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Zweifelhafte Wellness-Pakete: Eins, zwei, drei, der Burnout ist vorbei

Von Bärbel Schwertfeger

Wellness-Hotels entdecken das Geschäft mit dem Burnout. Chi-Energieshaker, Moorpackung und Darmreinigung sollen Überarbeitete wieder aufbauen - doch Experten bezweifeln, dass solche Verwöhnprogramme wirklich gegen das Syndrom helfen.

Wellness gegen Burnout: Energie-Shaker, Moorpackung, Entschlackung Fotos
Fit Reisen / Schloss Warnsdorf

Ein Resort im österreichischen Leermoos bietet eine "Burnout-Pauschale". Drei Massagen inklusive einer Gesichtsbehandlung und einer Aqua-Thermo-Jet-Prozedur - so sollen vom Berufsalltag ausgelaugte Gäste zu Kräften kommen.

Ein Hotel in Bad Sobernheim bietet eine Felkekur an, Titel: "Entschleunigung nach Felke". Gäste sollen "die sanfte Kraft der Naturelemente spüren und mit der Wirkung der Lehmerde zu neuer Vitalität finden".

In einer Residenz in Bad Wörishofen heißt das Paket "Burnout - wenn nichts mehr geht". Dafür gibt es eine Energie-Massage mit Moorpackung, eine Lichttherapie, zwei vitalisierende Spa-Anwendungen und das "Relaxen im Chi-Energieshaker". Und schon ist der Akku wieder voll.

Oder?

Wellness-Hotels haben das Business mit dem Burnout entdeckt. Unter dem Label lässt sich fast alles verkaufen, von Ayurveda über die F.X.Mayr-Kur bis zum Yogakurs. Auch Reiseveranstalter haben das entdeckt - Fit Reisen in Frankfurt bietet seit diesem Jahr erstmals Burnout-Pakete an. "Heute ist Burnout doch vielfach ein anderer Begriff für Stress", sagt Geschäftsführerin Claudia Wagner. "Immer mehr Hotels erkennen, dass sie das eigentlich auch können - und dafür nur ihre Pakete umbenennen müssen."

Michael Altewischer, Geschäftsführer der Wellness-Hotels Deutschland, sieht das etwas anders. Bei Hotelangeboten gehe es "um Menschen, die sich zwar noch gesund fühlen - aber wissen, dass sie etwas für sich tun müssen", sagt er. Gerade Manager, die keine Schwäche zeigen dürften, suchten gern Hilfe in einem Wellness-Hotel, in dem niemand sie kennt. Notwendig sei jedoch ein Arzt im Haus. Denn wer schon unter einem richtigen Burnout leide, gehöre in eine Klinik.

Ein wirklicher Burnout ist nicht an einem Wochenende zu behandeln

Nur wer sich auf den ersten drei Stufen des Burnout-Prozesses befinde, könne mit einem Kurzaufenthalt noch etwas abfangen, sagt Altewischer. Dabei bezieht er sich auf das Stufenmodell des Psychoanalytikers Herbert Freudenberger, dessen erste drei Stufen mit eher vagen Begriffen beschrieben sind: "Zwang, sich zu beweisen", "Verstärkter Einsatz" und "Subtile Vernachlässigung eigener Bedürfnisse".

Auch dieses Modell ist aber "nicht mehr als eine heuristische Denkhilfe zum Strukturieren", sagt Matthias Burisch von der Universität Hamburg. Sein vor mehr als 20 Jahren erstmals erschienenes Buch "Das Burnout-Syndrom - Theorie der inneren Erschöpfung" gilt immer noch als bestes Standardwerk.

Bis heute sei keines der zahlreichen Burnout-Modelle ausreichend erforscht, sagt Burisch. Es gebe keine Einigkeit, ab wann man von einem Burnout-Syndrom sprechen kann - klar sei nur, dass es ein Prozess mit verschiedenen Phasen ist, die in immer anderer Reihefolge ablaufen können.

Generell versteht man unter dem Burnout-Syndrom (englisch "ausbrennen") einen Zustand emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Es beginnt meist mit einem überdurchschnittlichen Engagement für bestimmte Ziele, dem Verzicht auf Erholungs- oder Entspannungsphasen und der Fokussierung auf den Beruf als hauptsächlichen Lebensinhalt. Im Laufe der Zeit treten zahlreiche Störungen wie chronische Müdigkeit, Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen sowie Depressionen auf. Ärzte sprechen auch von Erschöpfungsdepression.

