St. Helier - Die französische Küste ist von Jersey nur einen Katzensprung entfernt, aber die Insulaner kultivieren eher ein britisches Lebensgefühl. Es gibt ein eigenes Rechtssystem und eine eigene Währung: Die Geldscheine zeigen die englische Königin, allerdings ohne die übliche Krone, und im Wasserzeichen ist eine Kuh zu sehen. Zu Großbritannien gehört die südlichste und größte der Kanalinseln zwar ebenso wenig wie zur Europäischen Union. Sie untersteht aber der englischen Krone - und das seit 800 Jahren, was in diesem Sommer kräftig gefeiert wird.
Das alles ist für Besucher manchmal nicht ganz leicht zu verstehen - und für Jersianer nicht immer einfach zu erklären: "Unsere Insel ist eben etwas ganz Besonderes", sagt Jennifer Ellenger von Jersey Tourism. "A peculiarity of the crown" - eine Besonderheit der Krone - ist Jersey auch verfassungsrechtlich. Dahinter steckt eine lange Geschichte, die man am besten kurz erzählt: 1204, als der König von England die Normandie an Frankreich abtreten musste, konnte sich Jersey entscheiden: Die Insulaner hielten der englischen Krone die Treue und sind ihr seitdem unterstellt.
Abneigung gegen Mehrwertsteuer
Inseltypisch ist auch eine ausgeprägte Abneigung gegen die Mehrwertsteuer, was Shoppen zu einem angenehmen Zeitvertreib macht. Allerdings gelten die Lebenshaltungskosten als so hoch wie im Zentrum von London, was allzu viel Euphorie wieder dämpft. Das kleine Eiland im Kanal ist gleichzeitig ein Steuerparadies, was die Finanzbranche zum wichtigsten Wirtschaftszweig gemacht hat - und ein beliebtes Urlaubsziel.
Jersey hat unbestritten seine Reize: Die Straßen sind meist schmal und oft von moosbesetzten Feldsteinen begrenzt. Allein sechs Golfplätze gibt es - und zahllose Wanderwege, weswegen die Kanalinsel bei wohlbetuchten Urlaubern genauso gefragt ist wie bei Frischluft liebenden Naturfreaks. An der Küste fällt der Blick immer wieder auf die See. "Im Osten kann man bei gutem Wetter die Häuser in der Normandie sehen", erzählt Jennifer. Das Festland ist gerade 18 Kilometer entfernt.
An der Südwestspitze liegt der beliebteste Foto-Stopp der Insel: der hellweiße Leuchtturm von Corbière, der auf schroffen Felsen aus dem Meer ragt. Fast am nördlichsten Punkt der Westküste liegt Grosnez Castle, die Reste einer mittelalterlichen Burganlage aus dem 14. Jahrhundert. Diese Überbleibsel sind nicht gerade eindrucksvoll. Die Wirkung entsteht erst durch die Umgebung: Direkt dahinter fallen die Klippen tief ins Meer ab. Der Wind kann hier durchaus so kräftig werden, dass ängstliche Gemüter fürchten, gleich mit hinuntergepustet zu werden.
"Jersey Revels"
Noch imposanter ist Mont Orgueil Castle, eine Burg hoch über dem Meer an der Ostküste. Von Frankreich aus kann man sie sehen, und das war auch Absicht. Von oben gibt es einen tollen Blick auf den Yachthafen und die See - mit dem Segelboot sind es drei Stunden bis Frankreich. Auf Mont Orgeuil findet ein Hauptteil der diesjährigen Feiern statt - die "Jersey Revels" vom 25. bis 27. Juni. Dann stehen unter anderem Vorführungen in mittelalterlichem Kunsthandwerk, Turnierkämpfe und Falkenjagd auf dem Programm.
Sehenswerte Burgen und Herrensitze gibt es auf Jersey einige. Dazu zählt Samares Manor im Südosten, das seit 25 Jahren seine großen Gartenanlagen der Öffentlichkeit zugänglich macht. Besonders der Kräutergarten mit seinen buchsbaumumrankten Torbögen und zahlreichen Heil- und Gewürzpflanzen gilt als ungewöhnlich.
Das traditionsreichste Herrenhaus aber ist St. Ouens Manor im Westen der Insel. Das Anwesen ist im Besitz der Familie de Carteret - und das seit kurz nach der Jungsteinzeit oder jedenfalls seit deutlich mehr als 800 Jahren. Die Familie zählt zu den Treuesten der Treuen gegenüber der englischen Krone, deren Lehnsmänner sie für Jahrhunderte waren und von der sie einst ein Stück Land in Nordamerika geschenkt bekamen: New Jersey - bedauerlicherweise nicht mehr in Familienbesitz.
Noch immer gilt der Familienchef aber als "Seigneur", als Edelmann also. "Wenn die Queen zu Besuch kommt, bin ich nach wie vor verpflichtet, vor ihr niederzuknien", erzählt Philip Malet de Carteret. Ein paar Mal ist das immerhin schon vorgekommen.
Einmal in der Woche tagt das Parlament
Der sympathische ältere Herr ist hauptberuflich Börsenmakler und trägt zum dunklen Anzug bevorzugt Fliege. Mit dieser modischen Neigung zur schlichten Eleganz korrespondiert das Anwesen: "Wir haben seit 1135 ein Haus hier", erzählt der "Seigneur". Der Garten sieht aus wie ein Park: Bäume stehen dicht an dicht, schwarze Schwäne dümpeln auf einem lauschigen Teich. Ein Pfau stolziert über den Kiesweg. Üblicherweise bleibt die Idylle allerdings der Familie vorbehalten.
Anders ist das mit dem "Parlament" in der Inselhauptstadt St. Helier - "the States Chamber" genannt -, zu dem Touristen problemlos Zugang haben. Die Wände sind holzvertäfelt, die Klappstühle für die Abgeordneten mit Leder bezogen, und auf zwei Tischen steht eine beachtliche Sammlung von Gesetzestexten. Gleich dahinter glänzt das Zepter des Bailiffs, oberster Vertreter der englischen Krone in der Kammer.
"Einmal in der Woche trifft sich hier das Parlament, um zu entscheiden, was mit unserem Geld passiert", erklärt Hugh Gill, der als Fremdenführer auf Jersey arbeitet. Zugleich wacht die Versammlung darüber, dass Jersey seine Eigenheiten bewahrt. Denn seine Unabhängigkeit würde die Insel nach 800 Jahren ausgesprochen ungern aufgeben, wie Hugh betont - "an niemanden, auch nicht an die EU".
Von Andreas Heimann, gms
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