Von Dominik Baur
Die Inuit, so sagt man, haben Dutzende verschiedene Worte für "Schnee". Ein solches Vokabular wäre bestimmt auch im nordnorwegischen Vardø, der einzigen Stadt des Landes in der arktischen Klimazone, sehr von Nutzen. Schließlich dominiert das kalte Weiß hier den größten Teil des Jahres das Leben der Menschen.
Und dennoch borgten sich die Einwohner auf der kleinen, dem Festland vorgelagerten Insel in der Barentssee ausgerechnet ein Wort aus Japan für ihr größtes sportliches Ereignis. "Yuki" heißt Schnee auf Japanisch, und zusammen mit dem Wort importierten die Norweger auch gleich das Spiel: "Yukigassen", eine Schneeballschlacht nach streng vorgegebenen Regeln.
Mit den Meisterschaften wird jedes Jahr im April der Winter verabschiedet - lange freilich bevor der letzte Schnee geschmolzen ist. Ein paar Dutzend siebenköpfige Mannschaften aus Norwegen und Finnland treten mit größtmöglichstem Ernst und 90 exakt nach den Vorschriften geformten Schneebällen gegeneinander an, in der Hoffnung, den Titel des Yukigassen-Meisters mit nach Hause zu nehmen. Demnächst, so hoffen sie, soll das Spiel auch olympische Disziplin werden.
Vier Tage lang dauert das Spektakel, begleitet wird es von den Meisterschaften im "Yuki-Dance" und der Wahl der Yuki-Königin und des Yuki-Königs. Danach kehrt wieder Ruhe ein in der 4000-Einwohner-Stadt, denn nur wenige Touristen verirren sich bislang nach Vardø.
Vardø liegt 424 Kilometer nördlich des Polarkreises. Sowohl Russland als auch Finnland sind nur einen Schneeballwurf weit entfernt. Von Berlin aus gesehen ist das Örtchen etwa so weit entfernt wie Tripolis. Wer mit dem Auto nach Vardø kommt, ist selbst Schuld. Ins nordöstlichste Eck Europas reist man mit der heute vornehmlich von Touristen genutzten Postschifflinie Hurtigruten, dem Motorschlitten oder allenfalls dem Flugzeug. Wie eine Buslinie bedient ein Kleinflugzeug mehrfach täglich von Kirkenes aus die wichtigsten Orte in der Finnmark.
Vor ein paar Jahren wollte die Regierung ihn schon einmal schließen, den Flughafen, der vier Kilometer von der Stadt entfernt auf dem Festland liegt - verbunden durch einen 2,9 Kilometer langen Tunnel. Die Seefunkstation sollte bei der Gelegenheit auch gleich dicht gemacht werden. Doch da hatten die Regierenden in Oslo nicht mit der Hartnäckigkeit der Inselbewohner gerechnet. Wer Jahr für Jahr den arktischen Wetterverhältnissen trotzt, über zwei Monate im Jahr auf Sonnenschein verzichtet und im Jahr mit statistisch gesehen 1,9 Tagen Sommer - sprich Tagen, an denen es wärmer als 20 Grad Celsius wird - auskommt, der lässt sich von einer voreiligen Regierungsentscheidung nicht beeindrucken.
So ging die Stadt mit der niemals eingenommenen Festung, der nördlichsten Europas, auch dieses Mal als Sieger aus dem Streit hervor. Der Stadtrat trat geschlossen zurück, übergab seine Geschäfte an die Zentralregierung, die ersten Kamerateams aus Oslo reisten an, ein Staatssekretär zur Schadensbegrenzung hinterher. Fazit: Sowohl Flughafen als auch Seefunkstation blieben.
Nicht ganz so erfolgreich sind die Vardøer allerdings im Kampf gegen die internationale wirtschaftliche Konkurrenz. Den Hafen säumen stillgelegte Fischfabriken. Gern weisen die Einwohner mit einem sarkastischen Unterton auf eine Fischfabrik am Rande der Stadt hin. Sie soll eine der modernsten ihrer Art überhaupt sein, eröffnet wurde sie erst 2003. Doch unmittelbar nach der Inbetriebnahme ging sie schon Bankrott - und steht nun als Mahnmal in der Landschaft.
Doch die Vardøer haben nur ihren Fisch, und da sie ihre Stadt um keinen Preis verlassen wollen, machen sie weiter wie bisher, fahren Tag für Tag bei Eiseskälte mit ihren kleinen Kuttern raus in die Barentssee und holen, was das Meer hergibt. Touristen können sie dabei begleiten und beispielsweise mit auf die Jagd nach Königskrabben gehen. Mit etwas Glück sieht man dabei sogar den einen oder anderen Wal. Seefestigkeit ist dabei durchaus von Vorteil.
Alternativ bieten die Veranstalter "Witch tours" an, einen Trip in die dunkelste Vergangenheit der Stadt, ins 17. Jahrhundert, als Vardø einen traurigen Rekord aufstellte: Nirgends wurden im Verhältnis zur Größe der Stadt so viele Hexen verbrannt wie hier zwischen 1621 und 1692.
Ein, zwei Tage freilich reichen für Vardø selbst - und dann nix wie Fjord - zum Beispiel per Hurtigruten eine Station bis zu dem kleinen Fischerdorf Batsfjord. Von dort aus gilt es, die endlosen verschneiten Weiten zu ergründen - mit dem Schlitten.
So lässt sich dann auch das Land der Samen "erfahren". Samen gibt es zwar auch in Finnland, Schweden und Russland, aber mehr als die Hälfte dieser ethnischen Gruppe mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte lebt in Norwegen. Mittlerweile wird den Samen weit reichende kulturelle Autonomie zugestanden. Sie haben sogar ein eigenes Parlament und eine eigene Fernsehstation. Die Landflucht hat allerdings auch hier schon um sich gegriffen. Die größte samische Gemeinde ist heute nicht Kautokeinos oder Karasjok, sondern Oslo.
Natürlich ist es möglich, eine Tour mit dem Hundeschlitten zu buchen. Doch was früher die Aufgabe von Huskys war, übernehmen heute meist PS-starke Motoren. Mit 80 bis 100 Kilometern pro Stunde geht es nun querfeldein. Dem einen genügen einige Stunden Fahrt bis zum nächsten Städtchen, Schneemobil-Enthusiasten können jedoch auch tagelange Touren durch die Finnmark buchen - ein Vergnügen, das allerdings, wie überhaupt ein Urlaub in Nordnorwegen, nicht ganz billig ist.
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