Reine Wellness-Komponenten helfen nicht gegen Burnout

Fundierte Zahlen über die Verbreitung gibt es nicht, wegen der "riesigen Begriffsunschärfe", sagt Burisch. "Jeder vierte, dritte oder zweite Manager, Lehrer, Student ausgebrannt oder burnout-gefährdet" - von derartigen Zahlen hält der Experte nichts. Da werde ohne seriöse Daten profundes Expertentum suggeriert. Unbestreitbar sei nur, dass Burnout-Probleme zunehmen.

Dass ein bisschen Wellness gegen echten Burnout nicht wirklich helfen kann, liegt schon an der psychischen Dimension des Problems. Man wolle perfekt sein, könne nicht nein sagen, übernehme immer mehr Aufgaben - und "irgendwann sitzt man in einer Zwickmühle", sagt Burisch. "Man strampelt sich immer mehr ab und kommt trotzdem nicht zum Ziel." Ein Wochenende Ausspannen genüge da in der Regel nicht: "Das ist allenfalls rausgeworfenes Geld und ändert nichts." Der Experte hält außerdem eine medizinische Abklärung für zwingend. Schließlich kann eine Ursache für Erschöpfung auch Eisenmangel oder unerkannter Diabetes sein.

Heike Mohr, Geschäftsführerin in Schloss Warnsdorf an der Ostsee, einer Privatklinik mit gehobenem Hotelkomfort, will darum schon "im Aufnahmegespräch abklären, inwieweit eine Auszeit genügt - oder ob man psychotherapeutische Unterstützung oder sogar einen Klinikaufenthalt braucht". An der Klinik gibt es seit kurzem ein "Gesundheitspaket für Menschen mit akuten Stress- oder Burnout-Symptomen". Bei einem schon diagnostizierten Burnout wird ein Aufenthalt ab drei Wochen empfohlen. Das Paket umfasst neben der Eingangsuntersuchung ein Sportprogramm, Entspannungstraining und einen Personal Trainer - und je nach Bedarf kann man Einzelstunden bei einem Psychotherapeuten dazubuchen.

"Für viele sind wir so etwas wie eine Energietankstelle", sagt die Geschäftsführerin. Ihre Burnout-Kunden sind meist Selbständige und Führungskräfte ab 45. Ihnen hilft oft schon das Gefühl, gut aufgehoben zu sein und wieder eigene Bedürfnisse erspüren zu können. Viele der Gäste wüssten gar nicht, dass sie unter Burnout leiden - Mohr: "Das ist doch keine Diagnose, mit der man sich gern schmückt."

"Wenn der Körper gereinigt wird, klärt sich auch der Geist"

Auch für Matthias Menschel ist der Begriff zweischneidig. Seit 2009 bietet sein Vitalresort in Bad Sobernheim ein Burnout-Programm an. "Manche finden den Begriff abschreckend, weil er für sie das Eingestehen von Schwäche bedeutet", sagt der leitende Arzt. Dennoch sei die Nachfrage gut. Das einwöchige Programm dort umfasst zwei längere Arztgespräche mit einer Eingangsuntersuchung - danach wird das individuelle Paket zusammengestellt. "Wir sprechen auch die möglichen Ursachen an und versuchen, beim Abschlussgespräch mit dem Gast individuelle Ziele für zu Hause zu formulieren." Dazu könne die Kontaktaufnahme zu einem Psychotherapeuten oder Coach gehören. Klar ist: Das Programm selbst ist stets nur die Initialzündung.

Einen anderen Ansatz verfolgt Alex Witasek, ärztlicher Direktor im Artepuri-Hotel Meersinn in Binz auf Rügen. "Man muss beim Körper anfangen", sagt der leidenschaftliche F.X.Mayr-Arzt. "Wenn der Körper gereinigt wird, klärt sich auch der Geist." Schließlich seien im Bauch genauso viele Nervenstränge wie im Hirn, und die liefen "vom Bauch ins Hirn und nicht umgekehrt". Wenn man das Kraftwerk Körper wieder hochfahre, verbesserten sich automatisch die Hirnfunktionen - und zerstörerische Gedanken verschwänden von selbst. "Durch die Ausleitung kommen die Gäste an den Kern ihrer Persönlichkeit und erkennen ihre wahren Werte", behauptet der Mediziner. Das Programm umfasst pro Tag drei bis vier Anwendungen, um "das ganze System energetisch aufzuladen". Von Gesprächen mit Psychologen hält Witasek nichts: "Die Leute wollen nicht zum Psychologen, schon gar nicht, wenn sie nur zwei Wochen da sind."

