ThemaNorwegen-ReisenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.01.2005
 

Die Norweger

Zwischen Eiseskälte und Herzenswärme

Kontaktfreudig sind die Norweger, heimatverbunden und zugleich sehr den modernen Errungenschaften zugetan. Im langen Land an Europas Nordspitze lebt es sich zurzeit besser als irgendwo sonst auf der Welt - statistisch belegt und subjektiv empfunden von Autorin Nina Freydag.

Am Südzipfel der Lofoten: Der Heimatort ist bei aller Mobilität unglaublich wichtig
Zur Großansicht
Foto: GMS

Am Südzipfel der Lofoten: Der Heimatort ist bei aller Mobilität unglaublich wichtig

Einmal spazierte ich durch ein kleines Dorf am Eismeer, nicht sehr weit vom Nordkap. Es war durch einen Dokumentarfilm berühmt geworden, der das norwegische Volk zu Tränen gerührt hatte: Er handelte von einem betagten Fischerchor. Kaum war ich angekommen, kam mir schon einer der greisen Sänger auf seinem Klapprad entgegen. Ich winkte ihm vom Wegesrand zu und sprach ihn an: "Du?" Das mag unhöflich klingen, doch in Norwegen duzt man jeden - nur den König nicht.

Der alte Mann hielt etwas zittrig an und stabilisierte den Lenker, von dem eine Plastiktüte hing. Er kam gerade vom Einkaufen. Dann lächelte er mich durch seine dicke Brille an und sagte: "Hei!" "Hei", sagte ich, "ich wollte mich so gerne mal mit dir unterhalten." Bevor ich nachschieben konnte, dass ich nämlich Journalistin sei, antwortete er schon: "Ja, das wird doch wohl möglich sein." Er rutschte wieder auf seinen Fahrradsitz: "Du weißt ja, wo ich wohne", sagte er und trat in die Pedale.

"Wann soll ich denn kommen?", fragte ich ihm verwirrt hinterher. "Wann du willst", sagte er im Davonradeln.

Ein paar Stunden später besuchte ich ihn in seinem gelben Haus, das wirklich nicht schwer zu finden war, und stellte mich eilig vor. Ihn interessierte aber gar nicht, wer ich war. Er hätte mit jedem geplauscht, der ihn darum bat. Er führte mich ins Wohnzimmer und zeigte mir das Bild seiner verstorbenen Frau, die er so sehr vermisse. Dann schenkte er mir in der Küche Kaffee ein und erzählte sein Leben.

Der Dialekt ist Beweis von Identität

Natürlich ist nicht ganz Norwegen so liebenswürdig, dennoch verkörpert der alte Mann in dem Dorf jenseits des Polarkreises für mich, was ich an den Norwegern so mag. Sie sind offen, ohne Misstrauen und helfen nur zu gerne. In diesem Land, das so groß ist wie das alte Westdeutschland, aber nur 4,5 Millionen Einwohner zählt, sind die Menschen einander etwas mehr wert als bei uns. Und sie sind außergewöhnlich kontaktfreudig. Jede neue Begegnung erfordert ein regelrechtes Befragungsritual. Hände schütteln, Namen nennen und schon fragt einer: "Woher kommst du?"

Am Dialekt hat man es meist schon ungefähr erkannt. Gekratztes "r": Südwest-Norweger. Gerolltes "r": Nordost-Norweger. Unmöglich, einen Menschen aus Stavanger für einen aus Trondheim oder Tromsø zu halten. Der erste spült die Sprache weich, der zweite quetscht seine Vokale, der dritte singt seine Worte.

Nun reicht es dem Gegenüber aber nicht, die Region zu erraten. Er will Genaueres wissen: aus welchem Tal, aus welchem Ort? Woraufhin er sofort die Namen aller Menschen hervorkramt, die als gemeinsame Bekannte in Frage kommen: "Kennst du Arild, der an der Tankstelle jobbt, sein Vater hat den ersten Hof auf dem Hügel, wenn du ins Tal fährst? Wir waren zusammen beim Militär." Norweger führen solche Gespräche mit nimmermüder Hartnäckigkeit. Der Spaß des Ausfragens liegt darin, dass die Erfolgschancen so wunderbar hoch sind.

