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15.07.2004
 

Costa Verde

Das Wüten der Stürme

Costa Verde im Herbst? Beim Blick auf die Wetterkarte vom Oktober könnte man meinen, Spaniens Atlantikküste sei höchstens für trübe Zyklone gut. Doch Autor Frank Tophoven liebt die Zeit der Stürme, die brüllenden Wellen und den tiefschwarzen Himmel.

Playa Merón: Wilde Küste Kantabriens vor San Vicente de la Barquena
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Frank Tophoven

Playa Merón: Wilde Küste Kantabriens vor San Vicente de la Barquena

Eigentlich macht man das nicht. Nein. Man reist nicht an die Costa Verde, wenn der Sommer schon vorüber ist. Mein erster Weg in Santander führt in einen kleinen Laden, der einzig Regenschirme führt. Ich erstehe ein riesengroßes, schwarzes Exemplar. Er sei sturmfest, betont der freundliche, ältere Ladenbesitzer und fragt, ob er ihn einpacken solle. "Nein danke", antworte ich, "ich möchte ihn gleich benutzen."

Wie nasse Katzen stehen die Palmen an der Promenade, und im kleinen Hafen kuscheln sich Yachten und Fischerkähne aneinander, als ob sie frieren. Aber mit großem Regenschirm kann man auch im Oktober an den Strand El Sardinero II gehen. Santander hat viele schöne Strände, doch "in" ist die Playa Sardinero II. Auch im Herbst.

"Dort warten die süßesten Surfer auf ihre Welle", meinen deren Groupies, während sie auf ihre Surfer warten. Hier treffen sich am frühen Nachmittag die Szenegänger und sammeln Kraft für die nächste Nacht. Man spaziert mit Hund und Regenschirm, joggt oder flaniert und ein paar Alte wagen sich ins Meer. Wahrscheinlich Engländer. Immerhin soll das Wasser 17 Grad Celsius haben - ein Grad wärmer als im Juni. Die Sonne zeigt sich schon am folgenden Tag. Das muss sie auch. An jedem zweiten Tag scheint die Sonne, deute ich optimistisch eine Statistik, die für den Oktober 14 Regentage vorsieht. Übrigens nicht mehr als im August oder September. Nur der Juni gilt mit elf Regentagen als extrem trockener Monat.

Wenn die Sonne scheint, strahlt das weiße Spielkasino über der Playa El Sardinero. Anfang des 20. Jahrhunderts verzockten dort spanische Adelige ihre Apanagen, und wenn sie gewonnen hatten, bauten sie sich gleich danach Paläste in Santander. Im großartigsten dieser Gemäuer residierte König Alfonso XIII., ganz oben auf dem Hügel der Halbinsel Magdalena. 1941 vernichtete ein großes Feuer weite Teile von Santanders Altstadt. Aber noch immer leuchten abends viele gepflasterte Plätze und romantische Gassen im warmen Licht antiquierter Laternen. In ungefähr jedem zweiten der alten Häuser befinden sich Bars und Bodegas, also jene urspanischen Kultstätten, an denen Geselligkeit, Wein und Tapas geboten werden.

Spanische Küche mit Suchtpotenzial

Das Restaurant "Entre tapa y vino" ist allerdings anders. Über dem Strand von Sardinero sitze ich in neuer, spanischer Sachlichkeit aus Holz, Stahl und Glas, blicke hinunter auf das Meer. Man serviert Tintenfisch in eigener Tinte mit Mousse von Karotten - Tapas neu interpretiert. Walnüsse, Rosinen und Honig verleihen vier pikanten Käsesorten ungeahnte Geschmacksnuancen, die von Olivenöl und Basilikum abgerundet werden. Dazu ein Rioja der besseren Art. Neue, spanische Küche mit Suchtpotenzial.

San Vicente de la Barquena: Abendstimmung am Rio Escudo
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Frank Tophoven

San Vicente de la Barquena: Abendstimmung am Rio Escudo

Santillana del Mar liegt nur 30 Kilometer von Santander entfernt. Kein Reiseführer, der nicht von dem mittelalterlichen Dorf schwärmen würde, dieser "Symphonie in Stein". Die Realität: Selbst an regnerischen Herbsttagen schieben sich Bustouristen wie die Lemminge über das mittelalterliche Pflaster, und kaum einer der zahlreichen Souvenirshops versprüht mittelalterlichen Charme.

