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06.03.2002
 

Zermatt

Und täglich glüht das Matterhorn

Da ist er, der magische Moment: Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Bergspitze in ein glühendes Rot. Und ganz langsam färben sie das 4478 Meter hohe Matterhorn von oben nach unten ein. Das traumhaft schöne Naturschauspiel wiederholt sich jeden Tag von neuem.

Um kurz nach 7.30 Uhr beginnt "S'Hore", wie die Einwohner ihren berühmtesten Berg liebevoll nennen, zu glühen. Um diese Zeit ist in Zermatt wenig Betrieb. Die meisten Urlauber drehen sich noch einmal um in den insgesamt 6500 Hotelbetten. Auf den verharschten Straßen sind nur ein paar Hundebesitzer zu sehen, die Gassi gehen. Ein paar "Dreikäsehochs" machen sich auf den Weg in den Kindergarten.

Freier Blick aufs Matterhorn
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Freier Blick aufs Matterhorn

Hin und wieder flitzt ein Elektrowagen vorbei, der die Koffer neuer Hotelgäste anliefert. Zermatt ist autofrei und bildet mit acht anderen Skigemeinden die Kooperation "Gemeinschaft autofreier Schweizer Tourismusorte". Abgase und Staus sind damit unbekannt.

Eine Stunde später allerdings füllen sich die Gassen schlagartig mit Wintersportlern. Für die Schönheit des Bergorts mit seinen kleinen, holzverkleideten Häusern hat kaum einer Augen. Die Lemminge in schwerem Schuhwerk, Skistöcke in der Hand, Ski oder Snowboards auf der Schulter, streben zielstrebig zur Talstation.

Wintersportler können in Zermatt unter drei abwechslungsreichen Skiregionen mit 250 markierten Pistenkilometern wählen: Klein Matterhorn, Gornergrat, Rothorn. Der Skipass gilt für alle drei, auch Abstecher ins benachbarte Cervinia nach Italien sind damit möglich.

Dem Matterhorn am nächsten liegt das Dreieck Schwarzsee - Trockener Steg - Klein Matterhorn. Fast 45 Minuten brauchen die Gondeln von Zermatt aus bis auf 3885 Meter über Seehöhe. Um die 2000 Meter Höhenunterschied zu bewältigen, müssen die Urlauber zweimal umsteigen, sich neu anstellen und dann mit mehr als 100 anderen Personen in eine Gondel quetschen. Der Gondelführer gibt die Außentemperatur, Windgeschwindigkeiten und offenen Pisten bekannt - doch unter die Skimützen dringen nur Wortfetzen wie "minus 13, öffnet". Einzig zum Schluss die Worte "Wünsche einen schönen Tag" sind klar zu verstehen - und die Zwangsgemeinschaft muss lachen.

Zermatt liegt dem Matterhorn förmlich zu Füßen
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Zermatt liegt dem Matterhorn förmlich zu Füßen

Wer oben ankommt, dem verschlägt die dünne Luft zunächst einmal den Atem. Akklimatisieren heißt jetzt die Devise - zum Beispiel auf der Aussichtsplattform, wo das Panorama die unterversorgten Blutkörperchen vergessen lässt. Der Blick schweift vorbei am Matterhorn, an mehr als 20 anderen Viertausendern und 14 Gletschern.

Wenige Schritte entfernt eröffnet sich mitten in einem eisigen Gletscher eine ganz andere Welt: Ein 50 Meter langer Gang führt in einem kleeblattförmigen Raum. An den Seiten sind Figuren aus Eis zu sehen. Blaustichiges Licht, eine Bar mit Getränken und Snacks - die höchstgelegene Gletschergrotte der Welt am Klein Matterhorn ist wie geschaffen für romantische Minuten - und für Firmenveranstaltungen, denn der Saal bietet Platz für bis zu 300 Personen.

Endlich geht es auf die Piste. Die breiten Abfahrten bieten außerhalb der Hochsaison Platz für alle: kein Gedränge, kein Geschiebe, sondern Ski oder Snowboard Fahren im gewünschten Tempo. Wer die vielen Pisten ausprobiert hat, kann an der Panoramabar an der Mittelstation "Trockener Steg" die erste Pause einlegen. Die Sonnenterrasse dort mit Blick zum Matterhorn lässt selbst ein trockenes Pausenbrot wieder saftig erscheinen.

Doch nicht nur Skifahrer kommen in Zermatt auf ihre Kosten - es gibt auch eine Snowtubing-Strecke. In einem kleinen Gummiboot, dem "Tube" geht es eine schmale Rodelpiste hinab. Geradeaus lenken ist dabei fast unmöglich. Immer im Kreis dreht sich das runde Etwas, dessen Miete drei Franken (2,04 Euro) für eine halbe Stunde kostet.

Aus den Schneewällen neben der Snowtubing-Bahn lugen lange blaue Schläuche heraus. Sie gehören zu den Beschneiungsanlagen, ohne die das Skifahren unterhalb von 3000 Metern rund um Zermatt in manchem Winter nicht möglich wäre. Doch nur echte Pistenprofis merken am etwas anderen Fahrvergnügen, dass es sich um künstlichen Schnee unter ihren Skiern handelt.

Auch im mittleren Skigebiet Gornergrat-Stockhorn wird diesen Winter fast nur auf Kunstschnee gefahren. Eine Zahnradbahn - in den alten Zügen gibt es noch Holzsitze, in den neuen Wagen dagegen Stationsansagen auf Japanisch - führt mitten hinein in diese Region und auf eine Höhe von 3090 Meter, die den Himmel greifbar nah erscheinen lässt.

An der Station Gornergrat ist ein Observatorium mit zwei Kuppeln eingerichtet. Die grandiose Aussicht, die die Sternwarte in alle Himmelsrichtungen bietet, ist nur durch den direkten Blick auf den Zermatter "Berg der Berge" zu übertreffen. Und der ist vielleicht am schönsten beim Frühstück in einem Zimmer mit Ostblick im Hotel Kulm, das sich im selben Gebäude wie das Observatorium befindet.

Wem dort der Weg über den Flur zu den Duschen zu unbequem ist, ist im neuen Riffelalp Resort besser aufgehoben: Marmorbäder und Vorhänge, die sich auf Knopfdruck auf- und zuziehen - all das gibt es in dem neuen Fünf-Sterne-Hotel, das außen auf "altes Chalet" getrimmt worden ist. Das Resort auf 2222 Meter Höhe ist nur über die Gornergrat-Bahn oder zu Fuß zu erreichen. Neben dem Riffelalp Resort gibt es in und um Zermatt nur noch zwei weitere Fünf-Sterne-Hotels.

Das dritte Skigebiet unter dem Matterhorn ist interessant vor allem für Skianfänger. Mit der "Alpen-Metro" geht es auf Zahnrädern durchs Gebirge zum "Idiotenhügel" im Gebiet "Sunnegga - Blauherd - Rothorn". Ski-Neulinge genießen den Gratis-Blick auf das Matterhorn und den bequemen "Zauberteppich", der sie wie von Geisterhand den Hügel hinaufzieht. Ganz billig ist das Anfänger-Dasein nicht: Eine Doppelstunde Privat-Skiunterricht kostet 102 Euro (199,50 Mark).

Ansonsten ist Skiurlaub in Zermatt, dem der Ruf eines "Luxusziels" für Prominente vorauseilt, durchaus bezahlbar. Die Getränke in den Skihütten sind erschwinglich, und die Speisen in den Restaurants bewegen sich in den Preiskategorien deutscher Großstädte.

Wenn am Nachmittag die Kräfte zum Skifahren nachlassen, wird es Zeit zum Après-Ski. Da die letzte Bahn von den Skigebieten Sunnegga und Kleines Matterhorn schon gegen 16.30 Uhr fährt, geht es zur Après-Sause hinunter ins Tal. Ein beliebter Treffpunkt ist die Schlittschuhbahn. Während die Kleinen hier ihre Runden auf dem Eis ziehen oder einen kleinen Schneeberg hinunterrodeln, sitzen die Erwachsenen gemütlich mit einem Aperó - meist einem Weißwein - auf der Terrasse und blinzeln versonnen in die untergehende Sonne.

Mit der Dunkelheit bricht dann die Zeit für den Papperla Pub an. Ganz im "Anton-aus-Tirol-Stil" dröhnt und schallt es aus dem Eckhaus. Hier trifft sich vor allem junges Publikum, denn in der Snowboard-Szene ist der Walliser Bergort derzeit angesagt. Außerhalb der schalldichten Mauern ist es ruhig, fast still. Die Straßen sind jetzt für Fußgänger und Radfahrer freigegeben, denn die Elektrokarren haben alle Koffer abgeliefert. Jetzt ist Zermatt schön und beschaulich wie eine Puppenstube. Das Matterhorn ist in der Dunkelheit lediglich in klaren Vollmondnächten zu sehen. Doch schon nach wenigen Stunden, am folgenden Tag, beginnt es wieder zu glühen.

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