Madrid - Einmal im Jahr - und zwar am letzten Mittwoch im August - eröffnen die Einwohner des spanischen Städtchens Bunol mit dem Schlachtruf "Tomaten, Tomaten, wir wollen die Tomaten" die glitschige Schlacht und bewerfen sich wie wild mit Tomaten. Die Tradition begann vor über 50 Jahren, als ein Streit zwischen den Teilnehmern einer Prozession zu Ehren des Stadtpatrons in einem Handgemenge auf dem Marktplatz endete. Die Dorfbewohner bewarfen sich schließlich mit Tomaten, und seither ist das gemüsige Spektakel Teil des Stadtfestes. Mittlerweile kommen jedes Jahr mehr als 30.000 Besucher aus ganz Spanien und dem Ausland zur so genannten Tomatina, der größten Tomatenschlacht der Welt.
Nach der Tomatenschlacht an der Costa del Azahar machen viele Spanier regelrechte Party-Touren in die Nachbardörfer. Zeitgleich zur Tomatina feiern auch zahlreiche Städte Wein-, Apfelsinen- oder Eierschlachten. Den Spaniern ist es egal, mit welchen Utensilien sie sich vergnügen.
Viele der heutigen Volksfeste gehen allerdings auf Ereignisse vor sechs Jahrhunderten zurück, als sich die christlichen Spanier gegen ihre maurischen Besatzer zur Wehr setzten: Vom Frühling bis zum Herbst verkleiden sich ganze Dörfer als christliche und maurische Heere und spielen geschichtliche Schlachten nach. Die schönsten und aufwendigsten "Fiestas de moros y cristianos", regelrechte Verkleidungszeremonien und massenhafte Kampfspiele, beginnen Mitte April in Alcoy und anderen Orten der Provinz Alicante.
Volksfeste spiegeln bekanntlich den Charakter der Menschen eines Landes wider, und so sind im erzkatholischen Spanien auch nicht alle Feste farben- und lebensfrohe Schauspiele: Bestes Beispiel hierfür sind die theatralischen, aber prachtvollen Prozessionen in der Karwoche. Im nördlichen Aragón spielen die Menschen tagelang auf ihren Trommeln, bis die Hände bluten. Barfuß, in Ketten und unter Peitschenschlägen tragen in Andalusien viele Prozessionsgänger Marienstatuen durch die Straßen. Die schönsten Ostertraditionen und Prozessionen sind jedoch in Málaga, Granada, Sevilla, Valladolid und in Zamora zu sehen.
Nach der Selbstkasteiung in der Karwoche kommen aber schon bald die fröhlichen Maifeste. Zu Beginn des Wonnemonats lockt in Cordoba das Fest der "Patios", der Innenhöfe, Besucher in die Stadt. Neben viel Flamenco und Wein geht es darum, den am schönsten geschmückten Innenhof der Altstadt zu küren. Die Patios von Cordoba verwandeln sich dann in duftende Blumenmeere.
Der Mai ist auch der Monat der so genannten Romerías, der Wallfahrten. Der Weg führt zu in der freien Landschaft liegenden zahlreichen Kapellen, an denen die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Die schönste und bekannteste Marienfahrt geht in den kleinen Ort El Rocio, ungefähr 70 Kilometer von Sevilla entfernt. Die Pilger kommen in Trachten, viele hoch zu Ross. Unterwegs wird gesungen, getanzt, gegessen und getrunken. Die Wallfahrt scheint schon fast mehr mit der Idealisierung des Nomadenlebens als mit Religion zu tun zu haben.
Im Sommer stehen vor allem die Stierfeste im Mittelpunkt: Das mit Abstand bekannteste Ereignis ist Anfang Juli in Pamplona das Fest von San Fermin. Die Kampfstiere werden durch die Straßen der Stadt zur Arena getrieben, wo am Abend die Stierkämpfe stattfinden. Hunderte junger Männer in traditioneller weißer Kleidung mit rotem Gürtel laufen dabei vor den Stieren her. Das Wettlaufen, das schon den Schriftsteller und erklärten Stierkampffan Ernest Hemingway faszinierte, endet häufig mit Blut und Tränen.
Die nordwestspanische Provinz Galizien feiert im Sommer das Wikinger-Fest und lädt zur "Rapa das Best", einem Fest, bei dem halbwilde Pferde aus den Bergen ins Dorf getrieben und dort gezähmt und geschoren werden. In Katalonien sorgen die so genannten "castelleres" für Aufsehen. Diese Menschentürme bestehen aus bis zu 150 Leuten, die sich aufeinander türmen. Ein Weinerlebnis der besonderen Art spielt sich auf der Weinschlacht von Haro in La Rioja ab. Hier bespritzen sich die Dorfbewohner mit mehreren zehntausend Litern Rotwein.
Speis und Trank fehlen auf keinem Fest. Und nicht immer wird damit nur geworfen. Spanien kennt zahlreiche kulinarische Volksfeste. Sei es das Käsefest Mitte Mai auf Gran Canaria, das Lammfest Ende Juli in Pola de Lena (Asturien) oder das galizische "Fest der Meeresfrüchte" Mitte Oktober in dem Ort O Grove. Ereignisse allesamt, die wohl auch vor den gestrengen Augen sparsamer Großmütter Gnade finden werden.
Von Manuel Meyer, gms
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