Auch unter den jungen Leuten, die von Studium und Beruf durchs Land gewirbelt werden, ist "Woher kommst du?" liebstes Gesellschaftsspiel. Der Heimatort ist ihnen bei aller Mobilität unglaublich wichtig und der Dialekt deutlichster Beweis von Identität. Verachtung erntet daheim, wer "umlegt": seinen Dialekt abschleift und dem dominanten Oslo-Slang anpasst. Was aber automatisch passiert, wenn etwa jemand aus Setesdalen in die Hauptstadt zieht, denn sonst würde ihn kaum jemand verstehen.

Die Wildnis ist vollkommen durchorganisiert

Oslo ist wie jede andere europäische Stadt, seine Jugend trägt die gleichen Kleider und denkt die gleichen Gedanken wie bei uns. Das Land hat sich zwar viele altmodische Sitten bewahrt, wie wochenlange Abiturfeiern oder die inbrünstige Elchjagd. Doch gleichzeitig ist es eines der modernsten Länder Europas. Die technischen Neuigkeiten der letzten zwei Jahrzehnte habe ich alle zuerst in Norwegen kennen gelernt - teilweise Jahre, bevor sie nach Deutschland kamen. Das kleine Land ist wendig und reagiert schnell.

Spitzbergen: Norweger lieben das Leben in der freien Natur und haben ein Wort dafür - "friluftsliv"
Zur Großansicht
GMS

Spitzbergen: Norweger lieben das Leben in der freien Natur und haben ein Wort dafür - "friluftsliv"

Urlauber wähnen sich in Norwegen oft in der Wildnis, befreit von den Zwängen der Zivilisation. Doch ist diese Wildnis vollkommen durchorganisiert, jeder Flecken Erde unter Kontrolle. Schon 1990 rettete mich das Handy eines Freundes, als ich im Gebirge einen Unfall hatte. 2002 verlief ich mich im Pasvik-Tal, dem letzten europäischen Urwald nahe der russischen Grenzstadt Nickel. Der Urwald wird nicht von Menschen, sondern von Braunbären bewohnt. Ungläubig und voll Erleichterung sah ich, dass mein Handy sogar dort Empfang hatte.

Hilfe ist in Norwegen immer nah. Wähnen Sie sich nie unbeobachtet! Kaum haben Sie Ihren Campingwagen geparkt, weiß es der Grundbesitzer schon. Dass die deutschen Sportangler heimlich - wie sie glauben - ihre riesigen Kühltruhen mit norwegischem Wildlachs füllen und aus dem Land schmuggeln, ist ewiges Schlagzeilenfutter. Die Selbstbedienung ärgert die Norweger und rührt an Wunden, deren Schorf noch dünn ist: Von 1940 bis 1945 war Norwegen von Nazideutschland besetzt.

Die Besatzungszeit bleibt ein Trauma

Auch mein Großvater war als Gefreiter in Drammen am Oslofjord stationiert - einer von einer halben Million Besatzungssoldaten. Er freute sich, in das Land zurückgeschickt zu werden, wo er sich Ende der zwanziger Jahre in meine Großmutter verliebt hatte. Sie trafen sich auf einem Schiff der Hurtigrute: die reiche Bauerntochter aus Holstein und der arme Jurastudent, der in Paris studierte und sich sein Geld als Hafenarbeiter verdiente. Für beide war eine Reise durch die westnorwegischen Fjorde damals das höchste der Gefühle, hatte doch Kaiser Wilhelm II. persönlich sie in Mode gebracht. Noch heute hängt sein Porträt in einigen der prächtigen Holzhotels, in denen er mit seiner Entourage einkehrte.

