staatstragenden Titel "Deutscher Wein ohne Herkunftsbezeichnung".

Aber mit Verbrüderungspotenzial. Denn aus seinen Zweizonentrauben keltert Jochen Grahm neuerdings einen badisch-württembergischen Multikulti-Wein. "Grenzgänger" nennt er den bilateralen Rebensaft. Es ist einer der wenigen, wenn nicht gar derzeit der einzige Wein aus dem Südwesten Deutschlands, der Anteile aus Baden und aus Württemberg enthält. Ein Mischling, der mitunter wie ein Bastard behandelt wird. Etwa kürzlich auf einer badischen Weinmesse. Dort musste der "Grenzgänger" draußen bleiben - weil er Anteile aus Württemberg enthält.

Als der versöhnungsbereite Kraichgauer Winzer - übrigens ein Badener - Freunden und Bekannten den Grenzgänger erstmals zum Kosten gab, liefen die Lästermäuler prompt zu Hochform auf. Die Badener unter ihnen meinten, die badischen Trauben darin würden besser munden. Die Württemberger, in der Regel Schwaben, konterten.

Mit ähnlichen Frotzeleien lebt Weinbaufamilie Lutz im benachbarten Oberderdingen - aber nicht unbedingt schlecht. Ihre schmucke Weinstube ist in einem herrlichen Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert untergebracht. Württembergische Maultaschen und badischer Spargel führen auf der Speisekarte eine friedliche Koexistenz.

Ebenso ihre Weine, die in beiden Landesteilen angebaut werden. Gelegentlich weigern sich unverbesserliche Gäste, den Wein aus dem anderen Landesteil zu kosten. "Aber das sind Ausnahmen", sagt Manuel Lutz, der Chef des Weinguts. Dass seine Trauben auf beiden Gemarkungen reifen, sieht er als "Alleinstellungsmerkmal", das sich vermarkten lasse. Toleranz vorausgesetzt. Wobei man sich im Kraichgau erzählt, dass es noch immer Menschen gebe, die nicht ans Telefon gehen, wenn die angezeigte Vorwahl aus dem anderen Landesteil stammt.

Ein Freistaat für den Kraichgau!

Wieder andere, vor allem die jüngere Generation, beschwören den vereinten Geist des Kraichgaus. "Wir Kürnbacher sind Badener, aber schwätzen mit schwäbischer Färbung", sagt Jochen Grahm. "Die Kraichgauer sind so eigen, wir sollten eigentlich einen Freistaat ausrufen."

Kraichgau-Touristen dürften bei diesen lokalen Befindlichkeiten freilich die Welt nicht mehr verstehen. Wobei die Zahl der Besucher, die aus anderen Bundesländern anreisen, überschaubar ist. Selbst aus den nahen Ballungszentren von Stuttgart und Mannheim verschlägt es nur gelegentlich Besucher in den Kraichgau. "Viele, die das erste Mal hierher kommen, sind total baff, wie schön es hier ist", sagt Jochen Grahm.

Um die Region touristisch zu pushen - etwa für Radler und Wanderer - wurde der Kraichgau-Stromberg Tourismus e. V. gegründet. Der Höhenzug des Strombergs ist ebenfalls eine typische Weinbaugegend und geht nahtlos in den Kraichgau über. Die Gegend ist ein unerwartetes El Dorado für Kraxler: In den Felsengärten türmen sich bizarre Formationen auf - ideal für Kletterer. Direkt an ihrem Fuße wird Wein angebaut. Die Steillagen sind zwar bei Weinkennern beliebt, aber bei Winzern gefürchtet - weil die Hänge nur in mühsamer Handarbeit bewirtschaftet werden können. Jede Maschine würde talwärts purzeln. Von den Gipfeln der Felsengärten hat man einen herrlichen Blick auf den Neckar und in den Kraichgau.

Das ist in der Tat weit mehr als Hoffenheim und badisch-württembergische Sticheleien. Es besteht darüber hinaus aus zahlreichen verträumten Weinbaudörfern und herausgeputzten Fachwerkorten. Etwa Oberderdingen, Eppingen oder Kraichtal-Menzingen. Adrette Altstädte haben Bretten und Durlach. Bruchsal ist bekannt für sein Schloss und als Anbaugebiet für delikaten Spargel. In der Nähe von Eppingen wird Tabak angebaut. Zwar ging die Produktion erheblich zurück, doch Tabak aus dem Kraichgau wurde jahrzehntelang zu deutschen Zigaretten verarbeitet.

Herrgottsbscheißerle im Klosterhof

Doch vor allem die vielen sanften Hügel prägen sich ein. Zu Recht nennt sich der Kraichgau das Land der 1000 Hügel. Wenn im Sommer die Felder goldgelb dastehen und sich mit Streuobstwiesen und Weinbergen abwechseln, ist sogar der oft bemühte Vergleich mit der Toskana legitim.

Aus einem solchen Kornfeld taucht auf der Fahrt nach Sinsheim plötzlich das Stadion der TSG 1899 Hoffenheim auf. Die Rhein-Neckar-Arena wirkt wie ein notgelandetes Ufo hinter den sieben Bergen - hat es aber bis zum Fifa-Stadion bei der Fußball-WM der Frauen gebracht. Fährt man nur wenige hundert Meter weiter, ragt plötzlich eine Concorde aus der Landschaft. Der legendäre, inzwischen eingemottete Überschallflieger ist der ganze Stolz des Technikmuseums in Sinsheim.

Ähnlichen Andrang erfährt noch das Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist Unesco-Weltkulturerbe und gilt als die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage nördlich der Alpen. Bei schönem Wetter ist der zentrale Platz des Klosters der reinste Tummelplatz. Auch Touristen aus dem benachbarten Frankreich und der Schweiz zieht es hierher. Für sie ist der Genuss von Maultaschen im Klosterinnenhof ein Muss. Einer Legende nach wurden die schwäbischen Teigtaschen von einem Maulbronner Mönch erfunden - während der enthaltsamen Fastenzeit, um das darin enthaltene Fleisch vor den Augen Gottes zu verbergen. Maultaschen heißen deshalb dort auch Herrgottsbscheißerle.

Ob die Geschichte wahr ist, darüber streiten sich die Historiker. Doch sie ist gewiss eines: skurril. Wie so viele Geschichten aus dem Kraichgau.

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