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27.07.2004
 

Wandern in der Rhön

Bayerische Highlands

Wo das raue Land den schottischen Hochebenen ähnelt, dort liegen die Kernstücke des Unesco-Biosphärenreservats Rhön: einsame Naturschutzgebiete mit vielen vom Aussterben bedrohten Tieren und Pflanzen. Die Region im Dreiländereck von Bayern, Thüringen und Hessen bietet Wanderern und Radfahrern ein ausgedehntes Wegenetz.

Gleitschirmflieger über der Wasserkuppe:  Der mit  950 Metern höchste Berg Hessens ist Touristenmagnet Nummer eins in der Rhön
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Gleitschirmflieger über der Wasserkuppe: Der mit 950 Metern höchste Berg Hessens ist Touristenmagnet Nummer eins in der Rhön

Gersfeld - Jahrzehntelang war die Rhön eine abgelegene Region an der innerdeutschen Grenze. Heute wartet das "Land der offenen Fernen" darauf, von Urlaubern entdeckt zu werden. Die Region mitten in Deutschland, die sich über drei Bundesländer erstreckt, lockt vor allem Wanderer, Radler und Naturliebhaber an. Mehr als 9000 Kilometer Wanderwege und Fahrradrouten führen durch die Landschaft des Unesco-Biosphärenreservates und durch einsame Naturschutzgebiete.

Steil ist der Anstieg auf die Milseburg, den Sagen umwobenen Basaltkegel der Rhön. Schmale Geröllpfade schlängeln sich durch das Walddickicht. In 835 Meter Höhe angekommen, lässt der Rundumblick aber alle Mühen vergessen. Weit reicht die Sicht ins Dreiländereck von Bayern, Hessen und Thüringen: im Westen zum Beispiel bis Fulda und südwärts über die Wasserkuppe bis zum Kreuzberg in Bayern.

Milseburg-Tunnel: Rund 2000 Kilometer umfasst das gut ausgeschilderte Wegenetz für Radler in der Rhön
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Milseburg-Tunnel: Rund 2000 Kilometer umfasst das gut ausgeschilderte Wegenetz für Radler in der Rhön

"Land der offenen Fernen" nennt sich die Region. Anders als in anderen Mittelgebirgen wechseln sich hier sattgrüne Bergwiesen, einzelne Baumgruppen und kleinere Waldstücke ab. "Wer bei uns wandert, der sieht alle halbe Stunde ein neues Landschaftspanorama", sagt Heinrich Heß vom Biosphärenreservat auf der Wasserkuppe. Im Jahr 1991 erkannte die Unesco die Rhön als Biosphärenreservat an, um die Mittelgebirgslandschaft zu schützen. Damit gehört die Region zu einem weltumspannenden Netz von gut 400 Reservaten in knapp 100 Ländern.

Deutschlands längste Röhre nur für Radfahrer

Wanderer und Radler sind in der Rhön besonders willkommen. Alleine im bayerischen und hessischen Teil gibt es 120 Wanderparkplätze. Von dort aus umfasst das dicht gesponnene Netz der Rundwege 2000 Kilometer, weitere 5000 Kilometer sind markierte Pfade des Rhönklubs. Bei dieser Auswahl sind die vielen Wegezeichen manchmal verwirrend. Daher sollte eine detaillierte Landkarte ebenso zur Ausrüstung gehören wie knöchelhohe Wanderstiefel, die auf den teilweise abschüssigen und schlüpfrigen Geröllwegen gute Dienste leisten.

Radwanderer strampeln auf einem gut ausgeschilderten Wegenetz, das ebenfalls gut 2000 Kilometer umfasst. Oft führen die Routen durch die grünen Wiesen der Flusstäler. Über eine ehemalige Eisenbahntrasse rollen die Radler bei Eckweisbach sogar durch einen 1172 Meter langen Tunnel - Deutschlands längste Röhre nur für Radfahrer. Übernachtet wird meist in ländliche Gasthöfen und Pensionen; Großhotels sind bis auf eine ausgedehnte Ferienanlage an der Rother Kuppe unbekannt.

