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23.09.2004
 

Toskana

Das Geheimnis der Etrusker

Von Jörg-Uwe Albig

Einst beherrschten sie das gesamte westliche Mittelmeer, doch mit ihrem lautlosen Untergang verschwand auch ihre Kultur. Die lebensfrohen Etrusker hinterließen frivole Wandgemälde und viele Rätsel. Ein Spaziergang auf den Spuren des geheimnisvollsten Volks der Antike.

Die Kathedrale von Sovana: Die Etrusker durchfurchten das Hügelland im Dreieck der Städte Pitigliano, Sovana und Sorano mit Hohlwegen
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Sandro Michahellis

Die Kathedrale von Sovana: Die Etrusker durchfurchten das Hügelland im Dreieck der Städte Pitigliano, Sovana und Sorano mit Hohlwegen

"Ein sehr, sehr mysteriöser Ort", sagt Carlo Rosati. Viereckig rahmt die Höhlenöffnung den Westhimmel; jenseits des Tals glühen schon die Lichter von Cerreto. Der Sonnenuntergang wischt über das Herbstrot der Bäume, blinzelt zwischen den Silhouetten der Hügel hindurch, reckt sich noch einmal über die dunkelnde Schlucht. Wirft orangefarbenes Licht in die Grotte und schärft die Umrisse der flaschengroßen Öffnungen, die hier zu Hunderten in strengen Reihen die Wände perforieren: ein hohler, heiliger Käse. Carlo Rosati tritt einen Schritt vom Abgrund zurück. "Colombari", sagt er, "die Taubenschläge von Sorano."

Warum nur haben die Etrusker diese Löcher in die Wände einer Höhle gehauen, die man nur auf Leitern und halsbrecherischen Felspfaden erreicht? Wollten sie die Asche ihrer Verstorbenen diebstahlsicher aufbewahren? Wollten sie einen Bienenstock darstellen, um einem bizarren Bienenkult zu frönen? Oder wollten sie tatsächlich Tauben darin beherbergen? Carlo Rosati schreitet durch die Höhle, stellt Hypothesen auf und lässt sie wieder fallen: "Ein sehr, sehr mysteriöser Ort."

Rätsel über Rätsel

Die seriöse Archäologie hört es nicht gern, wenn man vom Geheimnis der Etrusker spricht. Ist es denn ein Geheimnis und nicht schlicht Forschungsbedarf, wenn noch immer kein Mensch weiß, ob die Etrusker um 1000 vor Christi aus Kleinasien an die toskanischen Küsten gewandert sind - oder ob sie vielleicht schon immer hier wohnten und nur plötzlich ans Licht der Geschichte gelangten? Wenn bis heute nur etwa 500 Grundwörter der etruskischen Sprache entschlüsselt sind und keine Verwandtschaft zu irgendeiner anderen Sprache auszumachen ist? Wenn keine Literatur und fast kein Tempel der Etrusker erhalten ist, sondern kaum mehr als Gräber?

Wenn niemand so recht weiß, wie es geschehen konnte, dass ein Volk, das im sechsten Jahrhundert vor Christi das gesamte westliche Mittelmeer beherrschte, dazu die Apenninenhalbinsel vom Po bis Pompeji, sich schon zwei Jahrhunderte später lautlos von Rom überrollen ließ?

Carlo Rosati kann und will die Rätsel nicht lösen. Schließlich verdient er mit ihnen sein Geld. Mit seiner "Cooperativa La Fortezza" führt er Freunde verschollener Tatsachen dem Mysterium entgegen - in die "vie cave" etwa, die von Etruskern angelegten Hohlwege, die vor allem das Hügelland im Dreieck der Städte Pitigliano, Sovana und Sorano durchfurchen, bisweilen zwanzig Meter tief und anderthalb Meter breit - mit Hacken geschlagen oder mit Holzkeilen aus dem Tuffstein gesprengt. Carlo zeigt Werkzeugspuren an den Kanten, von denen Abflusskanäle für Regenwasser abzweigen. Im Boden höhlen sich Rinnen, vielleicht von Eselsfüßen gefräst, und wellige Trittstufen, deren Alter niemand kennt.

Ein überschwengliches Leben

Kann es ein Zufall sein, dass die Etrusker sich zwischen den toskanischen Hügeln und Tyrrhenischem Meer niederließen? "Tyrrhenoi" wurden sie von den Griechen, "Tusci" von den Römern genannt, und offenbar waren sie die Toskana-Fraktion der Antike: Der Römer Catull beschrieb den "feisten Etrusker", Vergil den "beleibten Tyrrhenier". Der griechische Philosoph Poseidonios von Apameia tadelte "übertriebenen Luxus" und "Weichlichkeit" eines Volkes, das "sich zweimal am Tag umfangreiche Mahlzeiten auftischen" ließ, "mit allem, was zu einem feinen Leben gehört, mit blumenbestickten Decken, Silbergeschirr und einer Unmenge Sklaven, die sie bedienen". Auf den Wandmalereien in den Gräbern von Tarquinia, schon kurz hinter der Grenze zur Region Latium, feiert sich Etruriens High Society in ihrem ganzen Überschwang: Hier ist das Leben wie der Tod ein einziges Flötenspiel, ein Jagen, Schlemmen und Lieben.

