Das norwegische Wort viking kommt von vik, die Bucht. Die Wikinger hießen also die "Buchtleute". Moderne Norweger fühlen kaum Verbindung zu ihnen, beim Wort viking denken sie vor allem an den Fußballklub von Stavanger. Ihr Nationalgefühl begründet sich viel mehr darin, ein Bauernvolk zu sein.
Bis heute wird scharf zwischen den Städten und den "Distrikten" getrennt. Die Landbewohner nennen ihre Hauptstadt Oslogryta, was der "Oslo-Kessel" bedeutet und beleidigend sein soll. Ein alter Freund von mir, der sehr an seiner Scholle klebt, behauptet, ein Besuch in Oslo verursache ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Er weigerte sich stets, mich dort zu besuchen.
Tatsächlich saugt Oslo das Land aus; bald ein Viertel aller Norweger wohnt in seinem Einzugsbereich. Die Landflucht ist jedoch kleiner als in anderen Ländern, denn die Subventionen für die Landwirtschaft sind hoch. Und es gibt längst eine Rückflucht aufs Land.
Mari, mit der ich auf die Journalistenschule gegangen bin, gab eine sehr erfolgreiche Karriere im Ballungsraum auf, um in ihr winziges Kaff zurückzukehren. Dort mitten im Nadelwald gibt es Wölfe, aber keine Arbeit. Also gründete sie mit ihrem Bruder, der in New York Grafikdesign studiert hatte, eine eigene Lokalzeitung. Seit drei Jahren erscheint dieses Blatt, das die beiden ganz allein schreiben, gestalten, vertreiben, für das sie selbst Fotos schießen und Anzeigen verkaufen - es sichert den Geschwistern ein Einkommen in der Heimat. Norweger sind übrigens viel fleißigere Zeitungsleser als wir. Und der Staat subventioniert die Presse dermaßen, dass mehr Zeitungen gedruckt werden als in jedem anderen Land der Welt - sechshundert Exemplare auf tausend Einwohner.
Ein Land kraftstrotzender Frauen und entspannter Männer
Norwegen ist wirklich ein modernes Land. Ein Land, in dem die Väter Kinderwagen schieben und viele Mütter ein Jahr nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten. Ein Land kraftstrotzender Frauen und entspannter Männer. Vor zwei Generationen waren die Norweger noch bitterarm, jetzt wollen sie mit ihrem Ölgeld dem Überlebenskampf ein für alle Mal ein Ende bereiten. Der norwegische Staat fährt jedes Jahr einen gigantischen Überschuss ein - er kann und will das Geld nicht verbrauchen. 845 Milliarden Kronen hatten die Norweger Anfang 2004 bereits angespart (rund 100 Milliarden Euro).
Die Europäische Union aber hat nichts von den vielen Kronen. Denn die Norweger, seit 1949 Nato-Mitglieder, stimmten 1994 zum zweiten Mal gegen die Mitgliedschaft in der EU. Ihr Erspartes fließt in den so genannten "Ölfonds", der helfen soll, wenn Öl und Gas in einigen Jahrzehnten ausgehen. Bis dahin werden die Milliarden rentabel angelegt, zum Beispiel in der Atomwaffenindustrie. Im Ausland natürlich, denn innerhalb seiner Grenzen will Norwegen nicht einmal Atomkraftwerke sehen.
Der norwegische Strom stammt aus den vielen Wasserkraftwerken. Jahrzehntelang war er so billig, dass das ganze Land mit ihm heizte. Dann kamen 2002 ein trockener Sommer und ein regenarmer Herbst, in den Stauseen sank das Wasser - und im Winter stieg der Strompreis. So hoch, dass einige Rentner sich nicht mehr trauten zu heizen und in ihren Wohnungen erfroren. Wochenlang tobte der Stromskandal durch die Schlagzeilen. Nüchtern betrachtet kostet Strom nun halb so viel wie bei uns. Und sparsam gehen sie noch immer nicht mit ihm um. Denn Licht, Licht ist doch das Schönste auf der Welt! Wo Licht ist, ist ein Norweger glücklich. Ausschalten, wenn man das Zimmer verlässt? Dann wäre es ja dunkel, wenn man wiederkommt!
Lebertran in Monaten mit r
Dabei ist es des Winters nicht etwa im ganzen Land rund um die Uhr finster. Bis hinauf nach Trondheim verhält sich der Winter unauffällig - das Weniger an Licht gleichen die Helligkeit des Schnees und "Møllers Tran" aus: Fischöl, aus vielen Lebern gepresst, gesäubert und abgefüllt in die berüchtigte grüne Flasche. An allen Monaten mit r im Namen - September bis April - sollen Norweger jeden Tag einen ekligen Esslöffel davon schlucken. Eine alte und kluge Tradition: Das Vitamin D im Fischöl ersetzt die Wirkung des Sonnenlichts.
Unter monatelanger Düsterkeit aber leiden vor allem die Menschen auf dem Archipel Svalbard, vom Festland durchs Polarmeer getrennt und von mehr Eisbären als Menschen bewohnt. Vom 14. November bis zum 29. Januar wird es in der Siedlung Longyearbyen gar nicht hell und die Zeit lang. (Übersetzt heißt sie "Langjahr-Stadt", was durchaus passt, aber Zufall ist: Benannt wurde sie nach dem Gründer des ersten Bergwerks, John Longyear.) Wenn die Strahlen der Sonne dann erstmals wieder die alte Krankenhaustreppe von Longyearbyen berühren, feiern die Einwohner ein ausschweifendes Sonnenfest. Am 20. April beginnt für sie dann die Zeit der Mitternachtssonne - bis zum 23. August wird es gar nicht mehr dunkel.
"Du sollst die Sommernacht nicht verschlafen, dafür ist sie zu hell!", lautet eine bekannte Liedzeile. Als sei im nordischen Sommer an Schlaf zu denken! Man wälzt sich im Bett, das Blut ist dünn wie Quecksilber, das Herz flattert. Schwirren, lachen, Unsinn machen, raus, raus, raus! In der Finnmark kleben die Kneipen die Fenster mit schwarzer Pappe zu, damit die Gäste die Ruhe finden, auch mal ein Bier zu heben.
Im langen Land an Europas Nordspitze lebt es sich zur Zeit besser als irgendwo sonst auf der Welt - statistisch belegt und subjektiv empfunden. Sogar schmecken lassen es sich die Norweger endlich: vorbei ist es mit dem tranigen Walsteak und den faden Fischfrikadellen. Im vergangenen Jahrzehnt hat Norwegen dreimal die Kochweltmeisterschaft "Bocuse d'Or" gewonnen - öfter als Frankreich.
Vor allem aber muss man Norwegen gerochen haben: die Süße des Hochmoors, das Salz der Schären, die Würze des Winterwalds. Nirgendwo duftet es köstlicher!
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