WM-Stadt Wolfsburg: Volkswurst ab Werk

Von Martin Cyris

Autos, Autos, Autos - sonst ist Wolfsburg vielen wurscht. Doch die Stadt müht sich, ihr graues Image loszuwerden, wobei ihr ausgerechnet die Currywurst aus der VW-Werkskantine hilft. Das Leckerli gibt es sogar in einer Lady-Version und ist die heimliche Liebe der Fußball-WM-Touristen.

WM-Stadt Wolfsburg: Hier geht's um die Wurst Fotos

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Endlich. William steht vor ihr. Sie glänzt matt. Der US-Amerikaner aus Texas lächelt das Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er sein Geld in wenigen Sekunden in das Richtige investieren wird. Für einen kurzen Moment schließt er die Augen und atmet tief ein. So hatte er sie sich vorgestellt. So wollte er sie persönlich in Empfang nehmen. In Wolfsburg, der Autostadt, von der William schon in den USA gehört hatte.

Die Formalitäten sind schnell erledigt. Geld gegen Ware. Herr Papenbrock lächelt das Lächeln eines erfolgreichen Verkäufers. Sie, das ist nicht etwa eine Luxuslimousine aus der Autostadt. Sie hat weder PS, noch kW. Sie hat kJ - Kilojoule. Denn sie ist eine Wurst. Eine Currywurst. Eine ganz besondere.

Denn sie läuft gewissermaßen bei Volkswagen vom Band. Auf dem Gelände des Autobauers werden jährlich mehr Würste als Wagen gefertigt. Die VW-Currywurst ist somit der Käfer unter den Würsten. Dabei war sie mal ausschließlich zur Werktätigenversorgung gedacht, denn ein ehemaliger Küchenchef hatte sie Anfang der siebziger Jahre für die Arbeiter in den Kantinen kreiert - mitsamt einem speziellen Ketchup.

Die Wurst als Nabelschnur für Ehemalige

Aber mittlerweile hat die Currywurst den Evolutionssprung geschafft - von der Kantinenwurst zum Must-Have-Teil an der Frittenbude. "Die originale Currybockwurst von Volkswagen" steht auf einem Schild über Bellas Imbiss, dem Stand der Familie Papenbrock. Es ist die einzige Imbissbude in Wolfsburgs Innenstadt, die die heiße Ware verkauft.

Weit über 30.000 Stück gehen pro Jahr über die Theke. Touristen stürzen sich auf das zartrosa Teil genauso wie die vielen Stammgäste. Auch bei schwedischen Schlachtenbummlern der Frauenfußball-WM, die in der Stadt gastierten, kam die Wurst gut an. Zuvor bei den Fans aus Mexiko und England, Brasilien und Norwegen.

Es gibt Wurstfans, die den Papenbrocks hinterher reisen, wenn sie mit ihrem Imbisswagen auf Märkten in Hildesheim oder Braunschweig Station machen. In der Regel VW-Rentner, die nicht von Wurst und Werk lassen können. Die Wurst als Nabelschnur für Ehemalige, sozusagen.

Auch William schmeckt's: "Yeah man, I like this wurst!", bricht es aus ihm hervor. So hatte er sie sich vorgestellt, seine erste Currywurst made in Germany. William ist derzeit auf Deutschlandreise. Seine Frau gehört zum Betreuerstab der US-Fußballerinnen, die in Deutschland bei der WM gegen den Ball treten. Unter anderem in Wolfsburg. Wurst zu essen stand natürlich auf dem Besuchsprogramm. "Die amerikanischen Würste sind mies", sagt William, "aber die hier machen dich süchtig."

Heimat des Nationalhymnen-Dichters

Volkswagen - die Automarke kannte William natürlich. Als Student in den Siebzigern fuhr er einen Bulli. Von Wolfsburg hatte er deshalb auch schon gehört. Aber sonst wusste William nichts von der Stadt. Willkommen im Club! Denn außerhalb von Niedersachsen haben vermutlich auch die meisten Deutschen ein eher wurstiges Verhältnis zu Wolfsburg. Motto: Wolfsburg - was ist das eigentlich?

Klar, Wolfsburg ist Unternehmenssitz eines großen Autobauers. Ist Heimat von Autoklassikern wie dem Käfer, dem Bulli, dem Polo, dem Golf. Wolfsburg ist Heimat eines Fußballvereins, der vor zwei Jahren Deutscher Meister wurde. Und sonst?

Wolfsburg ist eine junge Stadt, und trotzdem gab es auf ihrem Boden schon vor Jahrhunderten Menschen, die Bemerkenswertes geschaffen haben. Etwa August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Seinen Text werden die deutschen Fußballspielerinnen am Samstag im WM-Stadion von Wolfsburg intonieren, wenn sie die Deutschland-Hymne schmettern. Der Dichter stammt aus Fallersleben, das heute ein Stadtteil von Wolfsburg ist.