Der Tomba Ildebranda bei Sovana: Wie Transformatorenhäuschen
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Sandro Michahelles

Der Tomba Ildebranda bei Sovana: Wie Transformatorenhäuschen

Von außen sehen die Grabstätten aus wie Transformatorenhäuschen, schmucklos und grau. Über steile Stufen führt der Weg in die Grabkammern hinab, ins Dunkel. Dann steht der Pilger am Eisengitter, drückt auf den Lichtschalter - und sieht eine neue, bessere Welt. Im "Grab der Löwinnen" tanzen Menschen, Wellen und Delfine. Im "Grab der Leoparden" liegen drei träge Paare beim Mahl, beharft von Musikanten, bedient von nackten Sklaven. Im "Grab der Züchtigung" geht es so zügellos her, dass spätere, prüdere Kulturen die intimen Stellen mit Ruß geschwärzt haben. Auf den Wänden im "Cardarelli-Grab" spielt man "kòttabos", ein Spiel, bei dem es gilt, Wein aus einer Schale in ein schwimmendes Gefäß zu schleudern und dabei den Namen der Geliebten zu rufen. Und im "Grab der Charonten" steht neben den ungekämmten Totengöttern eine gemalte Tür als letzter Ausweg offen.

Prunkvolle Gräber

Wolken rennen über den Himmel, Sonnenflecken wischen über den Hügel. Und hinter dem Fluss, dem Fosso San Savino, erhebt sich ein zweiter Hügel, der dem Hügel der Gräber aufs Haar gleicht: Hier stand einmal das alte Tarquinia, die Stadt der Lebenden. Deren festliches Dasein sich im Tod wiederholte, in den Grabkammern, die bisweilen aussehen wie Partykeller der Ewigkeit, mit hufeisenförmig zum Bankett angeordneten Bänken und Lotterkissen aus Stein. In prunkvollen Totenpalästen wie der "Tomba Ildebranda" bei Sovana, einem überdimensionierten Denkmal aus dem vierten und dritten Jahrhundert v. Chr. im Stil eines griechischen Tempels, aus dem Fels geschlagen mit zwölf Säulen und drei Tympana - Giebelfeldern -, geschmückt mit Greifen, Gänsen, Blumen und Frauenköpfen - und einer unscheinbaren, kleinen Grabkammer im Souterrain.

Die Tomba dei Carri: Eines der beeindruckendsten Kuppelgräber des Archäologischen Parks von Baratti
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Sandro Michahelles

Die Tomba dei Carri: Eines der beeindruckendsten Kuppelgräber des Archäologischen Parks von Baratti

"Und alles war doppelt", schrieb der wildbärtige Schriftsteller D. H. Lawrence ("Lady Chatterley"), ein fanatischer Anbeter des Lebens und der lebensfrohen Etrusker, "oder enthielt seine eigene Zweiheit." Alles doppelt! So scheinen die Hügelgräber von Populonia am Golf von Baratti, dem einzigen der zwölf etruskischen Stadtstaaten, der am Meer lag, die toskanische Buckellandschaft nachzustellen: Mächtige runde Kuppeln, manchmal dreißig Meter stark, wellen sich wie Schildkrötenpanzer hinab bis zum Strand. In diese Gräber hatten die Etrusker ihren Reichtum gesteckt - später überschwemmte sie genau das, was das Volk reich gemacht hatte: Schlacke aus den Eisenerzen der Insel Elba, die vor Populonias Küste das Meer bewacht. Das schwarze Gold hatte die Stadt zum Kuwait der Antike gemacht.

Erst im 19. Jahrhundert entdeckt

Als im 4. Jahrhundert v. Chr. aller Wald der Region als Feuermaterial aufgebraucht war, gab es nichts mehr, was dem schwarzen Eisenschlamm Gegenwehr bieten konnte. Er überzog das Land und begrub schließlich auch die Gräber unter einer sieben bis zehn Meter dicken Schicht - luftdicht, sodass am Ende des 19. Jahrhunderts, als Archäologen begannen, sie unter der Schlacke hervorzuschälen, die Nekropole fast unversehrt zutage trat. Seitdem macht sich der Seewind wieder ungehindert am Sandstein zu schaffen, harkt scharfe Riffel in die Mauern der Grabumkragungen und lässt die Totenhäuser bröckeln. Aber die Eisenreste im Boden schimmern noch heute in der Sonne wie Goldstaub. Geckos sonnen sich hinter den Plexiglasverkleidungen der Gräber.

Natalie Redolfi, die Fremdenführerin, kriecht gebückt in den niedrigen Zugang zum "Grab der Streitwagen", führt die Totenlager vor, deren Eckpfeiler gedrechselt aussehen wie veritable Bettpfosten, und die winzige Nische, in der die Archäologen bei der Ausgrabung einen Rennwagen und eine Kutsche gefunden haben - ausgewachsen, doch auf handliche Größe zusammengefaltet. Über grasbewachsenen Boden, aus dem noch hier und da steinerne Ecken ragen ("Unter uns liegen immer noch jede Menge Sarkophage"), geht sie voran zum "Grab der attischen Becher" und zum "Grab der Siebe", streift dann zwischen Lupinen, wildem Spargel und Korkeichen hinauf zum alten Steinbruch, dessen Felsgräber erst Ende der 1990er Jahre ans Licht kamen: "in den siebziger Jahren sind schon einmal Grabräuber dagewesen", sagt Natalie Redolfi. "Wir wissen das, weil in einem Grab eine Coladose lag."

Aus dem "GEO Saison für Genießer"-Heft 2004, "Toskana"

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