Im Tal von Podhale liegt Morgentau auf den Gräsern. Hunderte Schafe grasen hinter einer Bacowka, einer dunkeln Holzhütte in Zeltform. Aus dem Kamin steigt Rauch auf. Drinnen rührt Jan Urbas mit einer großen Holzgabel im Kessel auf dem Feuer Schafsmilch und Lab, bis sich erst kleine, dann immer größere Käse-Klumpen bilden. Den ganzen Sommer wohnt der 63-Jährige hier. Er schläft auf einem klapprigen Metallbett neben der Flamme, während auf den Firstbalken über dem Feuer der salzige Hartkäse Oscypek im Rauch reift.
Jan ist ein Berghirte, sein Heimatdorf heißt Chocholow. Grobe Blockhäuser säumen die schmale Straße und ducken sich unter wuchtigen Satteldächern und Halbgiebeln aus Holzschindeln. In den Vorgärten blüht Löwenzahn; die Scheune teilen sich Schafe, Kühe - und jener Karpatenkäse, den die Frauen des Dorfes zu günstigen Preisen verkaufen.
Einen Kontrast zum beschaulichen Bergidylle bietet die 30.000-Einwohner-Stadt Zakopane, Vor 150 Jahren handelte es sich hierbei um ein kleines Bergdorf, heute ist Zakopane Polens Tor zur Hohen Tatra - und ein Ferienort zwischen Trend und Tradition. Vor Hunderten von Holzbuden mit Stickereien, Holzarbeiten, Kristallglas und anderen Souvenirs warten Kutscher in Tracht auf Kundschaft. Holzhäuser der Goralen, wie die Bergbewohner genannt werden, säumen die Fußgängerzone Krupowki, in der sich allerdings auch Besucher beim Bungee-Jumping vom Kran stürzen und in den Boutiquen angesagter In-Label stöbern können. Wenige Schritte weiter zeigt das Wietkiewich-Theater Avantgarde und das Tatra-Museum Brauchtum der Bergwelt.
Nur 50 Kilometer lang und maximal 15 Kilometer breit, gibt es in Europa kein anderes Gebirge mit einer so vielgestaltigen Landschaft, Natur und Kultur. Die Hohe Tatra beginnt im Westen mit dem 1947 Meter hohen Laliove sedlo (Laliover Sattel) und endet im Nordosten mit dem Kopske sedlo (Kopskyer Sattel, 1749 Meter). Nur ein Fünftel des Hochgebirges liegt in Polen, vier Fünftel des Gebietes gehören zur Slowakei. Die Grenze bildet der Hauptkamm - doch die schönsten und bekanntesten Gipfel liegen allesamt auf Nebenkämmen.
Der Tatra-Nationalpark ist in Polen seit 1954, in der Slowakei bereits seit 1949 ein Schutzgebiet. Für den Tourismus gelten strenge Auflagen. Einige Gebiete sind Totalreservate, andere unterliegen einer saisonalen Sperre vom 1. November bis 15. Juni. In den nur mit Sondererlaubnis zugänglichen Hochgebirgsregionen leben Tierarten, die anderenorts längst ausgestorben sind: Braunbär, Wolf, Luchs und Auerhahn. Murmeltier, Fischotter und Steinadler haben dort ein Rückzugsgebiet gefunden.
Im Bestand bedroht ist jedoch das Wappentier des Nationalparks: Die Anzahl der Tatra-Gemsen ist trotz aller Bemühungen auf die kritische Grenze von weniger als 500 Tiere gesunken. Rehe und Hirsche, Wildschweine, Füchse und Eichhörnchen sind indes bei fast jeder Wanderung zu sehen.
Im polnischen Teil der Hohen Tatra umfasst das Wegenetz 255 Kilometer, im slowakischen Nationalpark kommen weitere 600 Kilometer markierter Wanderwege jeden Schwierigkeitsgrads hinzu. Ein Klassiker ist der Ausflug zum Morskie Oko, dem mit 35 Hektar größten der 110 Bergseen der Tatra. Auf einer Höhe von 1393 Metern ruht das "Meeresauge" in einem großen Kessel, tiefgrün und so klar, dass Fische in mehr als zehn Meter Tiefe deutlich zu sehen sind.
Nur mit Bergführern geht es dagegen auf slowakischer Seite zur Gerlachovsky Stit (Gerlsdorfer Spitze). Der 2654 Meter hohe Berg musste bis zur barometrischen Messung eines Försters warten, ehe er 1838 als höchster Gipfel der Hohen Tatra anerkannt wurde. Bis dahin machte ihm die Lomnicky Stit (Lomnitzer Spitze) den Titel streitig.
Bis heute ist die Lomnicky Stit mit 2632 Metern jedoch der höchste Punkt, den Besucher bequem erreichen können: Vom slowakischen Tatranska Lomnica (Tatra-Lomnitz) aus schweben sie in einer Gondel, die fast senkrecht die zerklüftete Felslandschaft überwindet, in 20 Minuten hinauf zur Aussichtsplattform inmitten von Gipfeln, die alle 2400 Meter überragen. Bei der ältesten Seilbahn Polens, die sich zum 1985 Meter hohen Kasparowy Wierch hinauf schwingt, ist der Zugang durch die Nationalparkverwaltung begrenzt: Nur 210 Touristen pro Stunde bringt die Bahn hinauf.
An die Südflanke der mächtigen Spitze des Slavkovska Stit (2453 Meter) schmiegt sich Stary Smokovec (Altschmecks), einst die mondänste Gemeinde der Hohen Tatra. Bereits um 1840 entstanden die ersten Kurhäuser im "slowakischen Davos". Mineralquellen und die saubere Luft sorgten für stetes Wachstum. Wer etwas auf sich hielt, stieg im "Grand Hotel" ab: erst gut betuchte Adlige, dann die kommunistische Elite. Heute genießen vorwiegend Gäste aus Polen, Deutschland und Russland den nostalgischen Charme des Hotels.
Ganz im Westen der slowakischen Hohen Tatra liegt Ferienort Strbske Pleso (Tschirmersee). Weithin sichtbare Wahrzeichen sind die beiden Skisprungschanzen - und das Panoramahotel, das als weiß-schwarze Pyramide das Ufer des kleinen Bergsees säumt, an dem bereits 1877 Graf Joseph Szentivany den Luftkurort gründete. Die staubfreie, klare Luft hilft bei Atemwegserkrankungen und lindert Allergien.
Am See beginnt auch der Weg zu einem Berg, der slowakische Geschichte schrieb: der 2494 Meter hohe Krivan (Krummhorn). Als ungarische Adlige den Aufstand gegen das Haus Habsburg probten, erwachte auch ein slowakisches Nationalbewusstsein. Mit "patriotischen Ausflügen" bereiteten ab 1835 die Sturovci, die Anhänger der slowakischen Nationalbewegung, einen Volksaufstand vor. Literarische Werke von Politikern, Wissenschaftlern und engagierten Bürgern sollten die Teilnehmer bei diesen Massenbesteigungen des Krivans auf die kommende Zeit einstimmen.
Dieser Brauch ist bis heute erhalten. Alljährlich am 16. August machen sich weit mehr als 1000 slowakische Patrioten auf den beschwerlichen Weg zum Gipfel, um von dort der nationalen Geschichte zu gedenken und den Blick über das Land zu genießen: von der Hohen Tatra bis in die weite, grüne Zipser-Ebene liegt ihnen der Norden der Slowakei zu Füßen.
Von Hilke Maunder, gms
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