Wohnen in Neuschwanstein: Meine Adresse? Wolkenkuckucksheim!

Von Oliver Lück

Millionen Touristen träumen von dieser Wohnung: Markus Richter lebte als Schlossführer jahrelang in Neuschwanstein, vier Zimmer, 130 Quadratmeter. Der jetzige Verwalter des berühmten Baus kennt dort jeden Winkel - dumm nur, dass er mit Menschenmassen so seine Probleme hat.

Neuschwanstein: Märchenschloss als Touristenmagnet Fotos
Oliver Lück

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Morgens gegen sieben kann es passieren, dass man vor dem Schloss Neuschwanstein ganz alleine ist. Der Märchenmythos schläft jetzt noch. Doch schon im nächsten Augenblick können 60 Südkoreaner auftauchen. Sie kichern, fotografieren und sind nach fünf Minuten - auf ein Zeichen der Reiseleiterin hin - wieder verschwunden. Und dann ist man wieder alleine. Und da steht dieses Schneewittchenschloss mit seinen Zuckerbäckertürmchen, und man fragt sich kurz, ob das gerade wirklich passiert ist. Dann kommen 60 Japaner um die Ecke, kichern und fotografieren. Und nach fünf Minuten reckt die Reiseleiterin einen langen Stab in die Luft, an dessen Ende ein rosa Delfin baumelt. Das ist das Zeichen: Die Japaner folgen dem Delfin.

Markus Richter kennt das Gefühl, von vielen Menschen umringt zu sein. Er mag es nicht besonders. Viele Jahre hat er die Touristen durch den Königspalast geführt. Jetzt sitzt er in einem Besprechungsraum im Südflügel. An der Wand hängen Grundrisse vom Schloss und seinen 80 Zimmern. Auf der Fensterbank steht ein Miniaturmodell. Wer durch das Fenster über den Innenhof blickt, kann dort den Strom von Besuchern sehen, der sich fortwährend durch die Gänge schiebt. In 15 Sprachen werden die Führungen mittlerweile angeboten.

Innerhalb von 30 Minuten wird jede Gruppe durch 30 Räume geschleust. Im Sommer passieren täglich 8000 Menschen die Drehkreuze, im Winter sind es rund 2000. Insgesamt 1,34 Millionen waren es im Jahr 2010. Kein anderes deutsches Bauwerk wird so sehr mit Sehnsüchten und Romantik verknüpft. Die Leute lieben den wildromantischen Kitsch, der am Abend, wenn die Sonne untergeht und das bayerische Wolkenkuckucksheim in ein zartes Rosa taucht, seinen Höhepunkt erreicht.

Ein Schloss, zwei Gesichter

Seit sieben Jahren ist Markus Richter Kastellan in Neuschwanstein, einer der Schlossverwalter, die den Führungsbetrieb organisieren, die Konzerte und Ausstellungen veranstalten, die den Laden am Laufen halten. Er sagt: "Neuschwanstein hat zwei Gesichter, es gibt den Trubel am Tag und die Ruhe am Abend."

Und dann sagt er einen Satz, den ein Kastellan eigentlich nicht sagen sollte, da er ja ausnahmslos Werbung für sein Schloss machen sollte. Er sagt: "Erst ohne Publikum entfaltet das Schloss seine ganze Schönheit." Wenn die letzten Gäste gegangen sind und er das große Eingangstor abschließt, legt sich eine erschöpfte Stille über die Burg. Wenn keine Fotoapparate mehr klicken. Wenn kein Laut mehr durch meterdicke Mauern dringt. Wenn von der Pöllatschlucht ein Wind heraufzieht und mit einem sanften Heulen durch den Schlosshof streift - "dann ist man weit weg von der Wirklichkeit", sagt Richter, "dann ist das ein wirklich magischer Ort."

