Am Horizont ist die felsige Hügellandschaft im Dunst kaum zu erkennen, nur an einigen Stellen schimmert auf dem kargen Geröll ein wenig Grün. Auf den weiten Sandstrand rollen türkisblaue Wellen, bizarre Felsgruppen ragen ins Meer. Zwischen Strand und Bergen schmiegen sich Häuser, Cafés und Ferienanlagen, umgeben von Pinien und immergrünen Macchia-Gewächsen.
Die Costa Rei im Südosten Sardiniens, östlich der Hauptstadt Cagliari, ist für ihren fast zehn Kilometer langen Strand bekannt. Nur wenige Kilometer landeinwärts liegt die kleine Region Gerrei, ein Stück unverfälschtes Sardinien und ein Paradies für Wanderer, das weit entfernt liegt vom Norden der Insel, wo es im Sommer 2003 schwere Waldbrände gab.
Von der Costa Rei führen Landstraßen in Richtung Muravera an der Ostküste. Im Frühling bieten die Felder und Weiden ein Blütenmeer, in den Sommermonaten hat die gleißende Sonne die bunte Pflanzenpracht größtenteils verdorrt. Immerhin gedeihen in der Region um Muravera gedeihen Orangen, Zitronen, Pfirsiche und Feigen. Das quirlige Städtchen lädt mit seinen Bars zu einer kleinen Siesta oder einem "caffe" ein, bevor die nahezu menschenleere Wildnis der Region Gerrei beginnt.
Pecorino Sardi und Spanferkel
Von Muravera aus verläuft die Staatsstraße 387 entlang des Flusses Flumendosa weiter in Richtung Villasalto. Spätestens nach 20 Kilometern glaubt man, der Zivilisation entkommen zu sein. Rechts und links der kurvigen und mitunter steilen Straße erheben sich karge, weitläufige Felsgruppen, hier und da sind ein paar Ziegen zu sehen.
Doch wie aus dem Nichts taucht das kleine, verwunschen anmutende Dorf Villasalto auf. Etwa 500 Meter über dem Meeresspiegel liegt das Örtchen und bietet einen weiten Blick über das Flusstal des Flumendosa im Osten. Im Süden ragt mit knapp 980 Metern der höchste Berg der Region, der Monte Génis, in die Höhe.
Der Berg liegt in dem etwa 400 Hektar großen Naturschutzgebiet Niu de S'Achili, das Wander- und Spazierrouten unterschiedlicher Längen und Schwierigkeitsgrade bietet. Ein guter Ausgangspunkt - egal ob für einen Tagesausflug oder längere Aufenthalte in der Natur - ist die "Localitá Su Niu Nicolo' Gerrei", eine rustikale Übernachtungsstätte. Die Localitá bietet echte sardische Köstlichkeiten wie den Pecorino Sardo aus Schafsmilch und das typische Spanferkel. Vor allem erfährt man dort sardische Gastfreundlichkeit.
Die Wanderwege in dem mediterranen, aber keinesfalls lieblichen Niu de S'Achili voller Eichen, wilder Olivenbäumen, Malven, Erika und kleinen Alpenveilchen sind nicht immer als solche zu erkennen. Detaillierte Wanderkarten und möglichst ein Kompass sind daher ein Muss. Festes Schuhwerk, wetterfeste Kleidung und ausreichend Wasser sollten ebenso zur Standardausrüstung gehören.
Am meisten Spaß machen in dem menschenleeren Gebiet ziellose Erkundungen. In der Ferne sind Schafglocken zu hören, und mit ein bisschen Glück entdeckt der Wander Wildschweine, Marder oder Rebhühner. Auch Falken und Sperber gehören zu der reichhaltigen Tierwelt des Region Gerrei.
Je nach Jahreszeit sprießen wilder grüner Spargel oder Pilze aus dem Boden. Das fruchtbare Weideland eignet sich hervorragend für die Viehzucht. Begegnungen mit einigen der drei Millionen auf der Insel lebenden Schafe samt Hirte gehören daher zu jeder Wanderung.
Kein herkömmlicher Italienurlaub
Vor fast 100 Jahren erklärte der englische Schriftsteller D. H. Lawrence: "Sardinien ist den Fängen der europäischen Zivilisation entkommen". Das gilt heute nicht mehr für alle Teile der Insel, die mehr und mehr auf den Tourismus als Wirtschaftszweig neben der Landwirtschaft setzt. In der Region Gerrei aber sind Straßenlärm, Massentourismus und Häuserschluchten noch fern.
Insgesamt bietet Sardinien als zweitgrößte Mittelmeerinsel nach Sizilien das perfekte Kontrastprogramm zum üblichen Italienurlaub. Fernab von den mit Liegestühlen übersäten Stränden des Festlandes, den Michelangelos und Botticellis der Toskana und den schicken Boutiquen Mailands und Roms hat sich Sardinien seine Unberührtheit und mitunter Exklusivität lange erhalten.
Zu verdanken hat das die etwa 24.800 Quadratmeter große Insel vor allem fehlenden Charterflügen und preiswerten Pauschalangeboten. Seit kurzem erst steuern Billigflieger aus Deutschland die Flughäfen in Cagliari und Alghero an. Früher begann für jeden Touristen der Urlaub bereits auf der Fähre vom italienischen Festland bis Olbia im Norden Sardiniens oder direkt nach Cagliari.
Von Britta Schmeis, gms
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