WM-Stadt Mönchengladbach Immer dem Schnitzel nach

Wer meint, nach Mönchengladbach fahren nur Fußballfans, kann jetzt was lernen: Die Region rund um die WM-Stadt bietet eine fabelhafte Wald-, Wiesen- und Wasserwelt, die zu Radtour und Schnitzeljagd einlädt.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


Wer bei einer Radtour vom Weg abkommt und Hilfe der Einheimischen braucht, der erhält tiefe Einblicke in ihre Seele. Fragt man im Zentrum von Mönchengladbach nach dem Weg Richtung Schwalmtal, erfährt man zwar die besten Adressen für Altbier und Schnitzel in der Stadt - nur keine Straßennamen.

Schon Hanns Dieter Hüsch hatte einst gewarnt: "Der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären." Und zwar ausschweifend. Der Kabarettist aus Moers ist vor bald sechs Jahren gestorben, aber sein Spruch lebt - im niemals zu enden scheinenden Redeschwall der Niederrheiner. Die sagen über sich selbst: Wir reden gar nicht viel, wir reden ununterbrochen.

Selbst wenn sie einfach nur nach dem Radweg gefragt werden. Als desorientierter Radler sollte man deshalb entweder ein Navi an den Niederrhein mitbringen oder etwas Geduld. Denn die Antwort des Gefragten kann sich länger hinziehen als das Suchen.

Nach Gesprächen über Schnitzel und Schleichwege kann die Rundfahrt losgehen. Nach Mönchengladbach, so sagen Lästermäuler, reist man hauptsächlich des Fußballs wegen. Das etwas außerhalb, im Borussia-Park gelegene Stadion ist derzeit Schauplatz der Frauen-Fußball-WM. Aber vor allem die ländliche Umgebung im Naturpark Maas-Schwalm-Nette ist eine Reise wert und Mönchengladbach die ideale Basis für Touren in die weitläufige Wald-, Wiesen- und Wasserwelt des Parks.

Radeln zu Museen und Münster

Die einzigen nennenswerten Erhebungen der Tour befinden sich an Start und Ziel: der Abteiberg in Mönchengladbach mit dem Münster St. Vitus, malerischer Blickfang in der Altstadt. Und nicht zu vergessen der legendäre Bökelberg, jahrzehntelang Pilgerstätte der Fußballfans, bis die Spielstätte der Borussia vor einigen Jahren an den Stadtrand verlegt wurde.

Analog zu den Tabellenplätzen der Gladbacher Kicker in den vergangenen Jahren geht's erst einmal abwärts. Von der Altstadt Richtung flaches Land. Deshalb ist der Naturpark Maas-Schwalm-Nette wie geschaffen für Radler. Ohne größere Anstrengungen schafft man weite Distanzen. Von Mönchengladbach aus rollt man eine starke, aber mühelose Stunde nach Brüggen, wo man die sogenannte MuSeen-Tour mitmachen kann. Sie zieht sich rund 40 Kilometer durch den malerischen und vielerorts einsamen Naturpark, in dem es 20 Infozentren und eine Reihe von Museen gibt.

Am südwestlichen Stadtrand von Mönchengladbach lässt man das Borussia- und derzeitige WM-Stadion links liegen und strampelt ein Stück auf der Europa-Fahrradroute durch den Hardter Wald. Weiter nach Schwalmtal, durch das hübsch herausgeputzte Dörfchen Born am Borner See bis nach Brüggen. Alles vorbildlich ausgeschildert, so dass Fragen nach dem Weg vorerst überflüssig sind - und einem weitere Schnitzeltipps erspart bleiben.

Sonntags: Shopping

In Brüggen erwartet den Radler ein historischer Ortskern. Doch die kleine Gemeinde ist in fast ganz Nordrhein-Westfalen eher wegen der verkaufsoffenen Sonn- und Feiertage bekannt. Zwischen März und Oktober haben die Geschäfte in der Brüggener Fußgängerzone dann geöffnet und ziehen Kauflustige von Rhein und Ruhr an. Und zwar schon seit Zeiten, in denen in anderen Bundesländern noch über den Sinn und Zweck von flexiblen Ladenöffnungszeiten gestritten wurde.

Volle Einkaufstüten sind freilich nicht das, was Radtouristen am Niederrhein in der Regel suchen. Eher leere Landstriche. Sobald man in Brüggen in die MuSeen-Tour eingefädelt ist, wird's von Meter zu Meter natürlicher und unberührter. Auf dem Weg gen Norden radelt man durch den Grenzwald zu den Niederlanden, einem Naturschutzgebiet und Teil des Naturparks Maas-Schwalm-Nette. Dieter, ein Parkguide, hat sich mittlerweile zu mir gesellt.

Kiefern- und Laubwälder wechseln sich mit Tümpeln, Moor- und Heideflächen ab. Viele Wege sind als Alleen angelegt. Eines haben sie alle gemeinsam: die Stille. Höchstens das Rascheln der Blätter sorgt für einen lauschigen Klangteppich.

"Manche blicken's einfach nicht"

Innerhalb des Naturschutzgebiets befindet sich das Naturerlebnisgebiet Holtmühle-Galgenvenn. Der Begriff "Venn" bezeichnet eine Sumpf- und Moorlandlandschaft - links und rechts der Wege liegen Tümpel und Sumpfwiesen. In manche ragen Holzstege. Ideal für eine kleine Rast. Möglichst ohne Redeschwall, sonst sieht man von der Tierwelt nicht viel.