Die Restaurants sind im Schnitt nicht besonders gut, aber besonders teuer und, wie gesagt, es regnet! Comillas dagegen ist eine kleine Stadt mit nachgedunkelten Häusern aus Sandstein, zu denen mein schwarzer Regenschirm hervorragend passt. Im Herbst wirkt Comillas sehr familiär. Als ich zum zweiten Mal vor dem Café an der Plaza frühstücke, grüßen mich die Kellnerin, das Paar am Nachbartisch und die meisten Passanten. Man kennt sich. Comillas ist winzig. Die Altstadt ist noch winziger - ein wunderschöner, gepflasterter Platz mit Rathaus und Kathedrale und ein paar kleine Gassen. Das Meer hat einen ordentlichen Strand und der Jugendstilarchitekt Antoni Gaudí einen netten, verspielten Palast mit Türmchen und Mosaiken geschaffen.

Trotzdem sollte man zwischendurch mal das Dorf verlassen und weiter an der Küste entlang fahren, nicht auf der neuen Autobahn, sondern diesem Asphalt-Flickenteppich vertrauen, der bei La Rabia ein naturgeschütztes Sumpfgebiet quert - wo zwischen Nebelschleiern nackte, fahle Baumleichen aus dem Sumpf ragen - und bis San Vicente dem Verlauf der Küste folgt. Ziemlich grün hier: sanfte Hügel, Wiesen, Sträucher und kleine Wälder, der Blick von der Straße hinunter auf die Playa de Oyambre - ein wildromantischer Atlantikstrand, der sich in einer kilometerlangen Bucht räkelt.

Churros und heiße Schokolade

Kurz bevor ich San Vicente de la Barquera erreiche, bricht die Sonne durch die Wolken und neben der Straße leuchtet ein goldener Strand. Eine Stunde lang stapfe ich durch den Sand, segele vor dem Wind, stemme mich gegen ihn auf dem Rückweg, lasse mich richtig durchpusten und kann mir gar nicht vorstellen, die grüne Küste im Sommer zu besuchen. "Im Herbst ist es viel schöner", bestätigen ein paar Surfer. "Ist hier ziemlich voll im Sommer und die Wellen taugen nicht viel." In Asturien macht mir der Wettergott eine Freude und schickt ein ordentliches Tief in die Biskaya. Die Wellen brüllen, und der Sturm trägt sein Wüten in den Hafen von Llanes. Heute wagt sich keiner raus.

Picos de Europa nahe dem Lago Enol: Der gewaltige Gebirgszug bis über 2600 Meter Höhe steht fast gänzlich unter Naturschutz
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Frank Tophoven

Picos de Europa nahe dem Lago Enol: Der gewaltige Gebirgszug bis über 2600 Meter Höhe steht fast gänzlich unter Naturschutz

Tiefschwarz hängt der Himmel über dem Ort und dem Meer. Landeinwärts über den Bergen klafft eine Lücke in den Wolken, stechen Sonnenstrahlen durch die Lücke und beleuchten die Promenade am Flussufer wie eine Bühne. Es ist Sonntag. Wochenendgäste aus Bilbao bevölkern Llanes. In gediegener Country-Style-Mode schlendern sie bis zum Ende der Flaniermeile und steigen auf die Plattform über den Klippen. Von oben sehen sie die Wellen heranrollen. Sie schlagen donnernd vor die Hafenmauer und explodieren auf den haushohen Betonquadern. Wie ein Geysir katapultiert sich der Atlantik in den Himmel, unwiderstehlich strömt das Meer über den Beton und flutet als Wasserfall auf der anderen Seite den Hafen. Der schwarze Himmel ist noch näher gerückt, hängt noch tiefer, nur eine Armhöhe über den Köpfen der Ausflügler. Dann fallen dicke Tropfen. Die Schaulustigen strömen zurück zu den Altstadthäusern und verschwinden in den Cafés, auf Churros - frittiertes Gebäck - und heiße Schokolade.

  • 1. Teil: Das Wüten der Stürme
  • 2. Teil

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