Pellworm - Vom Deich im Westen Pellworms aus lässt sich der Charakter der Insel mit einem Blick erfassen: auf der einen Seite die scheinbar grenzenlose Nordsee, auf der anderen vor allem Getreidefelder, Wiesen und Weiden. Und genau dazwischen Dutzende von Schafen, die stoisch vor sich hin kauen. Einen Vorgeschmack gibt es schon bei der Anreise: Seit gut zehn Jahren legt die Fähre nach Pellworm in Strucklahnungshörn im Westen von Nordstrand ab.
Die Sonne glitzert auf dem Wasser, die Umrisse der Halbinsel verschwimmen am Horizont, links erscheint die Hallig Südfall, und die "Pellworm I" der Neuen Pellwormer Dampfschiffahrts GmbH (NPDG) zieht eine Spur weißer Gischt hinter sich her. Wenn die Spitze Pellworms zu sehen ist, fällt auch der rot-weiß geringelte Leuchtturm schon ins Auge und rechts davon ein Windrad - umweltbewusste Energieerzeugung hat auf der Marschinsel längst nicht mehr den Ruf grüner Spinnerei. Dort steht auch eines der größten Solar- und Windkraftwerke Europas.
Selbst im Sommer ist die gerade 36 Quadratkilometer große Insel südlich von Amrum und Föhr nie überlaufen. Die beiden Hotels sind in der Hochsaison zwar schnell ausgebucht. „Es gibt auf ganz Pellworm immerhin rund 200.000 Übernachtungen pro Jahr“, sagt Bärbel Köster von der Kurverwaltung. Tourismus spielt aber keine beherrschende Rolle. Es gibt sogar noch fünf Fischer, die vor allem Garnelen, Seezunge und Meereschen aus den Netzen holen. Anders als etwa auf dem Nachbareiland Amrum hat die Landwirtschaft überlebt. „Pellworm ist bäuerlich geprägt“, die Bauernhöfe sind keine „Deko“ für Touristen. „Es gibt rund 60 Vollerwerbsbetriebe mit Milchvieh, Schafen und Bullenmast, 15 Prozent davon Öko-Landwirte“, erzählt Bärbel Köster.
Die Insel ist in vieler Hinsicht grün. Was dagegen fehlt, sind Sandstrände wie auf den übrigen nordfriesischen Inseln. Kinder, die mit Eimerchen und Schaufel an den Deich stürmen, sind da schon manchmal unangenehm überrascht worden: Am Strand wächst auf Pellworm Gras. „Es gibt aber einen großen Anteil von Urlaubern, die kommen immer wieder, manche seit Generationen“, sagt der Inselpastor Manfred Adam. Einige kommen nur wegen der Musik: Die Alte Kirche an der Westseite der Insel birgt eine der berühmten Arp-Schnittger-Orgeln aus dem Jahr 1711 - die einzige Schleswig-Holsteins.
„Ein Glücksfall“, sagt Adam „und ein Magnet für Orgelfreunde“ Seit gut 45 Jahren gibt es im Sommer eine Orgelkonzertreihe - „in den vergangenen zehn Jahren hatten wir dabei mehr als 30 000 Gäste“ Die Alte Kirche St. Salvator ist aber auch sonst sehenswert: Die Ruine des Turms, der 1611 einstürzte, ist zum Wahrzeichen Pellworms geworden. „Es ist belegt, dass er einst doppelt so hoch war wie heute“, sagt der Pastor. „Er hat auch als Seezeichen gedient“
Sich auf Pellworm fortzubewegen ist einfach - viele Touristen wählen das Fahrrad. Ein Auto ist verzichtbar, die Entfernungen sind kurz. Und notfalls gibt es ja auch noch Christian Cornelsen, Fahrer des einzigen Inseltaxis. Die Straßen sind schmal, fast auf jeder Weide sind Schafe zu sehen - und überall am Küstensaum Seevögel. „Das da hinten sind Austernfischer, gut 3000 Stück“, sagt Cornelsen und gibt Gas.
Das Meer ist schnell erreicht: Am Anleger im Nordwesten der Insel mit rostigen Pollern und Seetang auf den Steinen ist die „MS Gebrüder“ vertäut, das Schiff der Familie Hellmann, die schon seit Jahrzehnten Urlauber mitnimmt auf ihren Touren ins Wattenmeer. Am Ruder steht Andreas Hellmann in ausgewaschenen kurzen Jeans und steuert das Schiff an Hallig Hooge vorbei Richtung Norderoogsand. Bei glatter See geht es entlang an Sandbänken, auf denen Seehunde lümmeln und vor denen Kormorane im Wasser tauchen.
Auf Norderoogsand führt Hellmann seine Passagiere über den Watt- und Sandboden und nutzt die Gelegenheit, auch etwas über Herz- und Miesmuscheln zu erzählen oder über die sehr viel seltenere Wellhornschnecke, von der sich auf Norderoogsand mit etwas Glück ein Haus finden lässt. Für Fundsachen aller Art ist Norderoogsand überhaupt ein dankbares Revier: Hellmann hat hier schon alte Münzen und mehrere Flaschen Rotwein entdeckt, die aus einem französischen Schiff stammen, das 1856 in der Nordsee gesunken ist - echter Bordeaux.
Zu den begehrtesten Fundstücken gehört Bernstein: „Im Winter nach einem Sturm fahren wir extra raus und kommen dann mit zwei Händen voll zurück“, erzählt Hellmann. „In einem Jahr habe ich mal 6,5 Kilogramm in zwei Monaten gefunden“ Hellmann gibt auf der Insel inzwischen auch Kurse im Bernsteinschleifen. Erst werden die matten Fundstücke mit Sandpapier bearbeitet, dann mit Schlämmkreide und Spiritus poliert. Wenn der Stein blinkt, lässt er sich als Anhänger tragen - zur Erinnerung an die kleine grüne Insel im Wattenmeer.
Von Andreas Heimann, gms
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