Dass die psychischen Probleme bei Burnout-Betroffenen automatisch mit einer Darmreinigung verschwinden, kann Matthias Menschel dagegen nicht nachvollziehen. "Es wäre schön, wenn es so einfach ginge", sagt der Arzt. Natürlich sei gerade bei Stressgeplagten auch eine Darmbehandlung sinnvoll. Aber das allein genüge nicht.

Problematisch findet er es, wenn Wellness-Hotels nun plötzlich auch Burnout-Pakete anbieten, nur weil sie darin eine Marktlücke sehen. Zu einer echten Behandlung "gehören immer auch therapeutische Gespräche", sagt er. "Einem Wellness-Trainer fehlt dazu einfach die Kompetenz."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. Burnout, Burnout; Burnout...
karsten112 22.07.2010
Zitat von sysopWellness-Hotels entdecken das Geschäft mit dem Burnout. Chi-Energieshaker, Moorpackung und Darmreinigung sollen Überarbeitete wieder aufbauen -*doch Experten bezweifeln, dass solche Verwöhnprogramme wirklich gegen das Syndrom helfen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,707713,00.html
Mittlerweile gilt es als ziemlich Chic ein "Burnout Syndrom " vorweisen zu können. Gilt es doch als Zeichen wie sehr man sich reinhängt. SPON sollte mal lieber einen guten artikel über das Borout Syndrom machen, von dem sind wesentlich mehr menschen betroffen als man meint. http://www.demographie-netzwerk.de/iv.-know-how-kongress-2009/videos/video-vortrag-prof.-dr.-gerald-hther.html?flvspeed=dsl
2. mediale sau
autocrator 22.07.2010
der satz im artikel sagt ales: "Heute ist Burnout doch vielfach ein anderer Begriff für Stress". es ist ähnlich wie beim begriff "Depression": es gibt einfach einen unterschied zwischen der landläufigen bezeichnung, die gerne auch als sau durchs mediale dorf getrieben wird, und der pathologischen/medizinischen definition. wer an einem "echten" burnout leidet, ist krank und gehört in eine psychotherapie oder in eine klinik, aber nicht in ein Wellnesshotel. Das mag gut sein für stressgeplagte, frustrierte oder unmotivierte menschen.
3. Eins, zwei, drei, der Burnout ist vorbei!
haltetdendieb 22.07.2010
So einfach ist das! Der Glaube versetzt Berge, heißt es schon in der Bibel. Früher gab es Depression, das reichte den "Intellektuellen" wie Lehrern und SozPäds nicht mehr. Es musste was Neues her, was sich besser anhört: Burnout. Ist doch klasse! P.S.: Wir haben alle mal ein kleines Tief. Heute lebt die Generation Übertreib!
4. Modewort Burnout
backtoblack 22.07.2010
Zitat von autocratorder satz im artikel sagt ales: "Heute ist Burnout doch vielfach ein anderer Begriff für Stress". es ist ähnlich wie beim begriff "Depression": es gibt einfach einen unterschied zwischen der landläufigen bezeichnung, die gerne auch als sau durchs mediale dorf getrieben wird, und der pathologischen/medizinischen definition. wer an einem "echten" burnout leidet, ist krank und gehört in eine psychotherapie oder in eine klinik, aber nicht in ein Wellnesshotel. Das mag gut sein für stressgeplagte, frustrierte oder unmotivierte menschen.
Der unspezifische Begriff "Burnout" fordert es ja geradezu heraus, dass sich gewissenlose Geschäftemacher seiner bedienen. Diesen modernen Dr. Eisenbarts sollte man so schnell wie möglich das Handwerk legen. Medikamente werden ja schliesslich - wie unzureichend auch immer -auf ihre Wirksamkeit überprüft. Nur zu einem taugt der Begriff "Burnout" - Menschen, die wirklich eine Depression erleiden oder erlitten haben schützen sich durch die Verwendung der Floskel vor unangenehmen und ungebetenen Nachfragen von Freunden und Dritten.
5. .
moi1 22.07.2010
Zitat von karsten112Mittlerweile gilt es als ziemlich Chic ein "Burnout Syndrom " vorweisen zu können. Gilt es doch als Zeichen wie sehr man sich reinhängt. SPON sollte mal lieber einen guten artikel über das Borout Syndrom machen, von dem sind wesentlich mehr menschen betroffen als man meint. http://www.demographie-netzwerk.de/iv.-know-how-kongress-2009/videos/video-vortrag-prof.-dr.-gerald-hther.html?flvspeed=dsl
Genau so sieht es aus: Studium in Rekordzeit 3 Auslandssemester 4 Fremdsprachen 5 Praktika 10 Std. am Tag nebenbei Training zum Ironman oder woman Burn-Out als Zusatz Qualifikation So muss ein Lebenslauf heute aussehen
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