Einem deutschen Soldaten wie meinem Großvater konnte im Zweiten Weltkrieg nichts Besseres passieren, als ins ruhige Norwegen geschickt zu werden. Für die Norweger aber ist die Besatzungszeit bis heute ein Trauma. Wie Geschwüre ziehen sich die einstürzenden deutschen Bunker an der gesamten Felsenküste entlang, Mahnmale an das letzte und schlimmste Kapitel in einer Geschichte jahrhundertelanger Fremdherrschaft.

Nach dem Krieg haben dafür vor allem jene norwegischen Kinder büßen müssen, deren Väter deutsche Soldaten waren. Bis in die dritte Generation halten viele Familien ihr deutsches Erbe versteckt. Ein Bekannter erzählte mir, seine Mutter sei ein Deutschenkind - doch sage er mir das nur, weil ich selbst deutsch sei, weitererzählen dürfe ich es niemandem. Er hatte die Familienschande zuvor noch keinem Menschen anvertraut.

"Freiluftleben" als Studienfach

Nicht nur wegen der Vergangenheit würden die Norweger uns wohl gerne das Campen auf freier Wildbahn verbieten. Doch damit schnitten sie sich ins eigene Fleisch. Und das ist gerade dort besonders schmerzempfindlich, wo es um das Leben an der frischen Luft geht. Die Norweger lieben es und haben sogar ein eigenes Wort dafür: friluftsliv, übersetzt "Freiluftleben". So heißt sogar ein Studienfach, das man zum Beispiel an der Hochschule von Bø belegen kann.

Die Autorin Nina Freydag, geboren 1970, war schon als Kind von Norwegen fasziniert und ging mit 17 Jahren auf ein norwegisches Gymnasium. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft in Oslo ist sie heute Journalistin und Redakteurin
Zur Großansicht
Picus Verlag

Die Autorin Nina Freydag, geboren 1970, war schon als Kind von Norwegen fasziniert und ging mit 17 Jahren auf ein norwegisches Gymnasium. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft in Oslo ist sie heute Journalistin und Redakteurin

Es gibt in der norwegischen Sprache einige solcher Wortschätze zu heben - Wörter, die bei uns einfach nicht existieren. Zum Beispiel vinterføre, eine praktische Sammelbezeichnung für alle Zustände winterlicher Straßen: losen Schnee, festgefahrenen Schnee, Glatteis, Schneematsch und Schnee mit eingegrabenen Fahrspuren (für die es jeweils natürlich auch noch eigene Wörter gibt). Gegenüber Ausländern hegen die Norweger ein grundsätzliches Misstrauen, ob sie auf vinterføre fahren können. Zum Erwerb eines Führerscheins gehört für sie eben unbedingt die Fahrstunde auf der Eisbahn.

Straßen sind der Norweger Nationalhobby und der Tunnelbau ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Ihren Reichtum aus dem Nordseeöl pumpen sie mit Vorliebe in die Sprengung irrwitzig langer Bergdurchfahrten und Unterwasserröhren. Natürlich halten sie darin alle Rekorde: Unter dem Oslofjord läuft die längste Unterwasserröhre der Welt; auf der Europastraße 16 nach Bergen liegt der Erde längste Bergdurchfahrt: 24,51 Kilometer Tunnel, auf dem an einer Stelle 1,4 Kilometer Fels lasten. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt durch den Lærdalstunnel - während der man selbstverständlich Radio hören und mit dem Handy telefonieren kann. Drei Felshallen tun sich auf, die blau und gelb bestrahlt sind.

Hinter Tromsø gibt es sogar eine unterirdische Kreuzung zweier Tunnel. In der Bauchhöhle des Berges einem anderen Auto die Vorfahrt zu lassen, ist ein einschneidendes Erlebnis. Da wird einem klar, wie sehr es die Norweger drängt, sich ihre widerspenstige Natur gefügig zu machen. Lange genug haben sie unter den senkrecht aufragenden Gebirgen gelitten, die sie mühsam überklettern oder wochenlang umrunden mussten. Kein Wunder, dass sie dabei aggressiv wurden, zurück auf ihre Schiffe flohen und fortan als Wikinger ihr Unwesen trieben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Europa
alles zum Thema Norwegen-Reisen

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE







TOP



TOP