Mont Saint-Michel - Wer nachts am Mont-Saint-Michel ankommt, den empfängt eine Stimmung wie im Klosterdrama "Der Name der Rose" von Umberto Eco. Schummriges Mondlicht, das über der Bucht liegt, gibt den Blick auf trutzige mittelalterliche Mauern frei. Flutwellen schlagen an die Felsen. Die schmalen, grob gepflasterten Wege führen steil aufwärts, wie dem Himmel entgegen. Irgendwo brennt noch Licht - ist das die Bibliothek mit den angestaubten Büchern in Latein, beten dort noch Mönche? Oder ist das ihre doch eher karge Schlafstätte? Eine eigenartige Ruhe liegt über den verwinkelten Gassen des Klosterberges an der französischen Ärmelkanalküste. Kaum jemand ist noch auf den Beinen, eine Glocke schlägt zwölfmal.
Der Mont-Saint-Michel hat den weltlichen Ansturm für einen weiteren Tag überstanden. Während der Anfahrt per Auto hatten letzte Sonnenstrahlen das "Wunder des Abendlandes" schon von weitem sichtbar in glitzerndes Licht getaucht. Je näher man kommt, desto mehr gewöhnt sich das Auge an die monumentale Erscheinung des Klosters, das fast jeder von Fotos her kennt. In das Erstaunen über die tatsächliche Größe des Bauwerkes, das aus den weitläufigen Salzwiesen vor der eher flachen normannischen Landschaft herausragt, mischt sich also ein Gefühl der Vertrautheit. Das ist der graue Felsen mit der Abtei und Glockenturm, den jährlich Millionen besuchen - ein Meisterwerk des Mittelalters.
Am Morgen danach Gewimmel und Gewusel in der schmalen "Grande Rue". Tagsüber fügt sich jeder folgsam ein in den nicht endenden Strom derer, die ganz nach oben wollen, so wie einst die baumeisterlichen Benediktiner-Mönche, denen der Sinn nicht nur nach Einsamkeit stand. Sie wollten auf diese Weise ihrem "Gott näher sein". Nicht zuletzt auch den ungezählten Pilgern wurde es richtig schwer gemacht auf dem mühsamen letzten Stück ihres langen Weges. Und das muss auch den neuen Mönchen so gehen, die in die "Festung Gottes" eingezogen sind. Auch für sie hat der 1979 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Berg im Ärmelkanal wohl kaum an Anziehungskraft eingebüßt.
Frischer Wind weht auf dem Mont-Saint-Michel. Die Pater André und François hatte das Alter eingeholt, und so brachen vor zwei Jahren vier Brüder und fünf Schwestern der "Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem" auf, den Berg neu für ihre Sache zu erobern. Keiner war über 30 Jahre, jeder halbtags in einem weltlichen Job tätig. "Sich nicht aus der Welt zurückziehen, sich aber hüten vor dem, was den Geist dieser Welt ausmacht", lautet ein Motto des noch jungen, 1975 von Bruder Pierre-Marie Delfieux gegründeten Ordens. In der Pariser Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais hat die Gemeinschaft ihren Sitz. Sie will überwiegend dort wirken, wo viele Menschen zusammen kommen.
Im Sommer können die Brüder und Schwestern die internationale Blechlawine von weitem heranrollen sehen. Ist es der hohe religiöse Ort, der anzieht, oder diese einzigartige Verbindung von Architektur und Natur? "Sie kennen keine Burgen und Schlösser, die USA sind ein junges Land", sagt ein französischer Vater seinem Sohn auf die Frage, warum so viele Amerikaner den steilen Weg auf den Berg antreten. Den Touristen, sozusagen Pilger der Jetztzeit, fechten jedenfalls in der "Grande Rue" rechts und links allerlei Versuchungen an: Calvados und Cidre werden feilgeboten, ganze Ritterrüstungen, T-Shirts und kleine Mont-Saint-Michel-Modelle. Bars und Restaurants pflastern diesen Pilgerweg.
Ein Foto hier, ein Schnappschuss dort - und rasch ein Sprung auf das Bollwerk und sehen, wie weit die Flut schon gekommen ist. Dann geht es in die Abtei zum Gottesdienst. Hell klingen Frauenstimmen durch das Kirchenschiff. In eierschalenfarbenen Gewändern halten die Mönche die Messe ab - in Französisch und Englisch. Feierlich wird das Sakrament auch an die Besucher verteilt. Unterdessen sorgt sakrale Flötenmusik für eine weihevolle Stimmung. Wie ein weißes Bündel sieht eine der Schwestern aus, die zum Gebet auf dem kalten Kirchenboden liegt und sogar ihr junges Gesicht verhüllt. Sonnenlicht strahlt in die Kirche hinein. Für einige Minuten herrscht eine andächtige Ruhe.
Draußen aber gewinnt sofort wieder weltliche Hektik die Oberhand. Und doch gibt es selbst auf dem überlaufenen Mont-Saint-Michel einige ruhige Winkel. Da wächst eine etwas fremd wirkende Palme einsam über dem Friedhof, hinter Gartenmauern blühen prächtige Hortensien und normannische Apfelbäume, deren Früchte später wohl niemand aufheben wird. Strumpflos und in Sandalen stehen die Mönche der Videokamera des weitgereisten Touristen gegenüber. Gummistiefel dagegen braucht, wer bei Ebbe eine Tour um den Berg herum machen möchte.
Noch eine Veränderung steht dem Mont-Saint-Michel bevor. Ende 2003 beginnen die fünfjährigen Arbeiten, die dem Klosterberg seinen Insel-Charakter vollständig zurückgeben sollen. Die Übeltäter heißen Verschlammung und Versandung - wobei auch der feste Straßendamm zum Parkplatz direkt am Berg seinen Teil dazu beigetragen hat, dass sich die Salzwiesen immer mehr breit machen konnten. Für 134 Millionen Euro sollen die Schlammmassen abgetragen werden. Die Autos werden aus der Nähe des französischen Zauberberges verbannt. Für den Pilgerstrom des internationalen Tourismus steht dann künftig eine Elektro-Pendelbahn bereit, Fußgänger führt eine schlanke Stelzenbrücke zu dem Monument.
Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms
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