Segelflugzeuge im Original und als Modell: Das Deutsche Segelflugmuseum auf der Wasserkuppe stellt seine Exponate in einem Rundbau mit 37 Metern Durchmesser aus
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Segelflugzeuge im Original und als Modell: Das Deutsche Segelflugmuseum auf der Wasserkuppe stellt seine Exponate in einem Rundbau mit 37 Metern Durchmesser aus

Im Rahmen des Biosphärenreservat-Projektes haben sich die Rhöner während der vergangenen Jahre immer mehr auf die Traditionen und Stärken ihrer Region besonnen. So fanden sich Gastwirte zusammen, die schon beinahe vergessene heimische Produkte wie Rhönschaf, Braten vom Rhöner Weideochsen und die Bachforelle auf ihre Speisekarten setzen.

Oberhalb von Ehrenberg-Wüstensachsen hütet der Schäfer Dietmar Weckbach mehr als 600 Tiere, die meisten davon Rhönschafe. Der Hirte erläutert zwischendurch gerne Stadtkindern oder den Teilnehmern von Managementseminaren, wie er an den steinigen Hängen mit den Schafen als Landschaftspfleger unterwegs ist. Zeit für ein "Schäferstündchen" hat er dabei nicht mehr. Von den Äpfeln der Streuobstwiesen keltern mehrere Betriebe Saft, Wein, Sherry und sogar Schaumwein. In einer Schau-Kelterei in Ehrenberg-Seiferts können die Gäste miterleben, wenn aus Streuobst zunächst Apfelsaft und dann Apfelwein wird.

Geburtsstätte der Segelfliegerei

Eine der Wandertouren führt von der Milseburg durchs liebliche Biebertal über Grabenhöfchen und die blumenreichen Wiesen des Weiherberges bis zur Enzianhütte, wo die Wirtsleute deftige Speisen auftischen. Unterwegs grüßt von gegenüber die Wasserkuppe. Mit 950 Meter Höhe ist das Plateau nicht nur der höchste Berg Hessens, sondern auch Tourismusmagnet Nummer eins in der Rhön. Vor allem an den schönen Wochenenden ist es von Ausflüglern stark bevölkert.

Wanderer in Mittelgebirgslandschaft Rhön: Alle 30 Minuten ein neues Landschaftsbild
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Wanderer in Mittelgebirgslandschaft Rhön: Alle 30 Minuten ein neues Landschaftsbild

Die Wasserkuppe ist die Geburtsstätte der Segelfliegerei. 1911 begannen Schüler und Studenten aus Darmstadt an den sanften Abhängen des Berges mit ersten Flugversuchen, und im August 1912 gelang einem von ihnen ein Gleitflug über 838 Meter in 112 Sekunden - Weltrekord zur damaligen Zeit. Auf dem "heiligen Berg der Segelflieger" bietet das Deutsche Segelflugmuseum eine Sammlung von zeitgeschichtlichen Fotos, Büchern, Urkunden und historischen Flugapparaten. Bei einem Rundgang auf dem kahlen Bergplateau können Piloten aus aller Welt, dazu Drachen-, Gleitschirm- und Modellflieger beobachtet werden. An manchen Tagen starten die Segelflugzeuge vom Wasserkuppen-Flugfeld im Minutenabstand, ganz wie die Jets auf einem internationalen Airport.

Heißer Ort im Kalten Krieg

Kernstücke des Biosphärenreservates Rhön sind ausgedehnte Naturschutzgebiete wie "Rotes und Schwarzes Moor" und die "Lange Rhön", wo das raue Land den schottischen Hochebenen ähnelt. Die einsame Hochebene, eines der größten Naturschutzgebiete Bayerns, bietet vielen vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Tieren einen Überlebensraum. Durch die Schutzzone schlängeln sich nur eine Hand voll markierter Wanderpfade sowie die kurvige "Hochrhönstraße".

Wanderungen in die deutsch-deutsche Geschichte führen an einigen Stellen über die ehemaligen Kontrollwege der DDR-Grenzer. Zwischen Rasdorf und Geisa zeigt die Gedenkstätte "Point Alpha" an der hessisch-thüringischen Grenze beklemmende Dokumente der deutschen Teilung. An keiner anderen Stelle des ehemaligen Eisernen Vorhangs standen sich US-amerikanische Soldaten und DDR-Truppen über viele Jahre hinweg so nahe Auge in Auge gegenüber wie hier, direkt an Sperrzaun, Todesstreifen und Minengürtel. Heute erinnert eine Tafel daran: "Point Alpha - ein heißer Ort im Kalten Krieg".

Von Bernd F. Meier, gms

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