Der 39-Jährige ist in Sichtweite zum Schloss aufgewachsen. Sein Elternhaus liegt in Alterschrofen, unten am Schwansee. Oft haben Touristen bei den Richters im Garten gestanden und fotografiert. Australier, Amerikaner oder Chinesen haben geklingelt und nach dem Weg oder anderen Dingen gefragt. "Die ganze Welt stand bei uns vor der Tür." Erst mit 18 aber war er selber das erste Mal hier oben. Er brauchte einen Ferienjob, es wurden Schlossführer gesucht. "Es ging ums Geldverdienen, Neuschwanstein interessierte mich gar nicht", gesteht er, "aber so fing das alles an." Fast 14 Jahre hat er dann als Guide gearbeitet, zunächst nebenher zum Studium, dann in Vollzeit.

Privattour für Mr. President

Auch heute noch kommt manchmal der Schlossführer in ihm durch. Wenn er erzählt, wie aus dem bayerischen Märchenprinzen Ludwig dem Zweiten ein Schattenkönig wurde, wie der Bau des Schlosses Millionen von Goldmark verschlang, wie 14 Holzschnitzer vier Jahre an den Verzierungen des Schlafzimmers arbeiteten. Dann ruft er Daten und Fakten ab und verfällt für einen Moment in einen monotonen Singsang. Einmal hat er eine Privatführung für Bill Clinton und Edmund Stoiber machen dürfen. Das ganze Schloss wurde damals gesperrt, höchste Sicherheitsstufe - für Clinton, Stoiber und Richter. Zwei Stunden sind die drei durch den Palast geschlendert. "Der Clinton war echt nett", erzählt er, "er hat mich noch auf einen Kaffee eingeladen, aber kein Geld dabei gehabt. Einer seiner Adjutanten hat dann bezahlt."

Lange konnte Markus Richter Menschen in ungläubiges Staunen versetzen, wenn er auf einer Party nach seinem Wohnort gefragt wurde: "Ich lebe auf Schloss Neuschwanstein", sagte er dann. Fast fünf Jahre wohnte er hier zur Miete. Vier Zimmer, 130 Quadratmeter, traumhafte Lage. Einmal hat er sich selbst eine Postkarte aus Tunesien geschickt. "An das große, weiße Schloss in Bayern", hat er drauf geschrieben, mehr nicht. Die Karte ist angekommen.

Am Anfang jedoch brauchte er einige Monate, bis er sich an das Leben im Schloss gewöhnt hatte. In den ersten Wochen war er jeden Abend auf Entdeckungsreise. Jeder Winkel wurde erkundet: "Ich war aufgeregt wie ein kleiner Junge."

Und weil es damals noch keinen Sicherheitsdienst gab, musste er auch nachts mit der Taschenlampe los und nachsehen, wenn irgendwo Alarm ausgelöst worden war. "Alle drei Wochen gab es einen Fehlalarm. Doch nie war wirklich etwas." Nur einmal entdeckte er bei seiner Schließrunde am Abend eine Frau in einem Abstellraum. Die vielleicht 50-Jährige hatte sich dort versteckt, um einmal im Schloss zu übernachten. Ansonsten klingelten nachts regelmäßig Leute. Manche campierten sogar vor dem Eingang. Irgendwann stellte er die Klingel einfach ab. Wenn sich bei Wetterumschwung die alten Holzdielen dehnten und knallten, als hätte jemand eine schwere Tür zugeschlagen, saß er vor Schreck senkrecht im Bett.

Flucht auf den Schlossturm

Wer mehr über Richter erfahren will, muss mit ihm auf die Schlosstürme steigen. Das sind seine Lieblingsorte. Er sagt: "Dieser Wechsel der Perspektive tut mir gut. Hier oben komme ich auf frische Gedanken." Er steht an der Brüstung des wuchtigen Viereckturms, der - wie alle drei Türme - für Besucher gesperrt ist. "Berge, Kühe, Dörfer", sagt er, "das ist das Allgäu." Im Norden der Forggensee. Im Osten der Tegelberg. Im Süden der über 2000 Meter hohe Säuling und die Pöllat, die sich 45 Meter tief in die Schlucht stürzt, wo sie zu einem freundlichen Flüsschen wird. Im Westen der Alpsee, der Schwansee, das Schloss Hohenschwangau und dahinter das Zackenpanorama der österreichischen Voralpen.

Markus Richter ist gerne hier oben, wegen der Aussicht - aber vor allem weil der Trubel dann dort unten ist und nicht an ihn rankommen kann. Mittlerweile meidet er die Massen. "Ich bin etwas menschenscheu geworden", sagt er, "durch meine Arbeit mit den vielen Touristen in den engen Räumen."

