Von Denis Krick
Vom tiefsten Süden in den hohen Norden: einmal zu Fuß durch Deutschland. Knapp 1100 Kilometer ohne Geld, ohne Zelt und als Proviant nur eine Wasserflasche und ein paar Energieriegel im Gepäck. Warum tut sich ein junger Bankazubi solch eine anstrengende Reise ins Ungewisse an? "Ich war auf der Suche nach dem nächsten Kick", sagt Raphael Kusch. "Davor war ich trotz Höhenangst mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen und als Kletteranfänger auf die Zugspitze gekraxelt." Bei der Wanderung sei es ebenfalls darum gegangen, die eigenen Grenzen auszuloten.
Kusch wollte seinen eigenen Schweinehund überwinden. Die anstrengende Tour durch Deutschland folgte nicht einer politischen Idee oder war als Gesellschaftskritik gedacht. "Es war für mich eine sportliche und mentale Herausforderung", sagt er. "Schaffe ich es oder schaffe ich es nicht, das war die Frage."
22 Tage und 23 Stunden hat Kusch für den Trip gebraucht. Gestartet war der 22-Jährige im bayerischen Einödsbach, einem Ort mit gerade mal einer Handvoll Häusern und Scheunen. Als Ziel hatte sich der Baden-Württemberger die Insel Sylt ausgesucht. Die Strecke plante Kusch im Vorfeld mit Hilfe von Google Maps. "Die Route umfasste knapp 360 Städte und Dörfer", sagt Kusch. Jeden Tag bewältigte er im Schnitt 50 Kilometer, lief 10 bis 14 Stunden - Verlaufen inklusive.
"Ich fahre in meiner Freizeit ungefähr 15.000 Kilometer Fahrrad im Jahr", sagt Kusch. Die körperliche Kondition sei vorhanden gewesen. "Auf das Wandern musste ich mich jedoch speziell vorbereiten." Unter anderem trainierte der 22-Jährige mit einem Rucksack voller Gewichte.
Auf die Tour ging es allerdings eher mit leichtem Gepäck. Schlafsack, Isomatte, Netbook, Kamera, Wechselklamotten und Waschzeug - mehr nahm Kusch nicht mit. Wenn er Hunger hatte oder einen Unterschlupf für die Nacht suchte, dann fragte er einfach die Menschen, denen er auf seinem Weg durchs Land begegnete. "Ich bin in Bäckereien oder Restaurants gegangen, habe von meiner Reise erzählt und um Essen gebeten", erzählt Kusch. "Da habe ich eigentlich immer etwas bekommen." Trotzdem nahm er vier Kilogramm auf dem Trip ab.
Spendable Apotheker und ausgediente Kinderzimmer
Auch wenn es an das Übernachten ging, vertraute Kusch auf die Hilfsbereitschaft seiner Mitbürger. "Es gab immer ein optimales Zeitfenster", sagt der Extremwanderer. "Zwischen 17 und 19 Uhr war die beste Zeit, um sich ein Dach über dem Kopf zu sichern." Da hätten Leute in ihren Gärten gestanden und man wäre schnell ins Gespräch gekommen. "Ich habe in Scheunen und Hotels geschlafen", sagt er. "Aber am häufigsten in ausgedienten Kinderzimmern."
Negative Erfahrungen machte Kusch auf seiner Wanderung keine. Dreimal verpasste er sein Zeitfenster und musste an Bushaltestellen in den Schlafsack steigen. Ansonsten empfand der Baden-Württemberger die Reaktionen seiner Mitmenschen immer als durchweg positiv. "Man merkt ziemlich schnell, wer sich für einen interessiert und einem helfen kann", erzählt Kusch. Mehr als vier Leute hätte er eigentlich am Abend nie fragen müssen, um unterzukommen. Mit einigen seiner Unterstützer pflegt er auch heute noch einen E-Mail-Verkehr.
Einzig Kuschs Körper machte Schwierigkeiten. Am Anfang plagten ihn Blasen an den Füßen, kurz vor dem Ende der Reise machten ihm die Gelenke zu schaffen. "Die Belastung war einfach sehr groß", sagt der Auszubildende. "Ich bin dann aber in eine Apotheke gegangen, und habe nach einer Aspirin gefragt." Dort habe man ihm das Schmerzmittel und ein Sportsalbe einfach so geschenkt.
Bis nach Sylt hat es Kusch nicht geschafft - lediglich bis zum Hindenburgdamm, über den die Bahn auf die Nordseeinsel fährt. "Mir taten die Knochen extrem weh, und für mich war damit der nördlichste Punkt Deutschlands erreicht", erzählt der 22-Jährige. "Ich habe mir dann ein Mobiltelefon geliehen und meinen Vater angerufen." Der hätte ihn dann mit dem Wohnmobil abgeholt und wieder zurück ins heimische Engstingen bei Reutlingen gebracht.
Der Norden der Republik war nicht nur die Endstation der Reise - es war auch die Gegend, die Kusch am besten auf der langen Wanderung gefiel. "Ich konnte da morgens schon sehen, wo ich abends ankam", sagt Kusch. "Das war schön."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Weltenbummler | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH