Die Szene könnte kurioser kaum sein: Auf offener See lassen einige Passagiere des Ausflugsdampfers von Heringsdorf nach Swinemünde im polnischen Teil der Insel Usedom plötzlich die Hosen herunter. Bis auf die Unterwäsche ausgezogen, zurren sie mit dickem Klebeband die gerade auf dem Schiff zollfrei gekauften Schnapsflaschen und Zigarettenstangen an Armen und Beinen fest. Nach der Landung laufen die Schmuggler in das Stadtzentrum von Swinemünde, dem ältesten Seebad Usedoms.
Bereits 1824 genossen hier die ersten Gäste den Sommer. Neben Kurhaus und Strandpromenade wurden damals gleich drei Badeanstalten gebaut: eine für Damen, eine für Herren und eine für Familien. Seine Glanzzeit erlebte der Ort um die Jahrhundertwende. Maler diskutierten hier mit Schauspielern und lauschten den Werken eifriger Komponisten.
Im Zweiten Weltkrieg wurde mehr als die Hälfte der Stadt bei Luftangriffen der Alliierten zerstört. Später hinterließen die Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft heruntergekommene Fassaden und verfallene Mauern. Anders als in den Badeorten im deutschen Teil Usedoms fehlen finanzkräftige Investoren, um den einst prächtigen Kaiserzeitvillen und der Strandpromenade ihren früheren Glanz wiederzuverleihen.
Dennoch ist Swinemünde heute ein beliebter Ausflugsort. Bereits wenige hundert Meter hinter den Grenzübergang Ahlbeck herrscht emsiges Treiben: ob kitschige Souvenirs, gefälschte Markenprodukte oder billiger Schnaps, auf dem Polenmarkt wird um die Wette gehandelt und gefeilscht.
Die meisten Touristen zieht es aber in das Seebad. Vorbei an kahlen Betonbauten und bröckelnden Altbauten wandern sie durch den Kurpark zum Strand. Trotz vieler Veränderungen ist immer noch die Handschrift des Gartenbaumeisters Peter Joseph Lenné zu erkennen, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Parkanlagen für das Seebad entworfen hat.
Je näher das Wasser rückt, desto größer und prächtiger werden die Häuser. Viele Einwohner vermieten ihre Villen an Gäste, die an heißen Sommertagen im Schatten großer Bäume ein kühles Plätzchen finden.
An kleinen Buden werden Süßigkeiten und Würstchen verkauft, Familien rasten in Imbissstationen, die grell mit knallgelben Plastikwimpeln geschmückt sind. Zu dröhnenden Discoklängen aus dem Ghettoblaster führt eine Gruppe Jugendlicher Breakdance-Kunststücke auf - Besucher aus dem Westen fühlen sich wie auf einer Art Zeitreise zurück in die achtziger Jahre.
Weit und weiß zieht sich der Strand kilometerlang von der Hafeneinfahrt bis zur deutschen Grenze. Die breite Strandpromenade strahlt nach wie vor eine Spur von Plattenbau-Atmosphäre aus. Unmittelbar hinter den Buden wölben sich sanft die Dünen.
Ein kleines Stück weiter riegelte bis 1990 ein dreifacher Zaun Polen von Deutschland ab. Heute ist so gut wie nichts mehr davon zu sehen. Lediglich ein paar Pfosten markieren noch die Grenze.
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