Pontevedra/Spanien - Langsam zieht der Morgennebel den Berghang hinunter, und durch das Gebirge pfeift ein kalter Wind.
Am liebsten möchte man gleich wieder ins warme Bett springen, aber oben in der galizischen Serra do Barbanza warten die Wildpferde, die von den Einheimischen hier im Nordwesten Spaniens Bestien genannt werden. Jedes Jahr in den Monaten Juni bis August ziehen die Bewohner einiger galizischer Bergdörfer in fast unzugängliche Höhen, um die Tiere in die Täler zu treiben, sie mit Brandeisen zu kennzeichnen und ihnen die Mähne zu scheren. An diesem kalten Vormittag ist es wieder so weit.Die Bestien warten schon
Vor die Tür riecht es nach dem Kaminrauch, der aus den Häusern in A Pobra do Caramiñal emporsteigt. Das halbe Dorf scheint sich versammelt zu haben. Mit Holzruten bewaffnet, treten die Menschen einen strammen Marsch in die Bergwälder an. Jeder erklommene Hügel bringt die Bestien näher. Kein Wort stört die morgendliche Ruhe, die Einheimischen schreiten schweigend voran. Eine mystische Atmosphäre, die durch den Nebel der frühen Morgenstunden verstärkt wird. Ein letzter Gebirgsbach, ein letztes erschreckendes Knacken im Wald - und dann sind sie endlich da: ein Dutzend galizischer Bestien.
Das raue Pferdefest "Rapa das besta" - zu Deutsch: "Das Scheren der Bestien" - ist ein uraltes Ritual in der nordwestlichsten Provinz Spaniens. Schon vor 2000 Jahren berichtete der römische Reisende Estrabón von den Kelten, die "mit Hörnern und Urschreien die Bestien aus den Bergen in die Täler treiben. Einige werden geopfert, um sie zu verspeisen. Andere werden gebändigt, um sie für den Krieg und die Jagd zu benutzen".
Kampf zwischen Mensch und Tier
Die Hengste umkreisen aufgeregt die Herde, als sie die Anwesenheit der Menschen spüren. Daran gewöhnt, sich gegen Wölfe verteidigen zu müssen, bildet die Herde einen Kreis. Langsam pirscht sich die Gruppe an die Tiere heran. Die älteren Männer übernehmen das Kommando und teilen ihre Begleiter in mehrere Trupps auf. Von verschiedenen Seiten nähern sie sich der Herde und scheuchen sie dabei bergab. Einige treiben die Pferde von hinten an, der Rest bildet eine Art Korridor, der verhindern soll, dass die Tiere an den Seiten ausbrechen.
Über steile Pfade geht es bergab zu so genannten Curros, einer Art Rodeo-Gehege, die durch dicke Felsbrocken abgegrenzt sind. Der Kampf zwischen Mensch und Tier beginnt: Fohlen und Stuten werden voneinander getrennt und in gesonderte Gehege getrieben. Die Hengste werden im "Curro" zusammengepfercht. Diese Art der Tierhaltung praktizierten die galizischen Pferdebesitzer bereits im 17. Jahrhundert.
Stolz auf jeden Huftritt
In früheren Zeiten sollen es bis zu 900 Wildpferde jährlich gewesen sein, die auf diese Weise in die Koppeln getrieben wurden. Juan Garcia, einer der Pferdebändiger, springt von Pferderücken zu Pferderücken, bis bei dem vorher ausgewählten Hengst im Gehege angelangt ist. Er wirft sich auf das Wildpferd und krallt sich in seiner lange Mähne fest, damit er von den wilden Bewegungen des Hengstes nicht abgeworfen wird. Helfer stürmen herbei - gemeinsam zwingen sie das Pferd zu Boden. "Es ist manchmal recht gefährlich. Inmitten von 40 eingepferchten Wildpferden kann viel passieren. Ich habe schon so einige Huftritte bekommen", erklärt Juan voller Stolz.
Sobald das Pferd am Boden liegt, scheren die muskulösen Männer die lange Mähne an Hals und Schweif. Das Tier ist jetzt etwas ruhiger geworden. Doch als Juan mit dem glühenden Eisen die Brandmarke des Besitzers einbrennt, haben die Helfer alle Mühe, das Pferd am Boden zu halten. Jeder Huftritt wird mit einem Aufschrei des Publikums begleitet, das sich rund um den Curro versammelt hat. Später müssen die scheuen Hengste noch für Wettbewerbe herhalten: Rodeo-Reiten und Wettrennen gehören dazu. Ohne Sattel versuchen mutige Freiwillige, sich an die Mähne klammernd auf den Wildpferden zu halten.
Wildpferde als Opfergabe gegen die Pest
Die "Rapa das bestas" ist in Galizien mehr als ein Ritual: Sie ist auch ein religiöses Volksfest. Der lokalen Legende zufolge ist das Wildpferd die Verbindung zwischen Mensch und Gott. Zwei galizische Bauernfrauen sollen nach dem Ausbruch der Pest im 16. Jahrhundert zwei Wildpferde gefangen und geopfert haben, damit Gott ihre Dörfer schütze. Tatsächlich verschonte die Seuche beide Dörfer. Seitdem gelten die Wildpferde als etwas Heiliges, Mutiges und Ehrwürdiges - auch wenn der raue Umgang mit ihnen das nicht gerade vermuten lässt. Für die Galizier bedeutet gerade die Bändigung der wilden Pferde einen Versuch, teilzuhaben an der Kraft, der Freiheit und am Mut der Tiere.
Wenn es dunkel wird, sind die ersten Klänge der Gaita zu hören - der galizische Dudelsack gehört hier zu jedem Volksfest. Auf dem Festplatz brennen mehrere Lagerfeuer. Neonröhren beleuchten die Essensstände. Es riecht nach Bier, Wein und galizischem Schnaps. Muñeiras - galizische Folkloretanzgruppen - heizen die Stimmung an. Unter klarem Sternenhimmel haben sich die Dorfbewohner an den Tischen zur gemütlichen Runde getroffen. Lange tönt Musik durch die Straßen bis weit in die Berge, während der Nebel wieder langsam den Hang hinunter kriecht.
Von Manuel Meyer, gms
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Europa | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH