Von Addolorata Padovano
Er ist noch ein Droschkenlenker ganz der alten Schule. Wenn er mich abholt, sei es vom Flughafen, vom Bahnhof oder von zu Hause, steigt er aus, setzt seinen Hut auf, um diesen wieder abzunehmen, während er mir die Beifahrertür wie für eine Hoheit aufhält. Und so komme ich mir dann auch vor: James ist vorgefahren. Stets sind die Scheiben frisch geputzt, der alte Mercedes frisch gesaugt, Geruch von Leder gibt dem Wagen mit seinem Kilometerstand von 350.000 Kilometern etwas Nobles.
"Frau Padovano, es ist immer wieder eine Ehre für mich, Sie begrüßen und fahren zu dürfen." Das sagt er tatsächlich, und es ist jedes Mal schwer, eine angemessene Replik bereitzuhalten. Und dennoch: Wann immer ich ein Taxi in und um Lübeck brauche, greife ich auf meinen Herrn M. zurück. Denn Herr M. ist nicht nur zuverlässig wie ein Uhrwerk, so dass ich auch morgens um sechs Uhr nicht erst aus dem Fenster zu sehen brauche, um festzustellen, ob Herr M. wie vereinbart zur Stelle ist. Herr M. ist auch ein anregender Gesprächspartner für gehobene Ansprüche.
Ob Präsidentenwahl ("Renaissance des Ancien Régime!"), Rentendiskussion ("Ich war schon immer gegen den Begriff ‚Ruhestand'!") oder BSE ("Bauernfunktionäre und Beamte spielen letztlich in derselben geistigen Preisklasse!") - Herr M. wird nicht müde, mit mir den Weltschmerz zu diskutieren. Dabei ist Herr M. kein verbitterter Alter, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Jüngeren abschließend den Gang der Dinge zu erklären. Im Gegenteil: Herr M. hat hin und wieder Fragen, mitunter schleppt er seit Wochen einen Zettel mit Stichworten mit sich herum, weil er meint, ich wisse die Antworten!
Und so stehen wir da an irgendeiner Ampel, vor der Abflughalle in Fuhlsbüttel, zwischen Bezahlen und Übergabe der Reisetasche oder am Holstentor in Lübeck: "Wir werden das heute wohl nicht abschließend klären können, Frau Padovano", resümiert er dann, und ich habe immer wieder das Gefühl: Herr M. ist nun wirklich enttäuscht.
Einmal stand er wieder da zum Abschied, diesmal betroffen über sich selbst, wie's mir im Nachhinein schien, und gab mir verschämt die Hand. Dabei war die Auseinandersetzung eher banal gewesen. Ich hatte von einem Fernsehbeitrag berichtet, der von einem ehemaligen norwegischen Robbenjagdinspekteur handelte. Dieser hatte wahrheitsgemäß die Geschehnisse während einer Fangtour im Eismeer rapportiert und war daraufhin von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung ins schwedische Exil gejagt worden, wo er heute noch mit seiner Familie unter neuer Identität im Versteck lebt. "Aber liebe Frau Padovano," entgegnete mir mein Herr M. daraufhin, "In Deutschland kann man doch auch nicht immer die Wahrheit sagen." Er meinte tatsächlich die Entschädigungszahlungen; wir standen gerade an der Untertrave im Stau. Dass die deutsche Wirtschaft ewig bluten solle - "Das dürfen Sie gar nicht laut sagen, aber es ist doch die Wahrheit, Sie stimmen mir doch zu, oder?" Das tat ich nicht. Und spätestens an der Autobahnauffahrt Zentrum gerieten wir aneinander. Ab Reinfeld schwiegen wir eisern bis zur Ankunft.
Das passierte nur einmal. In wesentlichen Dingen sind wir uns auch durchaus einig, Service-Wüste Deutschland, Helmut Kohl, E-Commerce, Atomkraft, Asienkrise - wir haben schon ganze Presseclubs abgearbeitet.
Hin und wieder sehe ich ihn schon von weitem am Taxistand vor dem Lübecker Hauptbahnhof, umringt von Kollegen, und er scheint dann stets in Fahrt zu sein. Wie lange er schon Taxi fährt und wie er dazu gekommen ist, habe ich noch nicht erkunden können, so viel ich weiß, hatte er einmal ein eigenes Geschäft und bewohnt mit seiner Frau heute ein eigenes Haus.
Scheinbar ist Herr M. aber nie zu Hause, denn ich erwische ihn zu fast jeder Tages- und Nachtzeit am Steuer - und sehe ihn dann förmlich vor mir, wie er sich säuberlich notiert: Datum, Uhrzeit und Ort der Abholung. Seine Liste ist lang und gespickt von Dienstleistungen aller Art: Steuererklärungen, die er für diesen und jenen zum Finanzamt bringt, Kinder, die zum Kindergarten gebracht werden müssen, Herr M. kauft Blumen und überbringt sie im Auftrag des Verehrers, für besondere Anlässe hat er immer einen schwarzen Anzug parat. Herr M. ist eben Droschkenlenker ganz der alten Schule.
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