Von Dominik Baur
Die Bücher. Die waren früher sein Leben. Bevor er zum Eremiten wurde, besaß der König ein Antiquariat in Warschau. Doch dann, Anfang der neunziger Jahre, ging es mit dem Geschäft bergab - und seiner Ehe erging es nicht anders. Kaum hatte ihn die Frau mit dem gemeinsamen Sohn verlassen, verkaufte Kawnczynski die Hälfte seiner Bücher und kaufte sich dafür die 35 Hektar große Einöde Budy im Biebrza-Tal. Hier schlägt er sich und seine zahlreiche Tiere durch, indem er von Zeit zu Zeit ein paar der übrigen Bücher verkauft. Doch langsam gehen ihm die wertvollen Schriftstücke aus. Dann ist der König froh, wenn ihm immer mal wieder Touristen ein paar Zloty zustecken. Denn über mangelnden Besuch kann sich Kawnczynski nicht beschweren. Kaum ein Tourist, der die Biebrza-Sümpfe besucht, lässt den "Einsiedler" aus.
Selbst übernachten kann man in Budy. In einem Holzhaus, das der König im Nachbardorf Balken für Balken abtragen und auf seinem Grundstück wieder aufbauen ließ, gewährt er den Touristen Logis, die Ursprünglichkeit lieben - nicht Luxus. Wen es nicht stört, sich morgens das kalte Wasser für die Dusche selbst vom Ziehbrunnen zu holen und über die nasse Wiese zum Plumpsklo zu gehen, der ist beim König gut aufgehoben. Auf eine Besucherin wartet dieser jedoch bislang vergeblich: Brigitte Bardot. Mit dem früheren Filmstar verbinde ihn die Liebe zu den Tieren, erzählt der König. Gern würde er sie in seinem Reich empfangen und mit seinen zwei Tarpan-Pferden, den neun Hunden, den vielen Katzen, Hühnern und Gänsen bekannt machen.
Auf eine Wand neben der Eingangstür der Hütte hat ein befreundeter Maler ein Bild des Eremiten gepinselt - abends, nach dem einen oder anderen gemeinsamen Glas Wodka. Als König der Biebrza-Sümpfe porträtierte er seinen Freund. Das Bildnis verblasst langsam, der Name ist geblieben.
Beethoven im Baum
Ein ausgeprägtes Faible für Spitznamen scheint charakteristisch für die Gegend. Den Souvenirschnitzer Jozef Rafalko ein paar Dörfer weiter kennen alle nur als den "Bären", weil Bären lange Zeit das einzige Motiv seiner Schnitzereien waren, und Katarzyna Ramotowska, die Fremdenführerin, die den Nationalpark kennt wie kaum sonst jemand, teilt sich mit dem Einsiedler die Regentschaft über die Sümpfe: Sie heißt nur "die Queen". Sogar die Biebrza selbst bezeichnen die Polen gerne als Europas Amazonas.
Aus dem Baumwipfel tönt der Beginn von Beethovens Fünfter. Die Queen summt mit. Kein Zweifel, von welchem Künstler sich der Komponist bei seiner Symphonie inspirieren ließ. "Die Goldammer", erklärt Ramotowska. Da die Ornithologen immer noch den größten Teil des Tourismus ausmachen, haben sich Tourguides längst auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Klientel eingestellt. Wichtiges Vokabular kennen sie in mindestens drei Sprachen. Während die Besucher sich noch die Zunge am polnischen "Guten Tag" (Dzien Dobry) brechen, spricht die Queen, die ansonsten kein Deutsch beherrscht, souverän von "Seggenrohrsängern" und "Doppelschnepfenbalzplätzen".
Wen Bird Watching kalt lässt, der kann im Nationalpark zumindest am "Ornithologist Watching" seinen Spaß finden. In der richtigen Saison (April/Mai) wimmelt es hier von "Ornis", die mit Hut, Fernglas und bisweilen Moskitonetz bewaffnet durch die Sümpfe wandern - auf der Suche nach bisher ungehörten Vogelstimmen. Besonderes Merkmal der männlichen Expeditionsteilnehmer: der schmucke Käpt'n-Iglu-Bart. Die meisten der Vogelfreunde kommen aus Deutschland, Großbritannien oder den Niederlanden.
Nicht alle Vögel im Biebrza-Tal sind begnadete Sänger. Und doch reisen manche Menschen weite Wege, um sie zu hören. Belustigt erzählt die Queen von einer Gruppe kanadischer Ornithologen. Die kam nach Warschau geflogen und ließ sich mit dem Taxi zum Nationalpark fahren. Dort musste die Queen sie an eine Stelle bringen, wo sie mit Sicherheit den Seggenrohrsänger hören konnten. Nach einer Viertelstunde hakten sie die seltene Vogelart auf ihrer Liste ab und traten beglückt die Heimreise an.
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