Neuschnee in Neuschwanstein

Manchmal träumt er, dass er von vielen Menschen umgeben ist. Manchmal entdeckt er im Schlaf Räume, in denen er noch nie gewesen ist. Und früher hat er nachts sogar regelmäßig seinen Text aufgesagt, den er bei den Führungen immer erzählt hat. Seine Frau hat ihn dann geweckt: "Markus, das war alles bloß ein Traum." Die beiden haben sich auf Neuschwanstein kennengelernt. Auch sie ist Schlossführerin gewesen. Markus Richter sagt über sich selbst, dass er kein Romantiker ist, aber den Heiratsantrag hat er ihr trotzdem hier oben auf dem Turm gemacht. "So eine Möglichkeit musste ich natürlich nutzen."

Auch seinen 30. Geburtstag feierte er damals mit 100 Gästen im Schloss. Als der Letzte ging, standen die ersten Besucher vor der Tür. Und sein erster Sohn wäre beinahe in Neuschwanstein zur Welt gekommen. Es war Januar und ein Meter Neuschnee gefallen. "Ich musste noch schippen", erzählt er, "da hätten wir es fast nicht rechtzeitig nach unten geschafft."

Er schaut hinunter in den Innenhof und sieht die Menschen, wie sie in der langen Schlange vor dem Einlass warten. Wenn so viele Leute aus so vielen Ländern aufeinandertreffen, kann es zu lustigen Begegnungen kommen. Wie an einem der Aussichtspunkte etwas unterhalb des Schlosses, wo ein weißbärtiger Bayer mit Trachtenhut und Lederhose steht. Er hat eine kleine Schatulle aufgestellt und in mehreren Sprachen "Danke" auf ein Schild geschrieben. Dazu hat er ein Foto geklebt, das ihn neben einer Asiatin zeigt. Ein Japaner macht einen Schnappschuss und wirft ein paar Münzen in die Schachtel. "Dommo Arreegatto", brummt der Bayer. "Des passt scho", sagt der Japaner in perfektem Bayrisch, "i bin in Münchn geboan."

Markus Richter geht nun die Stufen des Turms wieder hinunter. Unten angekommen, muss er kurz an einer Stelle durch die Schlange der Besucher hindurch. Es sind nur wenige Sekunden. Er steht jetzt zwischen den Menschen und muss einige Meter im Strom mitschwimmen. Dann aber zieht er seinen Generalschlüssel aus der Hosentasche und öffnet die nächste Tür. Er geht hindurch. Die Menschen gucken ihm hinterher. Die Tür fällt zu. Er wirkt erleichtert.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Ist denn...
gossifu 20.09.2011
...die Wohnung nu frei? Oder hab ichs nur überlesen?
2. jamei
wolltsnursagen 20.09.2011
Zitat von gossifu...die Wohnung nu frei? Oder hab ichs nur überlesen?
jo.. eben. ich such auch ne günstige studentenbude nähe münchen. in wg-gesucht ist sie noch nicht drin...
3. [Spekulation]
doitwithsed 20.09.2011
Zitat von gossifu...die Wohnung nu frei? Oder hab ichs nur überlesen?
Wenn ich es mir richtig zusammenreime, hat er während seiner nebenberuflicher Schlossführerzeit dort gewohnt, aber nun als hauptberuflicher Verwalter und Familienvater aber eine (größere?) externe Wohnung (Häuschen im Grünen?). [/Spekulation]
4. Feierabend!
avollmer 20.09.2011
Wenn man in leitender Stellung Verantwortung trägt, kommt man nur zum Feierabend, wenn man sich räumlich entfernt, sonst wird man dauernd gestört. Vor allem sieht man dann nicht dauernd aus dem Fenster auf die Arbeit.
5. Passiert den Meisten
willem.fart 20.09.2011
Wer die Menschen in Massen kennengelernt hat, flüchtet vor Menschen. Was nur schwerlich ein Kompliment bedeutet.
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Nadide Fuchs

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.

Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.

Webseite Lück und Locke


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