Und noch? Wolfsburg hat ein malerisches Schloss, dessen Umriss früher millionenfach auf Autolenkrädern prangte. Es gibt ein innen wie außen sehenswertes Theater, das vom berühmten Architekten Hans Scharoun gebaut wurde. Es gibt ein Kunstmuseum, das in der Lage ist, Warhol- oder Giacometti-Ausstellungen zu stemmen. Es gibt eine Fußgängerzone - aber die kann man getrost vergessen.

Eher im Gedächtnis haften bleibt der Allerpark - ein Freizeitgelände, in dem man sogar Wasserski fahren kann. Und es gibt natürlich die Autostadt. In dem weitläufigen Erlebnispark dreht sich alles um die Vehikel aus Wolfsburg. Und ganz wichtig: Er ist öffentliche Ausgabestelle für die Currywurst. Denn Autos mögen zwar von vielen geliebt werden, aber Liebe geht immer noch durch den Magen. In Wolfsburg vielfach in Form einer Currywurst ab Werk.

Wenig Fett, kein Phosphat

"In diesem Jahr wollen wir zum ersten Mal die Fünf-Millionen-Marke knacken", sagt Francesco Lo Presti. Der Fleischereimeister ist Produktionsleiter in der werkseigenen Fleischerei. Seit 32 Jahren arbeitet er in der Wurstfertigung. Er habe seitdem an jedem Arbeitstag Currywurst verdrückt, versichert er.

Da ist er nicht allein: "Es gibt viele Arbeiter, die täglich eine Currywurst essen", sagt Lo Presti. Der 51-Jährige ist schlank, man sieht ihm seinen Konsum nicht an. Er führt das auf den vergleichsweise geringen Fettanteil in den Currywürsten zurück.

Außerdem werden ihr weder Phosphat noch Milcheiweiß zugesetzt. Das macht die Wurst schön bissfest und schmackhaft. Die Normalversion ist übrigens 22 Zentimeter lang. Es gibt noch eine etwas kürzere, die bei Heimspielen des VfL Wolfsburg angeboten wird. Außerdem eine Lady-Version für weibliche VW-Mitarbeiterinnen, denen die 22-Zentimeter-Version zu lang ist.

"Die Wolfsburger Currywurst schmeckt besser als die Berliner", sagt Olaf Papenbrock, "und das sage ich als gebürtiger Berliner." Die Hauptstädter sind bereits auf das Wolfsburger Erfolgsmodell aufmerksam geworden. Das Currywurstmuseum in Berlin zeigt ein kurzes Dokumentarvideo über die Wurstschwester aus Wolfsburg.

Der Spielplan der Fußball-WM will es, dass am Samstag Deutschland auf Japan trifft. Für die Fans beider Lager ein Segen. Denn sie können sich in Wolfsburg in den siebten Wursthimmel essen.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. nix gegen Wolfsburg
veritas77 09.07.2011
aber die Currywurst kommt allgemein bei Touristen sehr gut an. Hier in Do haben wir Wurst Willi. Dort hab ich schon Freunde aus den USA, England und Kanada hingeführt, weil ich denen im Internet über "the german currywurst" erzählt habe. Und es stimmt wirklich, ich habs getestet, Amerikanische Würste sind mies dagegen.
2. .
ThomasPr 09.07.2011
Zitat von sysopAutos, Autos, Autos - sonst ist Wolfsburg vielen wurscht. Doch die Stadt müht sich, ihr graues Image loszuwerden, wobei ihr ausgerechnet die Currywurst aus der VW-Werkskantine hilft. Das Leckerli gibt es sogar in einer Ladyversion und ist die heimliche Liebe der Fußball-WM-Touristen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,772994,00.html
Ich gönne denen ihre Wurst, die jetzt ein bischen internationales Flair in die Reisbrettsiedlung bringt. Wolfsburg ist eine der grauesten Städte, die ich kenne. Ein Kunstprodukt mit hochgeklappten Bürgersteigen ab 21:00 Uhr.
3. wolfsburg?
Fhainer13 09.07.2011
currywurst ist berlin und berlin isst currywurst. mehr gibt es da nicht zu sagen!
4. Die gute VW Cwurst
avn 09.07.2011
hab ich diese Woche noch im Werk gegessen ;) Schmeckt eigl ganz gut!
5. Berlin?
myanus 09.07.2011
Zitat von Fhainer13currywurst ist berlin und berlin isst currywurst. mehr gibt es da nicht zu sagen!
Den Schmarrn glauben auch nur Berliner. Die Heimat der Kürriwuast ist und bleibt der Ruhrpott.
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