Doch diese und andere Kausalzusammenhänge in der Natur scheinen nicht jedem erwachsenen Besucher klar zu sein. "Plitsch, platsch" - und weg ist der erschrockene Frosch, der sich gerade noch auf einem Teichrosenblatt sonnte. "Manche blicken's einfach nicht", mosert Dieter über die Umwelttrampel am Steg. Infozentren schaffen Abhilfe und klären auf, wie das so läuft, im Freien.

Im Galgenvenn tummeln sich nicht nur allerhand Amphibien und Libellen, die für flüchtige Farbtupfer sorgen, sondern auch viele Niederländer. Denn der Naturpark überschreitet seit 2002 die Grenzen. Auf niederländischer Seite begrenzt die Maas den Naturpark. Am Rande des Galgenvenns erhält man schöne Ausblicke in das Flusstal - und auf einen Campingplatz, kurz hinter der Grenze, auf der Höhe von Belfeld. Zur Freude des verausgabten Radlers gibt es dort auch einen Badesee mit Quellwasserqualität, der an heißen Tagen für Abkühlung sorgt.

See und Kaffee als Belohnung

Wer's mit einer Erfrischung nicht ganz so eilig hat, strampelt weiter bis zu den Krickenbecker Seen - dem landschaftlichen Höhepunkt der Tour. Wie die vier Blätter eines Kleeblatts schmiegen sie sich aneinander, einst entstanden sie durch den massenhaften Abbau von Torf. "Der Torf wurde zum Heizen verwendet", erklärt Dieter, "und zum Kochen und Backen."

Der Gedanke daran macht Appetit. Es ist Kaffeestunde - und Kuchen soll am Niederrhein ganz besonders gut schmecken. Auch den vielen niederländischen Besuchern schmeckt's: "Die futtern schon morgens Kuchen und Sahnetorten", erzählt Dieter und verheißt ein nettes Ausflugslokal. Der Heißhunger lässt uns in die Pedale treten, wir fahren vorbei an Pferdekoppeln und Kutschen, Klinkerhäuschen und Kopfweiden.

In einem Ortsteil von Nettetal kreuzt der Radweg eine viel befahrene Straße. Vor einem Stoppschild hat jemand einen Holzpfahl in den Boden gerammt und eine Pappe mit dem Hinweis "Pas op" daran genagelt. "Leider sprechen immer weniger Menschen fließend Plattdeutsch", sagt Dieter. Genau wie er selber. Aber immerhin verstehe er es.

Am Rande von Bonesend, einem weiteren Ortsteil von Nettetal, stellen wir die Räder ab. Das Ausflugslokal "Schänzchen" ist ein beliebter Treffpunkt für Radfahrer und Tortenheber. Die Grillagetorte ist Niederrheiners Liebling und eine Kalorienbombe par excellence: Baiser, Krokant, Sahne und Schokostückchen. Da kommen selbst Tour-de-France-Fahrer wieder auf Hochtouren.

Unser Ehrgeiz ist für heute gestillt. Wir lassen den Tag im Biergarten des Lokals, einen Steinwurf vom Breyeller See entfernt, ausklingen. Der Wirt kommt mit einem Tablett frisch gezapftem Altbier an unseren Tisch. Dieter rafft seine rudimentären Plattkenntnisse zusammen und ruft in die Runde: "Man hätt flott e dröppke te wennich jedronke". Und schon steht wieder der Wirt auf der Matte: "Was zu essen?" Was er denn empfiehlt? "Schnitzel."

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Onkel Helmut 13.07.2011
1. Linker Niederrhein
Netter Artikel, der Erinnerungen wachruft. Diese Gegend ist für mich vor allem eins: Heimat! Auch wenn ich dort seit etlichen Jahren nicht mehr lebe, besuche ich sie gerne (und fahre met de Fiets) und bin auch fernab immer über die Borussia informiert. Dass das Platt verlorengeht, hat mit dem "Hochdeutsch-Wahn" zu tun. Zu meiner Schulzeit wurde derjenige, der Platt sprach (mit oder ohne "Mich-statt-mir"-Fehler wie in: "Tu mich ma die Butter.") als Dummkopf mit fehlender Bildung abgetan. Da wäre man ja blöd, wenn man offen Dialekt spricht. Meist bekommt man als Niederrheiner gesagt, man lebe am Ende der Welt; Berti Vogts kann davon ein Lied singen. Das Viereck Venlo - Krefeld - Düsseldorf - Mönchengladbach gehört aber zu den dichtbesiedelsten Gebieten Deutschlands, dort sind viele Stammsitze wichtiger Firmen angesiedelt, man hat exzellente Verkehrsanbindungen in alle Himmelrichtungen (inkl. mehrere internationale Flughäfen in weniger als 60 km Entfernung) und dabei bekommt man *gleichzeitig* die beschriebene Landschaft, Ruhe und Gemütlichkeit (und die etwas kauzigen, aber liebenswerten Menschen) - das ist phänomenal! Oh, ich glaube, ich habe soeben Heimweh bekommen. ;-)
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